Expertentipp: So umgeht man einen Sturm

Die Regeln zur Umgehung eines Sturms sind einfach, aber man darf nicht vergessen, sie zu befolgen.
Gavin McClurg am Steuer seines Katamarans.
Gavin McClurg am Steuer © Jody MacDonald
Von Gavin McClurg

Mein Geschäft hängt vom Wetter ab. Seit 1999 stehe ich am Steuer von Segelyachten und fahre damit über die Meere, immer auf der Suche nach Wind und Wellen für Kitesurf- und Surfexpeditionen.

Meine Leidenschaft ist das Gleitschirmfliegen. Im Sommer stellte ich einen neuen Streckenrekord für Nordamerika auf, als ich 386 Kilometer von Idaho über die Kontinentale Wasserscheide bis weit nach Montana hinein flog. Die meiste Zeit während dieses dramatischen Flugs war ich auf der Flucht vor einem Sturm. Ich bestreite mein Leben mit der Auseinandersetzung mit dem Wetter.

Jetzt heißt es: Macht die Schotten dicht! © Jody MacDonald

Im Film „Good Morning Vietnam“ beginnt die Figur von Robin Williams den Wetterbericht mit dem Witz: „Hast du ein Fenster? Mach es auf!“ Das ist schon mal ein guter Start, aber heutzutage haben wir viele Hilfsmittel zur Verfügung, die viele unübersichtliche Daten liefern. Dabei kommt es entscheidend auf die Interpretation der Daten an. Eine falsche Interpretation kann böse Folgen haben.

Gleitschirmflieger achten immer auf die Wolken. © Jody MacDonald

Ich bin mal mit unserem 20 Meter langen Katamaran allein von Bali nach Malaysia gesegelt. Es ging am Äquator entlang, durch die Javasee und die Straße von Malakka, zwei der meistbefahrenen Schiffswege der Welt, als ein unheimlich starker Gewittersturm über Sumatra hinwegfegte. So ein Sturm war zu der Zeit des Jahres kaum zu vermeiden.

Ich hatte in acht Tagen nie länger als 20 Minuten am Stück geschlafen. Nach einem Infekt bekam ich Fieber. Die Instrumente an Bord funktionierten nicht richtig, so dass der Autopilot das Boot nicht in die richtige Richtung steuerte. Als mich der Sturm traf, verlor ich kurz die Kontrolle über das Boot. Ein Schot vom Focksegel ging über Bord und verfing sich in der Schraube.

Mein erschöpftes und benebeltes Hirn hielt mich nicht wie sonst davon ab, mitten in der Nacht über Bord zu springen, um das Schot aus der Schraube zu holen. Die Sicht war gleich Null. Hätte ich den Kontakt zum Boot verloren, wäre es allein weitergesegelt und hätte mich dem Meer überlassen.

Manche Tage sehen so aus - andere weniger. © Jody MacDonald

Praktisches Wissen darüber, wie schlechtes Wetter entsteht, ist daher ein wichtiger Teil des Outdoor-Bordwerkzeugs.

Besorg dir ein Barometer
Das Barometer ist auf See immer noch mein zweitwichtigstes Hilfsmittel (nach meinen Augen). Ein schneller und anhaltender Druckabfall (drei bis vier Millibar, je nach Breitengrad) bedeutet immer, dass ein gefährliches Tiefdruckgebiet im Anmarsch ist. Stellt euch mit dem Rücken zum Wind und zeigt mit dem linken Arm 90 Grad raus. Dann zeigt ihr in der Nordhemisphäre ins Zentrum des aufziehenden Tiefs (in der Südhemisphäre nehmt ihr die rechte Hand).

Schau in den Himmel
Die 500-Millibar- oder Höhenwind-Prognose, die auf einer Höhe von etwa 5.500 Metern gemessen wird, ist ein guter Indikator dafür, was am Boden zu erwarten ist.

Herrschen in der Höhe anhaltende, starke Winde kann man damit rechnen, dass sie 24 bis 48 Stunden später auch am Boden aufziehen. Wenn ihr diese feinen Cirruswolken, die auch „Federwolken“ genannt werden, am Himmel seht, sind die Höhenwinde stark. Meistens kann man die Cirruswolken nur wenige Stunden sehen. 24 bis 48 Stunden später gibt es am Boden starke Winde und Niederschlag, da eine Kaltfront im Anmarsch ist.

Ein Sturm zieht auf. © Jody MacDonald

In einem Zyklon, Hurrikan oder Taifun zu stecken, ist zwar schlimm, aber oft leicht zu vermeiden, da sie zu bestimmten Zeiten an bestimmten Orten entstehen. Wer behauptet, er sei während eines Hurrikans einfach zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen, hat überhaupt keine Ahnung vom Wetter.

Meine Wettervorbereitung ist beim Segeln oder Fliegen identisch. Ich benutze synoptische Karten und Langzeitvorhersagen und schaue, ob Wetterumschwünge prognostiziert sind. Egal, ob an Land oder auf See, die Anzeichen sind die gleichen.

Aber wenn es darauf ankommt, zählt vor allem die eigene Einschätzung. Sobald man in der Luft oder auf dem Meer ist, muss man sich auf seine Augen verlassen können. Robin Williams hatte recht: Hast du ein Fenster? Mach es auf.

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