Die Everest-Rauferei: Was wirklich geschah

„High Tension" enthüllt Einzelheiten der größten Bergsteigestory des Jahres.
Ueli Steck direkt bevor die Konfrontation eskalierte
Ueli Steck vor der gewalttätigen Konfrontation © Jon Griffith
Von Brendan Leonard

Es war die Kletterstory, die aus genau den falschen Gründen in aller Welt Schlagzeilen machte — eine Rauferei am Everest zwischen den bekannten Bergsteigern Ueli Steck, Simone Moro und Jonathan Griffith und einer Gruppe von Sherpas. Zachary Barr, ein Radioreporter des öffentlichen Rundfunks, plante bei seinem ersten Einsatz für Sender Films, einen Film über den Versuch der Bergsteiger zu machen, eine neue Route auf den Everest und den Lhotse zu eröffnen. Doch alles kam anders. Der Film „High Tension” dokumentiert die Vorkommnisse, die Folgen und die Auswirkungen auf die Zukunft des Bergsteigens am Everest. Der Film wurde am 19. September auf dem Reel Rock 8 Filmfestival zum ersten Mal gezeigt, und wird zur Zeit auf den verschiedenen Stopps der Reel Rock Tour gezeigt. Wir stellten Barr einige Fragen über den Film.

Zachary Barr, in der Mitte © Mit freundlicher Genehmigung von Sender Films

Du bist zum Everest geflogen, um eine ganz bestimmte Story zu filmen – und bist mit einem völlig anderen Film zurückgekommen.
Die Überraschung hätte nicht größer sein können. Am Morgen nach der Rauferei meldeten sich Jonathan, Ueli und Simone aus dem Basislager über Skype bei mir. Wir sprachen über eine Stunde miteinander, und ich konnte nicht fassen, was ich da zu hören bekam. Ich war zu der Zeit noch in Boulder. Als sie anriefen, war ich gerade dabei, alles Nötige zusammenzupacken, um mich nach Nepal aufzumachen und sie im Basislager zu treffen. Sie sagten mir, dass ich nicht kommen solle. Die Expedition sei abgebrochen und sie wollten nach Hause kommen. Aber ich wusste, dass das eine riesige Story werden würde, eine großartige Gelegenheit für einen Film. Und den Film würde es nur geben, wenn ich hinfliegen würde.

Also beschlossen Pete Mortimer, Nick Rosen und ich, dass ich dennoch hinfliegen sollte, und wir es versuchen würden. Ehrlich gesagt dachten wir: „Naja, das Flugticket bekommen wir eh nicht erstattet, also riskieren wir’s einfach.” Ich weiß noch, dass ich dachte, dass ich da hinfliegen würde, herausfinden würde, dass die Voraussetzungen für einen Film hoffnungslos sind und zurückfliegen würde.

Aber die Geschichte war zu interessant, um sie einfach zu ignorieren. Wir mussten es versuchen. Also, tja, ursprünglich ging ich davon aus, einige der weltbesten alpinen Bergsteiger im Everest Base Camp zu treffen, um einen Film über das Bergsteigen zu drehen. Stattdessen fand ich mich alleine im Basislager wieder und versuchte, einen Film über einen Streit zwischen hochgeachteten Sherpas und hochgeachteten alpinen Bergsteigern zu drehen. Das kam absolut unerwartet, und die Situation war seltsam.

Die Bergsteiger auf dem Weg nach oben mit Hilfe von Leitern
Bergsteiger auf dem Weg nach oben © Jon Griffith

War es eine Herausforderung, die Story aus der Sicht der Sherpas darzustellen?
Wir wollten natürlich von vorneherein auf beide Seiten der Story eingehen. Ich verbrachte einen Monat in Nepal, um zu recherchieren. Ich habe Dutzende von Interviews gemacht. Diese Interviews - offizielle und inoffizielle – vermittelten mir einen guten Eindruck der Geschehnisse.

Die Story war oberflächlich gesehen ein Streit über die Bergsteige-Etikette. Wer hat auf den Bergen das Wegerecht? Kann eine Gruppe Eigentum an einer Route geltend machen? Doch ziemlich schnell wurde klar, dass es bei der Sache um eine Menge mehr ging, als nur die Etikette und das, was an jenem Tag am Lhotse Face geschah. Etikette und die Ereignisse an jenem Tag waren keine Erklärung für das, was im Camp 2 geschah.

Blick auf Camp 2 im majästetischen Tal des Schweigens am Everest
Blick auf Camp 2 © Jon Griffith

Die Aufnahmen des Streits sehen krass aus. Wie bist du an die Aufnahmen gekommen?
Ich war nicht persönlich am Everest, als es zu dem Streit kam. Ich war noch in Boulder, um mich auf die Reise dorthin vorzubereiten. Unser Fotograf Jonathan Griffith machte keine Bilder des Streits, da er sich um andere Dinge kümmern musste. Aber wenn man sich den Film ansieht, merkt man das nicht. Die Aufnahmen, die man vom Streit am Camp 2 sieht, stammen von einer Reihe von Augenzeugen.

Jeder auf dem Mount Everest hat einen Fotoapparat oder ein Smartphone - oder beides. Natürlich machten die Leute Videos und Fotos von dem, was sich direkt vor ihren Augen abspielte. Es gab eine Menge Zeugen. Meine Aufgabe bestand darin, diese Leute zu finden, und ihre Erlaubnis zur Nutzung ihrer Aufnahmen für den Film einzuholen.

Die drei Bergsteiger posieren für ein Gruppenfoto in ihrem Zelt am Mount Everest
Die drei Bergsteiger nach dem Angriff © Jon Griffith

Ueli Steck ist ein ziemlich zurückhaltender, sanfter Typ, und Simone Moro hat ein feuriges Temperament – wie war die Arbeit mit den beiden?
Beide sind gute, wirklich gute Typen. Sie hätten nicht hilfsbereiter und freundlicher sein können. Aber aus nahliegenden Gründen waren sie zuerst wirklich nervös bei dem Gedanken, einen Film darüber zu machen, wie sie von Sherpas angegriffen wurden, und warum sie ihren Traumaufstieg nicht beenden konnten. Doch dankenswerter Weise hatten sie das Vertrauen, uns ihre Geschichte zu erzählen.

Wie waren die Reaktionen bisher?
Wir haben viel positive Resonanz bekommen. Viele Leute sagten uns, dass dies der beste Film sei, den Sender Films bisher gemacht habe. Ich glaube, das liegt daran, dass wir uns in der zweiten Hälfte des Films nicht mehr ausschließlich auf das Bergsteigen konzentrieren, sondern auf ziemlich komplexe, brisante Fragen eingehen: Aspekte wie Ungerechtigkeit, inwieweit Gewinne Vorrang vor Sicherheit haben, dass Sherpas häufiger als Ausländer ihr Leben verlieren. Aber wenn du dir das REEL ROCK-Festival nur ansiehst, um Inspiration zu finden und einige abgefahrene Szenen zu sehen, dann wird das vermutlich nicht dein Lieblingsfilm werden. Doch hoffentlich kannst du dennoch was über den Everest und die Leute lernen, die dort arbeiten – und bei der REEL ROCK-Tour kannst du auch andere Filme mit Hazel Findlay, Daniel Woods und Yuji Hirayama sehen, die einige wirklich wahnsinnig schwierige Felskletterrouten zeigen.

Was nehmen die Zuschauer von dem Film mit nach Hause?
Ich hoffe, die Leute diskutieren weiter, wenn sie aus dem Filmsaal gehen. Ich hoffe, die Leute fragen sich, wie sie in der Situation reagiert hätten, mit der sich Ueli und Simone konfrontiert sahen. Hätten sie die gleichen Entscheidungen getroffen? Wie sollten die Sherpas, die den Streit begonnen haben, von ihren Arbeitgebern zur Verantwortung gezogen werden? Inwiefern tragen auch die ausländischen Bergsteiger Verantwortung für den Streit? Aber all dies wäre ein zusätzlicher Bonus – ich hoffe vor allem, dass die Zuschauer den Film mögen.

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