Chile: Ein neuer Weltrekord im Drachenfliegen

Tom Weissenberger und Werner Luidolt fliegen 353 km und brechen den Weltrekord im Drachenfliegen.
© Thomas Weissenberger
Von Evan David

Wenige Menschen können von sich behaupten, 350 km an nur einem Tag und ohne die Hilfe eines Motors geflogen zu sein. Doch alles, was Thomas Weissenberger dafür braucht, ist ein Drachen.

Der Österreicher begab sich auf einen atemberaubenden Flug über die traumhaften Berggrate der Cordillera-Küste. Als er acht Stunden später landete, hatte er den Weltrekord für einen „out and back“-Flug gebrochen, was soviel heißt, wie in die Wildnis rauszufliegen und zurückzukommen. Wie dieses Video illustriert, war die „Mission: Records Week Chile“ ein Erfolg. Wir hatten noch ein paar Fragen.

Wie fühlt es sich an?
Nach vier Jahren Planung ist es natürlich toll, dieses große Ziel erreicht zu haben! Es ist eine sehr befriedigende Erfahrung für mich und das Team.

Das war eine ziemlich anspruchsvolle Herausforderung. 

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Der Absprung zum Rekordversuch © Werner Luidolt

Ja, das war es...
Von der ersten Idee bis zur Umsetzung war viel Risiko mit im Spiel. Und ich musste mich natürlich fragen, ob es überhaupt möglich ist, diesen Versuch zu wagen. Noch dazu bin ich noch nie in Chile geflogen. Ich kannte weder die Gegend, noch ist jemals jemand an den vulkanischen Hängen entlanggeflogen. Wenn man dann noch versucht, einen „out and back“-Flug zu realisieren, und das entlang der steilen Kliffs zwischen der Atacama-Wüste und dem Südpazifik, dann hat man es mit einer echten Herausforderung zu tun – flugtechnisch und mental!

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Vorbereitung zum Absprung © Thomas Weissenberger

Was war die größte Herausforderung?
Da gab es einige, wie die Erkundung des 500 km langen vulkanischen Kliffs. Nachdem wir alle Aspekte des Flugs berücksichtigt hatten, entschlossen wir uns, die Strecke auf 300 km südlich von Iquique zu begrenzen, denn diese Strecke lässt sich noch mit dem Auto über eine Küstenstraße erreichen. Dann hatten wir es mit dem unerwarteten Problem zu tun, dass der Ozean wegen der Humboldt-Strömung direkt vor der Küste sehr kalt ist.

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In die Wolken © Werner Luidolt

Das führt zu einer Inversionswetterlage, die einen niedrigen thermischen Auftrieb für mich als Drachenpilot bedeutet. Jeder weiß, dass wir vom Wind und der Sonne abhängen, doch es war eine neue Erfahrung, auch von der Temperatur des Ozeans beeinflusst zu werden.

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Schwebend über dem Meer © Thomas Weissenberger

Wie empfindest du es, durch die Lüfte zu schweben?
Wenn meine Füße den Boden verlassen – Drachenfliegen ist mit dem Flug eines Vogels vergleichbar – dann nehmen meine Gedanken eine andere Dimension an, ich begebe mich in eine völlig andere Welt der Wahrnehmung. Meine Sinne sind ganz auf meinen Drachen gerichtet, den Wind, die Aufwinde, die Wolken, die Landschaft und die Dynamik der Geographie.
Mein Unterbewusstsein spielt auch eine wichtige Rolle, und ich schenke ihm große Beachtung, wenn es um Entscheidungen geht. Am Anfang meiner Flugkarriere war mein Denken zu rational und logisch, so wie ich es in der Schule gelernt habe. Also eines der wichtigsten Dinge, dich ich durch das Fliegen gelernt habe ist, auf mein Unterbewusstsein zu hören.

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Thomas gleitet über den Klippen © Thomas Weissenberger

Wie fest hast du an deinen Erfolg geglaubt?
Mit 20 Jahren Erfahrung wusste ich, dass ich die nötigen Flugfähigkeiten mitbringe, aber es war schwer einzuschätzen, ob das Territorium diesen Rekord zulassen würde. Aber es ist auch unglaublich, wie weit Selbstvertrauen, Glaube, Entschlossenheit und vor allem die Freude am Fliegen einen bringen kann...

Wie bereitest du dich mental darauf vor?
Vor jedem Flug konzentriere ich mich auf drei Dinge: meinen Kopf, mein Herz und mein Bauchgefühl. Ich brauche meinen Kopf für die Zusammenhänge und meine feinmotorischen Fähigkeiten; mein Herz sagt mir, ob ich am richtigen Ort bin; und mein Bauchgefühl hilft mir mit der Intuition. Während des Fluges sammele ich ungefähr jede Stunde einmal meine Gedanken, konzentriere mich darauf, meinen Puls niedrig zu halten und überprüfe meine Konzentration. Sonst kann es gefährlich werden!

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Ein Lächeln des Erfolges © Thomas Weissenberger

Und was kommt als nächstes?
Da wir gerade bei den Rekorden sind, ein Weltrekord im Dreiecksflug von 360 bis 400km würde mich noch reizen, aber nicht in Australien, Afrika, den USA oder sonst in einem fernen Land. Nein, bei mir zu Hause in den Alpen möchte ich ihn fliegen! Es ist hier in den Alpen zwar doppelt so schwierig als sonst wo, dafür aber an Panorama und Erlebniswert doppelt so hoch. Abgesehen davon wäre es an der Zeit, einen Rekord nach Europa zu holen und unsere Alpen fliegerisch wieder ins rechte Licht zu rücken – dem landschaftlich schönsten und majestätischsten Gebiet überhaupt!

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