Radtour extrem: Nonstop über den Himalaya

Der Steirer Jacob Zurl hat das höchste Gebirge der Welt mit dem Rad bezwungen - ohne Pause.
Jakob Zurl: Accross the Himalaya
Jakob Zurl: Accross the Himalaya © Raoul Kopacka
Von Eugen Waidhofer

Der Steirer Jacob Zurl liebt das Extreme: Er ist regierender Weltmeister beim Glocknerman Ultraradmarathon und hält mit 28.789 Höhenmetern den aktuellen 48h-Höhenweltrekord. Seine nächste Herausforderung sollte noch viel größer sein. Also fuhr der 26jährige Geodäsie-Student als erster Mensch der Welt mit dem Rad nonstop über den Himalaya. Die 517 Kilometer und 13.500 Höhenmeter schaffte er in 38 Stunden 41 Minuten. Wieso er ausgerechnet auf den höchsten Bergen der Welt auf ein Höhentraining verzichtete, erzählt der Extremsportler aus Weinitzen im Interview.


Wie kommt man auf die Idee, den höchsten Gebirgszug der Welt mit dem Rad nonstop überqueren zu wollen?

Ich liebe lange Strecken und die Berge. Außerdem organisiere ich gerne individuelle Projekte, weil ich niemanden mehr etwas beweisen muss. Das ist zwar aufwändiger, aber ich fahre nur gegen mich selbst. Ursprünglich wollte ich den Karakorum Highway bewältigen, aber wegen der politischen Lage, war die Idee doch nicht so gut. Also ist es der Himalaya geworden.

Bloß so also... Gibt es da unterschiedliche Routen, aus denen du wählen konntest?

Es gibt den Friendship Highway zwischen Katmandu und Lhasa, aber der ist von den Höhenmetern nicht so anspruchsvoll. Ich habe mich für den Manali-Leh-Highway entschieden, wo ich auf mehr als 200 Kilometer über 4.500 Höhenmetern unterwegs war – inklusive dreier Pässe. Der höchste Punkt lag bei 5.359 Meter.


Wie hast du trainiert? In Österreich kannst du dich auf diese Höhe nicht einstellen.

Es war in Wirklichkeit ein Sprung ins kalte Wasser. Ich hatte kein Budget, um ein Jahr zuvor die Situation vor Ort zu testen. Ich bin einfach rübergeflogen und habe es probiert. In Österreich bin ich bei Skitouren auf bis zu 3.200 Meter unterwegs, das bereitet mir keine Probleme. Aber zwischen 3.200 und 5.300 Meter liegt eine unglaublich extreme Welt. Am Anfang habe ich wirklich gedacht: Das schaffe ich nicht. Ich hatte den Tunnelblick und konnte nicht einmal mehr reden.

Klingt nach einer heftigen Grenzerfahrung?

Ja, dreimal stand das Projekt ganz knapp vor dem Abbruch. Vor allem die erste Nacht war kritisch, weil meine Werte bei der Sauerstoffsättigung nur mehr bei 70% gelegen sind. Wenn die Werte während der Zwangspausen nicht raufgegangen wären, hätten wir abbrechen müssen.

Du warst fast 39 Stunden unterwegs. Wie viele Pausen hast du eingelegt?

Eigentlich keine. Ich hatte aber insgesamt knapp 4 Stunden Stehzeit für die medizinischen Kontrollen und zum Radwechseln. Die restliche Zeit bin ich auf dem Rad gesessen. Die Müdigkeit war bei diesen Projekt allerdings viel schlimmer als bei allen anderen bisher. Die Höhe hat mir die Konzentration geraubt und mein Körper hat sich mit auftretender Müdigkeit gewehrt. Um in den Abfahrten konzentriert zu bleiben, habe ich Guarana genommen, und gegen den Sekundenschlaf haben mir meine Betreuer immer wieder eine halbe Dose Red Bull gegeben.


Daten und Fakten zu Across the Himalaya


Wie funktioniert das mit der Energiezufuhr: Wie viel musstest du essen und trinken?

Ich habe spezielle, kohlenhydratreiche Flüssignahrung und Gemüse mit Reis gegessen. Insgesamt rund 25.000 Kalorien. Und getrunken habe ich während der Fahrt knapp 18 Liter.

Du warst sowohl auf „normalen“ Straßen als auch auf Schotterpisten unterwegs. Welchen Räder waren da im Einsatz.

Ich hatte zwei Räder. Mein Carbon Crossrad war ein Prototyp für die Steigungen mit verstärktem Rahmen, Unterrohr und Kettenstreben – wegen dem Steinschlag. Und ich habe bewusst auf Scheibenbremsen verzichtet und stattdessen die guten alten Felgenbremsen verwendet. Erstens sind die leichter und auch leichter zu reparieren. Wir hatten keine Werkbank und kein Spezialwerkzeug dabei, also musste alles einfach sein und alles aushalten.

Und das zweite Rad?

War ein handelsübliches Mountainbike, das ich mir vor Ort ausgeliehen habe, und das bei den schnellen Abfahrten zum Einsatz gekommen ist. Da hat dann gleich nach dem ersten Pass die Federgabel versagt...


Du wirst es kaum geschafft haben, 39 Stunden top motiviert zu bleiben. Was ist dein Rezept gegen das berühmt-berüchtigte Motivationsloch?

Musik. Ich habe ein Lieblingslied, das ich die ganze Zeit spiele. Das ist wie Medidation für mich. Bei „Across the Himalaya“ war es Free von Natalia Kills.

Was war während der ganzen Challenge dein schlimmster Feind?

Eindeutig die Höhe. Es ist so schwierig, auf über 5.000 Meter zu funktionieren. Teilweise hat mir meine Freundin die richtige Atmung ansagen müssen, weil ich auf die Pressatmung einfach vergessen habe. Dazu kommt die eigentlich flache Steigung von nur 3 bis 5 Prozent. Aber das geht über 40 Kilometer so. Du siehst den Pass, aber er kommt einfach nicht näher. Da war ich teilweise schon richtig grantig.

Hattest du zwischendurch auch mal Angst?

Ja, vor einem Lungenödem. Das hatte ich 2012 beim Glocknerman Ultramarathon erlitten und die Heilung hat fast ein dreiviertel Jahr gedauert. Ich bin zwischendurch auf dem Rad gesessen und habe gehofft, dass ich nicht in mein Verderben fahre.

Wie war dann dein Gefühl bei der Zielankunft?

Einfach nur Freudentränen und Erleichterung. Die letzten Kilometer habe richtig heruntergebetet, weil ich immer daran denken musste, dass noch alles schief gehen kann.

Bist du nach diesem Abenteuer einfach nur leer oder hast du schon neue Pläne?

Leer bin ich sicher nicht, es war ein Projekt, aus dem ich sogar sehr viel Energie gewonnen habe. Auch durch die vielen positiven Reaktionen von Radfahrerkollegen und Medien. Aber neue, konkrete Projekte habe ich noch nicht im Kopf. Aber ich glaube, spätestens in einem Monat habe ich die nächste verrückte Idee.


Hier erklärt Jacob Zurl das Abenteuer "Across the Himalaya" in seinem Video:

© Raoul Kopacka

 

 

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