Charly Gabl: Prognosen für das höchste Niveau

Dr. Charly Gabl über Meteorologie, seinen Respekt für Alpinisten und eine staatstragende Prognose.
Charly Gabl erklärt eine Wetterkarte
Der Wettermann © Lukas Pilz
Von Simon Schreyer

Dr. Karl „Charly” Gabl ist der stille Held hinter vielen erfolgreichen Besteigungen der höchsten Berge der Welt. Gabl ist ein hoch zuverlässiger und langjährig erfahrener Meteorologe beim 1851 geründeten ZAMG in Innsbruck. Auf seine Vorhersagen des jeweils günstigsten Zeitfensters für eine Gipfelbesteigung verlassen sich Bergsteiger wie Gerlinde Kaltenbrunner, Reinhold Messner, David Lama, Axel Naglich oder die Huber Buam. In einem Gespräch beim Bergfilm-Festival im Salzburger Das Kino erklärte er die hohe Kunst einer treffsicheren Prognose.

Wieso sind Deine Wettervorhersagen so gefragt unter Top-Alpinisten?
Ich bin kein Zauberer, aber ich habe mir unter Weltklasse-Bergsteigern einen Namen gemacht, die mich in ihren Vorträgen und Filmen erwähnen. Das ist ein unersetzliches Marketing, für das ich allerdings noch nie einen Cent gezahlt habe (lächelt). Sicher ist es auch von Vorteil, dass ich Bergführer bin und mich in den 1980er Jahren mit Ralf Dujmovits [Besteiger aller14 Achttausender und Ehemann von Gerlinde Kaltenbrunner; Anm.] angefreundet habe.

Hinzu kommt: Meine zumeist befreundeten Kunden unterhalten sich gern am Telefon mit mir, weil ich meine Analysen oft mit einer persönlichen Note bereichere. Es ist so eine Art mentale Stärkung, die sie an diesen ausgesetzten, gefährlichen Orten gut gebrauchen können.

Charly Gabl, der Wettermann
Gabls eigene Erfahrungen nutzen seinen Berichten © Charly Gabl

Was war bisher die größte Veränderung im „Wettergeschäft“?
Der Computer in den 1970er Jahren, keine Frage. Vorher benötigte man drei Monate, um das Wetter für den nächsten Tag vorherzusagen. Der Computer kann Massen von Daten in zehn Minuten verarbeiten und auch globale Entwicklungen berücksichtigen. Hoch- und Tiefdruckgebiete erstrecken sich über tausende von Kilometern.

Machen wir heute also bessere Wettervorhersagen?
Wir erreichen heute bei einer Prognose für fünf Tage leicht eine Ergebnissicherheit von 80 Prozent. Vor allem, wenn es darum geht, die Bewegungen des Jetstreams, eines langen, horizontalen Starkwindbandes, vorherzusagen. Die Genauigkeit liegt in diesem Fall bei etwa 95 Prozent im Vergleich zu vorher, als 60-70 Prozent normal waren. In den 1950ern waren nur zwölf Prozent der Bergsteiger, die einen Achttausender besteigen wollten, erfolgreich, heute sind es mehr als 35 Prozent. Hier hat sich die Erfolgsquote verdreifacht, aber das liegt nicht nur an der Wettervorhersage sondern auch an der Logistik und der besseren Ausrüstung.

Charly Gabl posiert in seinem Büro für ein Porträt.
Charly Gabl, Gebirgswettermann, in seinem Büro © © Joachim Stark

David Lama hält große Stücke auf Dich.
Ich habe David viele Male beraten – und einmal hat das auch der Österreichische Bundespräsident Dr. Heinz Fischer getan! Er wollte mich besuchen und sehen, wie ich arbeite. Da kamen also die Limousinen am Parkplatz vorgefahren und ich rannte hinunter, und rief: „Herr Bundespräsident, wir müssen uns beeilen. In zehn Minuten ruft David Lama aus Patagonien an und Sie müssen ihm die Wettervorhersage durchgeben!” Er stimmte begeistert zu.

Wir besprachen also die Niederschlagssäulen und die Windgrafiken, er machte sich einige Notizen und um Punkt Viertel nach fünf rief David an - und Bundespräsident Fischer gab ihm persönlich den Wetterbericht durch.

Poträt - Charly Gabl
Gabl ist auch ein aktiver Bergführer © Lukas Pilz

Bist Du auch emotional in die Expeditionen involviert, für die Du Prognosen triffst?
Ja, sicher! Ich stehe manchmal mitten in der Nacht auf, um die Position der Wetterballone zu prüfen, aus deren Flug die Geschwindigkeiten unterschiedlicher Wolkenschichten errechnet werden, und um zu sehen, ob alles entsprechend meinen Berechnungen läuft. Offiziell bin ich ja im Ruhestand, aber ich berate weiterhin Bergsteiger, die in der Regel auch meine Freunde sind. Es war auch für mich in Innsbruck dramatisch und nervenaufreibend, als Gerlinde 2007 den K2 über den Nordpfeiler bestieg. Sie brauchte auf dem letzten Abschnitt 13 Stunden für nur 300 Meter!

Bist du selbst noch ein aktiver Bergsteiger?
Ich gehe heute immer noch gerne bergsteigen, Ski fahren und wandern. Ich habe fast vierzig Fünftausender bestiegen, und in zwei Tagen fliege ich für einen entspannten Trekking-Urlaub nach Nepal.

Charly Gabl zeigt sein neues Buch über Gebirgswetter
Charly Gabl mit seinem Buch über Gebirgswetter © Lukas Pilz

Für welche Orte sind die Vorhersagen am schwierigsten?
Für Patagonien etwa. Es liegt in der südlichen Hemisphäre, wo die Landmasse geringer ist. Das heißt, Sturmfronten bewegen sich über große Distanzen schneller, da die Wolken auf weniger Reibungswiderstand stoßen, als wenn sie sich über Land bewegen.

Und das Himalaya-Gebirge?
Alle extrem hohen Berge sind schwer vorherzusagen, weil die Wettermodelle bei derartigen Höhen nicht präzise sind. Ich habe Daten schon falsch interpretiert und fälschlicherweise geringen Schneefall angekündigt, oder auch Wind nicht vorhergesagt, der den Neuschnee verblasen würde. Dreißig Zentimeter Pulverschnee anstatt drei an einem Ort wie der Nordwand des K2 können eine Expedition dermaßen verlangsamen, dass der Zeitplan völlig über den Haufen geworfen wird. Abgesehen von der offensichtlichen Gefahr: Lawinen.

Wie stehst Du zu abenteuerlichen Bergfahrten?
Athleten wie die von Red Bull haben den Ruf draufgängerisch zu sein. Sie sind auf der Suche nach Abenteuern, aber sie sind gleichzeitig sehr vorsichtig, wobei Red Bull dafür sorgt, dass alle möglichen Sicherheitsvorkehrungen getroffen werden können. So war es auch bei der Erstbesteigung und Ski-Befahrung des Mount St. Elias an der Küste von Alaska durch Axel Naglich. Dort schneit es bis zu 40 Meter in einem Jahr und gerade die Gipfelflanke ist bezüglich Schneebrettern beinah unberechenbar, was mir nervlich ziemlich zu schaffen machte. Bei so etwas leide ich furchtbar. Das hab ich dem Axel aber nie gesagt (schmunzelt).  

Welche Erfüllung bringt Deine Arbeit mit sich?
Ich verlange für meine Ratschläge kein Geld. Für mich ist die schönste Belohnung die sichere Rückkehr der Leute, die ich berate – egal, ob sie den Gipfel erreicht haben, oder nicht.

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