Orientierung anhand der Natur

Schalte dein GPS aus, um ein echtes Abenteuer zu genießen - sagt der Experte Tristan Gooley.
Die Sterne strahlen vom Himmel.
MeiliSnow Mountain © Nutthavood Punpeng
Von Tristan Gooley

Heute, wo wir sogar auf unsere Telefone Landkarten laden können und sie mit einem GPS ausgestattet sind, brauchen wir da noch die Kunst der Orientierung anhand der Natur? Genauso könnte man auch fragen, ob wir in den Zeiten des Fast Foods noch gute Küche brauchen. Natürliche Orientierung – das ist die Kunst anhand der Sonne, des Mondes, der Sterne, des Wetters, der Pflanzen und der Tiere deinen Weg zu finden – was natürlich nicht immer nötig ist, wenn du einfach nur von A nach B kommen möchtest.

Aber es ist ein wesentlicher Punkt, wenn du daraus eine interessante Reise machen möchtest. Natürliche Orientierung steht im gleichen Verhältnis zum GPS, wie Mozart zu Simon Cowell, wie Raclette zu einem Bic Mac. In der libyschen Sahara lernte ich von den Tuareg-Nomaden, wie ich meinen Weg anhand der Sanddünenform finden konnte. Und im Herzen von Borneo lehrte mich das Volk der Dayak, meinen Weg mit Hilfe der Flüsse zu finden. Diese Tipps hier werden dir helfen, nach Hause zu kommen.

Der Autor auf Entdeckungsreise- libysche Sanddünen.
Die Sanddünen können die Windrichtung preisgeben © Tristan Gooley / naturalnavigator.com

Wind

Der Wind hinterlässt überall auf der Welt beeindruckende Spuren. Von Mitten auf dem Atlantik, wo man ihn an den Wellenkämmen ablesen kann, bis zu den Spitzen der Bäume, die von den vorherrschenden Winden gebogen werden. Der Wind ist da, um dir zu helfen, die Richtung anzugeben. Wenn du aufmerksam bleibst und gut beobachtest, aus welcher Richtung die Winde hauptsächlich wehen, dann findest du überall auf der Welt Kompassnadeln.

In der libyschen Sahara lernte ich von den Tuareg-Nomaden, wie ich meinen Weg anhand der Sanddünenform finden konnte.

Im Schnee kannst du nach konstanten vertikalen weißen Streifen an Bäumen Ausschau halten – von dieser Seite bläst der Wind – und das wird über große Bereiche zu beobachten sein. Du kannst die Windrichtung auch anhand des Schneeaufbaus an den Seiten eines Hindernisses ablesen. Auf der windzugewandten Seite entstehen feste Ablagerungen und längere, weichere Anhäufungen auf der Leeseite. Diese Technik funktioniert auch mit Sand.

Pfützen auf der Südseite des Weges Richtung Osten.
Die Stelle der Pfützen können den Norden anzeigen © Tristan Gooley / naturalnavigator.com

Sonne

Zu verstehen, aus welcher Richtung die Sonne den ganzen Tag scheint, braucht ein bisschen Ausbildung und Praxis, doch jeder in Europa und den USA sollte sich darüber im Klaren sein, dass sie im Süden steht, wenn sie am Mittag ihren Zenit erreicht. Deswegen wirst du auf Strecken, die von Osten nach Westen verlaufen, mehr Pfützen auf der südlichen Wegseite finden, als auf der nördlichen, wo die Sonne am Mittag leichter hin scheint um sie auszutrocknen.

Schneestreifen
Bäume stellen viele Orientierungshilfen. © Tristan Gooley / naturalnavigator.com

Bäume

Ich habe zwölf verschiedene wissenschaftliche Beweise zusammengestellt, anhand derer man sich mit Hilfe von Bäumen orientieren kann. Und das ist ohne die Flechten, Algen und Moose zu beachten, die auf ihnen wachsen. Jeder, der sich als ein Naturliebhaber und Outdoorfreund bezeichnet, sollte lernen, ein Gebiet anhand der Bäume grob einschätzen zu können.

Sie geben Aufschluss über Bodenbeschaffenheit und über die Höhe. In gemäßigten Regionen deuten Buchen auf trockenes Land hin, während Weiden und Erlen unsichtbare Flüsse in der Ferne anzeigen können. Je höher man kommt, desto kleiner werden die Bäume und gehen in eine widerstandsfähigere Art über, wenn man sich der Baumgrenze nähert.

Kondensstreifen-Tendenzen von Nordwest nach Südost in England.
Kondensstreifen von Nordwest nach Südost in Europa © Tristan Gooley / naturalnavigator.com

Wolken

Jede Wolke kann bei der Orientierung helfen – mit etwas Übung. Eine der schnellsten Techniken ist jedoch, nach den Kondensstreifen Ausschau zu halten. Bei den richtigen atmosphärischen Bedingungen ziehen hoch fliegende Flugzeuge lange weiße Spuren von kondensiertem Wasserdampf hinter sich her. In diesen Linien lassen sich Tendenzen von zuverlässigen Mustern an den Orten ablesen, an denen viel geflogen wird. Wenn du also die Tendenzen in deiner Region kennst, dann sind diese Kondenssteifen wie ein großer Kompass im Himmel. Im Nordwesten Europas tendieren sie dazu, Linien vom Nordwest nach Südost zu zeichnen.

Städte

In Städten sind die TV-Satellitenschüsseln eine große Hilfe, denn sie haben ebenfalls beständige Tendenzen, die sich zu kennen lohnen. Doch meine Lieblingstechnik in der Stadt ist mehr eine Kunstform meines Handwerks. Wenn man die Gewohnheiten des allgegenwärtigen Tieres, das sich Mensch nennt, studiert, dann können wir uns leicht orientieren. Wenn du dich in einer großen Stadt total verlaufen hast, dann gehe einfach gegen den Strom am Morgen und mit dem Strom am Nachmittag und du wirst auf eine U-Bahnstation stoßen.

Tristan Gooley ist der Autor von „The Natrual Navigator“. Mehr Information über natürliche Orientierungshilfen findest du hier: www.naturalnavigator.com oder @naturalnav auf Twitter.

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