So wird man nicht zum menschlichen Eiszapfen

Im Gebirge nicht zu frieren, ist immer schwierig. Wir baten Kletterer Will Gadd um seinen Rat.
Will Gadd erobert das vertikale Eis.
Will Gadd am Eidfjord © Christian Pondella/Red Bull Content Pool
Von Will Gadd

Ich verbringe etwa 150 Tage im Jahr mit Klettern und Skifahren bei Temperaturen unter dem Gefrierpunkt. In den letzten 30 Jahren habe ich daher viel darüber gelernt, wie man verhindert, dass man zu einem menschlichen Eiszapfen wird.

Heiz dir selbst ein!

Zunächst muss man verstehen, dass es nicht die eine Kleidungskombination gibt, die zu allen Situationen passt. Bei -30 °C gehe ich nur in einer leichten, atmungsaktiven Shell und dünner Unterwäsche sowie sehr dünnen Handschuhen laufen. Wenn ich in der gleichen Kleidung Eisklettern gehen würde, müsste ich innerhalb weniger Minuten mit ernsthaften Erfrierungen rechnen.

Will Gadd klettert die gefrorenen Hunlen Falls in British Columbia, Kanada hinauf.
Will Gadd an den Hunlen Falls in British Columbia © Christian Pondella/Red Bull Content Pool

Den größten Fehler, den ich bei den meisten Menschen sehe, ist, dass sie ihre Kleidung nicht daran anpassen, wie viel Wärme sie abgeben. Es geht nicht darum, genug Schichten zu tragen. Man muss ein minimalistisches „Bewegungs“-Outfit und ein wärmendes „Sitz“-Outfit finden.

In Bewegung ist Schweiß immer der Feind.

Man sollte die Kleidung daran anpassen, wo man sich in fünf bis 20 Minuten befindet, und nicht an die gegenwärtige Situation. Wenn man vor einer Skitour oder einer Winterwanderung aus dem Auto steigt, kommt man in die Versuchung, sich sehr warm zu kleiden. Aber tut man das, dann schwitzt man schon sehr bald und die Unterwäsche saugt die Feuchtigkeit auf, die Innenseite der dicken Handschuhe wird nass und dann fängt man an, zu frieren. Es ist besser, wenn einem am Anfang ein bisschen kalt ist.

Will Gadd 2009 im Strathcona Park, BC, Kanada
Will Gadd © Christian Pondella/Red Bull Content Pool

Wenn man nicht mehr in Bewegung ist, sollte man den Prozess umkehren, bevor einem kalt wird – dann sollte man die Mütze aufsetzen, die dicke Jacke anziehen, die Schuhe aufschnüren oder lockern, um die Blutzirkulation in den Füßen aufrecht zu erhalten, und etwas essen, um den „Ofen“ anzuheizen.

Es ist leichter, sich für etwas zu begeistern, wenn die Haut trocken und warm ist.

In Bewegung ist Schweiß immer der Feind. Wenn man still steht oder sich nur leicht anstrengt, sollte man nicht nassgeschwitzt sein. Schweiß ist ein toller Mechanismus, um den menschlichen Körper zu kühlen, aber wenn man schwitzt, sorgt diese Verdunstungskühlung dafür, dass einem richtig kalt wird. Es ist viel schwieriger, sich bei -1 °C warmzuhalten als bei -15 °C, denn wenn man sich bei -1 °C bewegt, schwitzt man eher, selbst wenn man nur eine dünne Synthetikschicht trägt.

Man sollte am ganzen Körper hochwertige, synthetische Unterwäsche tragen – ich bevorzuge sie gegenüber Wolle, denn die trocknet einfach nicht so schnell. Außerdem sollte man ein Ersatzshirt und Socken zum Wechseln dabeihaben, die man nach einem langen Aufstieg anzieht. Der Unterschied zwischen Komfort und Wärme macht nicht nur körperlich, sondern auch mental viel aus. Es ist leichter, sich für etwas zu begeistern, wenn die Haut trocken und warm ist.

David Lama klettert an einer Felswand nahe des Cerro Torre in Patagonien, Argentinien.
David Lama an einer Felswand nahe des Cerro Torre. © Corey Rich/Red Bull Content Pool

Außerdem sollte man viele Ersatzhandschuhe einpacken. Die meisten Menschen bekommen kalte Hände, weil sie relativ große Handschuhe anhaben, schwitzige Hände bekommen, sich dann nicht mehr bewegen und die Hände sprichwörtlich einfrieren. Die Lösung ist, dass man sehr dünne Fleece-Handschuhe tragen sollte. Ich nehme bis zu fünf Paar dünne Fleece-Handschuhe mit auf eine Reise in die Berge. Ich gehe davon aus, dass sie nass werden und wechsel sie dann einfach.

Und schließlich: Man sollte immer experimentieren. Jeder Körper ist anders, und man hat nur den einen Körper, daher kann man auch einfach lernen, wie man es schafft, dass er weiterhin funktioniert. Wenn einem im Winter nicht warm ist, macht man etwas falsch. Das Leben macht keinen Spaß, wenn einem immer kalt ist, also heizt euch selbst ein!

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