China Jam: Musikalische Erstbegehungen

Stell dir vor, du kletterst einen Berg zum ersten Mal hinauf. Würdest du eine Gitarre mitnehmen?
© Evrard Wendenbaum
Von Brody Leven

Beim Stichwort China fallen einem nicht unbedingt sofort Freizeitaktivitäten in der Natur ein – doch jedes Land, das so groß wie China ist, hält ganz sicher einige Outdoor-Abenteuer bereit. Evrard Wendenbaum, Sean Villanueva O’Driscoll, Nicolas Favresse und Stephane Hanssens reisten in den Westen von China, um in einem abgelegenen Tal eine Erstbegehung für sich zu beanspruchen. Heraus kam „China Jam“, der Trailer, den du dir oben ansehen kannst. Lies weiter, um mehr über das Abenteuer zu erfahren.

Okay, was genau ist „China Jam“?
Es ist der Name unserer Big-Wall-Expedition und unseres Filmprojektes in den Bergen von Tien Shan.

Da brauchen wir ein bisschen mehr Details…
Zuerst bestiegen wir den südöstlichen Pfeiler des Kyzyl Asker (5842m). Es ist der zweithöchste Gipfel im Westlichen Kokshaal Tau Massiv und liegt an der kirgisisch-chinesischen Grenze im Tien-Shan-Gebirge. Vom letzten Dorf bis zum Basislager ist es eine zweitägige Wanderung, aber wir benötigten sieben Tage, da wir unsere Ausrüstung tragen mussten. Die Route hatte einen Schwierigkeitsgrad von 7b+ (5,12c). Die Wand ist etwa 1.200 Meter hoch und im Laufe der 30-tägigen-Expedition kletterten wir 14 Tage lang.

Tien-Shan-Gebirge
Schnee war keine Seltenheit © Evrard Wendenbaum

Und es war natürlich die ganze Zeit warm und sonnig, oder?
Das Wetter war schrecklich. Es schneite viel und war sehr kalt. Wir hatten ernsthafte Zweifel, ob wir bei den Bedingungen überhaupt klettern konnten. Der Himmel war morgens zwar blau und klar, doch im Laufe des Vormittags zogen Wolken auf, sodass auf dem Abschnitt zwischen 1.400 und 1.600 Metern ein Schneesturm wütete. Manchmal klärte es wieder auf, und wir konnten wunderschöne (aber kalte!) Abende genießen. Nachts fielen die Temperaturen dann auf -15 °C. Tagsüber herrschten zwischen 4 °C und -9 °C.

Tien-Shan-Gebirge
Auf der Expedition wanderten sie auch durch Schnee © Evrard Wendenbaum

Welcher Teil der Klettertour war mental am schwierigsten?
Am schwierigsten war die technische Mixedlinie, die Sean beim Aufstieg auf den Gipfel kletterte – schlechte Sicherungsmöglichkeiten, dünnes Eis, ein hoher Einsatz und in großer Höhe. Er kletterte das Stück on sight – anders ging es auch gar nicht.

Das Team hat Musikinstrumente mitgenommen. Warum?
Musik ist definitiv ein Teil der DNA unseres Teams. Sean, Steph, Nico und sein sonstiger Teamkollege und Bruder Olivier nehmen immer Instrumente mit auf ihre vertikalen Abenteuer. Daher war es klar, dass auch wir Instrumente mitnehmen würden. Wir waren die ganze Zeit über sehr aktiv. Aber wir waren auch müde, froren, hatten kleine Verletzungen an den Fingern und Händen, die nie wirklich heilten, und wir hatten Schmerzen. Dann auch noch Musik zu spielen, war wirklich hart. Aber wenn wir spielten, gab uns das neue Energie. An Tagen mit schlechtem Wetter war es der perfekte Zeitvertreib.

Tien-Shan-Gebirge
Die Wand bot verschiedene Klettermöglichkeiten © Evrard Wendenbaum

Seid ihr auf unerwartete Probleme gestoßen?
Jeder hatte ein paar gesundheitliche Probleme. Nico, Steph und Sean kämpften mit Magenproblemen. Nico litt an den ersten zwei Tagen des Aufstiegs an einer Atemwegsinfektion und musste Antibiotika nehmen, um überhaupt dabei bleiben zu können. Ein paar Tage vor dem letzten Stück zum Gipfel erwischte es Sean mit einem kleinen Infekt. Stephane fühlte sich erschöpft, ohne zu wissen, warum. Ich hatte mir (nach nur vier Tagen) einen schlimmen Sonnenbrand zugezogen, der aufgrund der Kälte und Höhe nicht abklang. Außerdem hatte ich mehrere Wunden an den Händen. Ich hatte Nasenbluten und meine Lippen platzten auf. Dadurch hatte ich unerwartet große Probleme beim Essen und musste fast im Basislager bleiben.

Stellst du den Wecker, bitte?
Home Sweet Home © Evrard Wendenbaum

Klingt nach einer Menge Spaß…
Eigentlich waren wir alle sehr optimistisch. Aber natürlich hatten wir zeitweise auch Zweifel, vor allem wegen des Schnees. Wenn gutes Wetter herrschte, kamen wir problemlos voran, doch solche Tage waren selten und als wir am zehnten Tag feststellten, dass wir erst die Hälfte des Aufstieges hinter uns hatten, kamen uns Zweifel. Doch zum Glück hatten wir am Ende, als wir den Gipfel in Angriff nahmen, fantastisches Wetter. Ansonsten wäre unser Vorhaben ganz sicher geplatzt.

Und dann eine Jam-Session während des Biwakierens in der Wand?!
Musik ist uns allen sehr wichtig, doch Klettern und das Entdecken sind noch wichtiger. Wir gründen also noch keine Band. Wir proben ja nie zusammen und spielen nur auf Expeditionen oder Klettertouren (obwohl wir bei unseren öffentlichen Filmvorführungen und Konferenzen Musik spielen). Und ich glaube, unsere Musik wird nur deshalb wertgeschätzt, weil die Umgebung, in der wir spielen, außergewöhnlich ist.

Mehr Abenteuer findest du auf unserer Facebook-Seite.

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