Eine echte Entdeckerin: Tauchen im Eisberg

In Unterwasser-Höhlen zu tauchen, klingt nach einem Alptraum. Jill Heinerth findet es himmlisch.
Divers erkunden die Deep Blue Cave in Bermuda © Jill Heinerth
Von Tarquin Cooper

Die kanadische Unterwasser-Entdeckerin Jill Heinerth war bereits unter den extremsten Bedingungen tauchen, die der Planet Erde zu bieten hat – von Unterwasser-Höhlen bis zu Eisbergen in den unmenschlichen Temperaturen der Antarktis. Doch Heinerth sucht dabei nicht nach dem Kick – ihr erklärtes Ziel ist es, wertvolles Wissen über unsere Frischwasser-Systeme zu sammeln.

Höhlentauchen: Der gefährlichste Sport der Welt? © Jill Heinerth

Beschreib uns deine Unterwasserwelt.
Als Höhlentaucher schwimme ich durch die Venen von Mutter Erde. Ich erforsche die verborgenen Nischen des Planeten. Die düstere Gefahr, die von Unterwasser-Höhlen ausgeht, schreckt die meisten Leute ab, aber mich ziehen diese verschlungenen Gänge an. Ich finde es faszinierend, meinen Weg durch die Enge und die Dunkelheit zu finden und mich bei jedem Atemzug auf empfindliche Technologie verlassen zu müssen. Das ist mein Arbeitsplatz. In der Dunkelheit meines Büros hängt das tägliche Überleben davon ab, Balance zu halten zwischen Angst und Entdeckergeist.

Höhlendurchlässe in Peacock Springs, Florida © Jill Heinerth

Wie hast du damit angefangen?
Ich war schon immer fasziniert von Höhlen. Als ich das erste Mal durch eine Unterwasser-Höhle geschwebt bin, habe ich mich gefühlt, als könnte ich fliegen. Das war eine richtige Offenbarung für mich, eine spirituelle Erfahrung. Ich beschreibe Höhlentauchen ja auch als ,Schwimmen durch die Venen unserer Mutter Erde‘. Ich schwimme durch das lebensspendende Elixier des Planetens – das frische Wasser, das die Essenz des Lebens speist.

„Höhlentauchen ist auch etwas Spirituelles.” © Jill Heinerth

Das ist aber doch ganz schön gefährlich?
Höhlentauchen gilt als der gefährlichste Sport der Welt, aber auch als die Speerspitze der erdgebundenen wissenschaftlichen Forschung. Selbst mit dem modernsten Equipment und Training sterben durchschnittlich 20 Menschen jedes Jahr.

Eine falsche Entscheidung bei der Arbeit würde mich mein Leben kosten und mein Name und mein Vermächtnis würde auf die lange Liste der Höhlentaucher gesetzt werden, die bereits umgekommen sind in der verführerischen Dunkelheit der Eingeweide unserer Erde.

Jill Heinerth taucht unter Eisbergen
Eisbergtauchen in der Antarktis © Jill Heinerth

 

 

Bist du selbst schon einmal in Gefahr gewesen?
Ich habe den Tauchgang ins Innere des Eisbergs abgebrochen, weil die Strömung immer stärker wurde. Sie nahm in einem Maße zu, wie ich es vorher noch nie erlebt hatte. Wir drehten um, aber kamen kaum voran und mir wurde klar, dass wir vielleicht nicht mehr raus kommen würden.

 

Als wir endlich wieder helles, offenes Wasser über uns sehen konnten, kamen wir nicht hoch. Das Frischwasser schmolz und verursachte eine enorme Abwärtsströmung, die uns nach unten drückte. Ich wusste nicht, wie wir an dieser Eiswand hochkommen sollten.

 

Und? Wie seid ihr hochgekommen?
Wir wurde klar, dass es nur eine Chance gab: Wir mussten unsere Finger in diese kleinen Löcher reinkriegen, in denen diese winzigen Eisfische wohnen, um daran hoch zu klettern.

Es war aber trotzdem auf keinen Fall sicher, dass wir das schaffen würden.

Als wir zurück auf unserem Boot waren, hatten wir drei Stunden unter Wasser verbracht, was bei diesen Temperaturen eine sehr lange Zeit ist. Nur zwei Stunden später, wir saßen gerade beim Abendessen, hörten wir etwas, das wir für schrille Schreie hielten. Wir rannten an Deck und sahen, wie der gesamte Eisberg auseinanderbrach und sich in Schneematsch auflöste. Wir sahen uns das Schauspiel an und begriffen, dass Mutter Erde uns etwas mitteilen wollte: Zeit, nach Hause zu fahren.

Tauchen in einer natürlichen Quelle in Florida © Jill Heinerth

Wieso kehrst du immer wieder zurück?
Trotz des Risikos: Durch die Lebensadern des Planetens zu schwimmen, erfüllt mir meine Kindheitsträume. Ich wollte immer schon Forscher werden. Es ist ein Privileg, diese vergessenen Altäre zu entdecken und die Geheimnisse, die tief im Inneren unseres Planeten verborgen liegen, mit der Welt zu teilen.

Jill Heinerth ist Suunto-Botschafterin. Für ihr nächstes Projekt will sie als Teil eines reinen Frauenteams durch die gesamte Nordwestpassage schnorcheln. Ihre Unterwasserwelt kann man unter www.intotheplanet.com entdecken.

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