Die unvollendete Antarktis-Odyssee

Zwei britische Entdecker wollen die schicksalshafte Reise der Polarlegende Captain Scott vollenden.
Saunders wird zum Südpol und zurück wandern. © Andy Ward
Von Andy Pag

Sie ist eine der berühmtesten Polarexpeditionen aller Zeiten. Im Jahr 1912 starben Captain Robert Scott und seine Männer an Erschöpfung und Unterernährung in ihrem Zelt, nachdem sie erfolglos versucht hatten, als erste Menschen den Südpol zu erreichen.

Einhundert Jahre später wollen die britischen Abenteurer Ben Saunders (35) und Tarka L’Herpiniere (32) auf Scotts Spuren wandeln und seine Reise zum Südpol und zurück vollenden. Diese Woche machen sie sich auf den Weg zum eisigen Kontinent.

Das Abenteuer ohne fremde Unterstützung, das seit 101 Jahren nicht versucht wurde, wird Weltraumtechnologie mit den grenzüberschreitenden Fähigkeiten des menschlichen Körpers verbinden.

Saunders leitete schon viele Polarexpeditionen. © Andy Ward

„Ich arbeite seit fast 10 Jahren an diesem Projekt“, sagt Saunders. „Es hat mich schon immer fasziniert. Die meisten Menschen kennen Captain Scott und seine Geschichte ein wenig. Die Tatsache, dass diese Reise nie vollendet wurde, war für mich so etwas wie eine Berufung.“

Die Expedition wird versuchen, Captain Scotts genaue Route zum Südpol und zurück zur Antarktisküste zu Fuß nachzuvollziehen. Die Strecke entspricht 69 Marathonläufen in Folge, wobei das Team mit Temperaturen bis zu -50 °C zu kämpfen hat und täglich bis zu 6000 Kalorien verbrauchen wird.

Es ist Saunders erste Expedition zum Südpol und er hätte eine leichtere Route auswählen können als die gigantische 2.880 Kilometer-Strecke, die längste Polarreise ohne fremde Unterstützung aller Zeiten. Aber, sagt er, „Ich habe diese Pioniere schon immer bewundert und ich will die Herausforderung nicht unternehmen, wenn ich dabei nicht an meine Grenzen gehe.“

Seit 10 Jahren träumt Saunders von dieser Reise. © Andy Ward

Um die £1,5 Millionen [über 1,7 Millionen Euro] teure Expedition zu filmen, verwenden Saunders und L’Herpiniere speziell für sie gefertigte Hardware von Intel, um unterwegs Bilder und Videos hochladen zu können. Das Duo schleppt seine gesamten Vorräte und die Ausrüstung für die viermonatige Reise in Schlitten, die 200 Kilogramm wiegen. Zudem werden sie in strategisch gewählten Abständen Lebensmittel und Brennstoff deponieren, die sie auf dem Rückweg nutzen. Sie werden ihre Vorräte selbst an der bemannten Forschungsstation am Südpol nicht aufstocken.

Die letzten beiden Abenteuer von Saunders waren vom Pech verfolgt. Im Jahr 2010 unternahm er eine Skiwanderung zum Nordpol und wollte den Geschwindigkeitsrekord aufstellen, doch schon nach wenigen Tagen brach eine Skibindung.

Da er nur wenig Ausrüstung mit sich trug und keinen Ersatz dabei hatte, musste er den Versuch abbrechen. Im nächsten Jahr versuchte er es erneut, wurde jedoch drei Wochen lang vom schlechten Wetter in Resolute in Nordkanada aufgehalten und sagte die Expedition schließlich ab.

Im Jahr 2004 war Saunders mit nur 26 Jahren der jüngste Mensch, der eine Solo-Expedition zum Nordpol unternahm. Im darauffolgenden Jahrzehnt leitete er 10 Expeditionen über das arktische Treibeis zum Nordpol und durch die eisigen Landschaften von Grönland.

Er wurde von Eisbären angegriffen, litt an Erfrierungen und verpasste auf dem schnell schwindenden Schelfeis beinahe das Twin Otter-Flugzeug, das ihn mitnehmen sollte.

Das Training war hart. © Andy Ward

Die Reise von Captain Scott zählt zu den legendärsten – und umstrittensten – Expeditionen in der Geschichte der Polarexpeditionen. Im Wettstreit um die Ersterreichung des Südpols wurde er 1911 von dem Norweger Roald Amundsen geschlagen. Er und seine Männer starben nur 18 Kilometer von ihrem nächsten Vorratslager entfernt an Erschöpfung.

Als Captain Oates das Zelt verließ, um zu sterben und nicht länger seinem Team zur Last zu fallen, hinterließ er der Welt die vielleicht heldenhaftesten Worte: „Ich geh mal eben raus und es kann eine Weile dauern.“

Für Saunders beginnt der erfüllendste Teil der Expedition nach dem Erreichen des Pols. „Ich freue mich mehr auf den Rückweg zur Küste als auf das Erreichen des Südpols.“

Wenn sie den Ort passieren, an dem Scott starb, wird Saunders nicht länger auf dessen Spuren wandeln, sondern seine ganz eigene, frische Spur im Schnee hinterlassen.

Hier kannst du die Expedition verfolgen.

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