Das ultimative Lauf-Abenteuer

Rennen sind nicht alles. Warum unglaubliche Sololäufe die neuen Ultra-Läufe sind.
Ryan Sandes läuft durch den Fish River Canyon
Ryan Sanders Rekordversuch © Kolesky/Nikon/Red Bull Content Pool
Von Fredrik Ölmqvist

Ultra-Rennen sind vielleicht beliebt, aber der größte Trend im Trail-Running sind unglaubliche Solo-Abenteuer, auch Fastest Known Times (FKTs) [Schnellste bekannte Zeit] genannt. Es gibt keinen lauten Startschuss, wenn du alleine losläufst – nur deinen friedlichen Atemrhythmus, während dein Geist sich langsam öffnet.

An vorderster Front der FKT-Bewegung läuft der spanische Superstar-Bergläufer Kilian Jornet, der bisher eine Reihe beeindruckender Zeitrekorde verbuchen konnte. 2009 stellte er zwei neue Rekorde auf, als er den GR20 Trail auf Korsika in 32h 54min lief, und für den Tahoe Rim Trail in Kalifornien 38h 32min brauchte. 2010 lief er den Kilimandscharo in einer Rekordzeit von 7h 14min einmal hinauf und wieder herunter – und unterbot damit den vorherigen Rekord um zwei Stunden.

Mit seinem schnellen und ultra-leichten Mix aus Laufen und Klettern spielt Jornet in einer ganz eigenen Liga. Im September 2012 „lief“ er von Courmayeur über die Innominata Ridge (ein technischer Aufstieg) und erreichte nach 6h 17min den Gipfel des Mt Blanc auf einer Höhe von 4.808m. Dann ging es weiter, Europas höchsten Berg hinab nach Chamonix, wo Jornet nach 8h 43min auf dem Rathausplatz ankam.

Auch andere Ultraläufer haben bemerkenswerte FKTs aufgestellt, wie beispielsweise Elizabeth Hawker. Sie absolvierte im April 2013 ihren dritten Lauf vom Basislager am Mount Everest nach Kathmandu, und brachte in 63h 8min ganze 319 km hinter sich. „Eine wilde und wunderbare Reise voller Kontraste“, beschrieb sie ihren Lauf. „Man spürt das Rohe und die Verletzlichkeit, doch gleichzeitig findet man in sich eine körperliche, geistige und spirituelle Stärke. Man lebt im Hier und Jetzt.“

Jez Bragg läuft auf dem Te Araroa Trail nahe der Two Tumbs Range
Jez Bragg läuft in Neuseeland © Damiano Levati / The North Face

Im Februar 2013 lief der Brite Jez Bragg innerhalb von 53 Tagen auf dem 3.054 km langen Te Araroa Trail quer durch Neuseeland. Im August 2012 stellt der südafrikanische Ultraläufer Ryan Sandes auf dem namibischen Fish River Canyon Hiking Trail einen neuen Zeitrekord auf. Sandes lief den 84 km langen Trail ohne Hilfsmittel in 6h 57min, und verbesserte den alten Rekord aus dem Jahr 2003 um vier Stunden. „Es ging mir nicht um einen neuen Rekord, sondern eher um das Erlebnis.“

Die Gründe für den Trend variieren. Eine Erklärung liefert die Entwicklung von ultra-leichter Laufausrüstung, die es Läufern ermöglicht, auf sich gestellt immer längere Distanzen zu laufen.

Doch der Trail-Autor Adam Chase weist auf einen anderen Grund hin. Läufer haben es satt, Rennen zu absolvieren, bei denen innerhalb weniger Minuten alle Startplätze vergeben sind, und für die sie Anmeldegebühren zahlen müssen. Ihre Motivation liegt in der Suche nach Einsamkeit, meint Chase.

Der schwedische Ultraläufer Markus Torgeby, der vor kurzem versuchte, die 1.300 km lange Strecke des Schwedischen Gebirges zu laufen, sagt, das Laufen in der Wildnis würde starke Gefühle hervorrufen.

„Allein, nur mit dem Notwendigsten ausgestattet, weit weg von Straßen und der Zivilisation muss man seinen eigenen Instinkten vertrauen. Ich mag den Gedanken, dass man auch in den Bergen allein mit der Kraft der eigenen Beine sehr weit kommt. Solche Läufe sind weniger strukturiert, sondern eher kreativ.“

Porträt von Kilian Jornet in den Wäldern von La Palma.
Kilian Jornet im Wald © zooom.at/Markus Berger

Solo-Abenteuer bescheren dem Laufen eine unglaubliche Dimension. Einige treibt die Neugier nach dem Möglichen an. Andere sind auf der Suche nach einer romantischen, fast mystischen Verbindung zur Natur. Wie Kilian Jornet sagt: „ Wir sind Bergläufer, weil wir uns gerne frei fühlen, und die Natur spüren wollen. Wenn man diese Emotionen mit Freunden, anderen Läufern und Menschen teilen kann, dann ist das einfach fantastisch!“

Rekordverdächtig: Diesen Sommer plant Anton Krupicka die Überquerung des 145 km langen Continental Divide Trails in Colorado, bei der er 14 verschiedene 4.300 m hohe Gipfel passiert.

Jornet plant Zeitrekorde auf dem Aconcagua, dem Mount McKinley (Denali) und dem Everest.

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