Gloomy Gorge: In unbekannten Tiefen

Unsere #vinevideo-Story führt in eine neuseeländische Schlucht, in der zuvor noch kein Mensch war.
Von Evan David

Canyons – im Prinzip durch fließendes Wasser hervorgerufene Bodeneinschnitte – reichen von „Grand“ (ihr wisst schon, welchen wir meinen) bis „atemberaubend schön“ (denkt z. B. an die Verdonschlucht in Frankreich).

Vine-Videos: Nicolas Barth

Im Schatten des Mount Aspiring im Süden der Neuseeländischen Alpen liegt eine deutlich weniger bekannte Schlucht namens „Gloomy Gorge“. Was macht sie einzigartig? Ihre Unzugänglichkeit, die Tiefe – und die Gefahr. Es handelt sich um einen der wenigen noch unerforschten Orte auf diesem Planeten – bis ein Team aus französischen, amerikanischen und neuseeländischen Entdeckern sich im März 2014 auf den Weg machte.

Ski-Lines oder Risse im Gletscher?!
Über der Gloomy Gorge erhebt sich Mount Barff © Neil Silverwood

Sobald man drin ist, gibt es kein Zurück mehr.

Warum „Gloomy Gorge“? Auf Deutsch bedeutet der Name so viel wie „Düstere Schlucht“, und er rührt daher, dass der kurvenreiche Verlauf und die eng zusammenstehenden, bis zu 200 Meter hohen Wände dafür sorgen, dass nur selten Sonnenlicht in die Tiefen der Schlucht vordringt – was übrigens auch sonst nur wenigen Dingen gelingt. „Sobald man drin ist, gibt es kein Zurück mehr“, sagt Nic Barth, ein amerikanischer Geologe, der in Neuseeland aktive Alpine-Verwerfungen untersucht.

„Die scheinbar bodenlose Schlucht ist schon seit sehr vielen Jahren bekannt“, so Barth. „Allerdings wurden Canyoning-Fans erst vor zehn Jahren neugierig auf das, was sich darin verbirgt.“ Von der beliebten Bergsteigerroute auf den Mount Aspiring aus ist der Graben zu sehen – er ist jedoch so tief, dass niemand wusste, was sich dort unten befindet. Zusammen mit dem Fotografen Neil Silverwood, Canyon-Expertin Annette Phillips und Höhlenforscher Alain Rohr beschloss er, es herauszufinden.

Aber es ist immer noch die DIE Gorge
In Jahrtausenden hat das Wasser die Wände geformt © Neil Silverwood

Möglich wurde das Unterfangen aufgrund eigener Erkundungstouren, einem rekordverdächtig trockenen Sommer und der erheblichen Anstrengungen eines französischen Teams, das in der Woche zuvor an der Öffnung des Canyons gearbeitet hatte. „Es ging uns nicht um einen Adrenalinkick oder Ruhm. Letztlich waren wir einfach neugierig auf das Unbekannte“, so Barth. „Um das Unternehmen sicherer und leichter zu machen, sind wir beim denkbar niedrigsten Wasserstand aufgebrochen."

„Wir wussten, wie weit es bis zum Tal war, hatten aber keine Ahnung, was uns auf dem Weg dorthin erwartet“, erklärt Nic. „Auf einer Strecke von 800 Metern ging es 650 Meter in die Tiefe. Uns konnten zwei 300-Meter-Wasserfälle erwarten, oder viele kleinere.“

Aber es ist immer noch die DIE Gorge
Stück für Stück nach vorn... © Neil Silverwood

Und es geht nicht nur um die Höhe, sondern auch um die Wassermenge, die (schnell) durch einen kleinen Raum fließt. „Das Volumen ist extrem hoch – eine riesiges Reservoir aus Wasser, das von einem großen Gletscher stammt“, so Barth. Und es ist kalt! „Die Wassertemperatur beträgt etwa 3 °C. Es handelt sich beinahe vollständig um Gletscherwasser, deshalb ist es milchig blau und eher trübe.“

Weitere Risiken und Hindernisse waren die unausweichlichen Wirbel, Verengungen des Wasserlaufs durch Felsen sowie Siphone – Orte, an denen das Wasser unterirdisch fließt. Die größte Gefahr waren allerdings sogenannte „Pour-Offs“, also Wasserfälle, die durch eine kleine Öffnung strömen, die keinerlei Möglichkeit bietet, vorher zu sehen, was sich unten befindet.

Aber es ist immer noch die DIE Gorge
Das Team musste ein Menge Seil mitbringen... © Neil Silverwood

Um die verschiedenen Hindernisse sicher zu überwinden, nutzten die Teammitglieder eine Mischung aus Wildwasser- und Klettertechniken, die in der Sportart Canyoning als Basis dienen. Oft mussten sie dabei künstliche Fixpunkte platzieren oder sich von einem Wasserfall abseilen.

„Hydrauliken – wenn Wasser einen nach unten oder gegen eine Wand drückt – sind am gefährlichsten“, so Barth. „Irgendwann mussten wir am unteren Ende eines Wasserfalls sechzehn Meter schwimmend zurücklegen. In schäumendem Wildwasser ist es schwierig, sich an der Oberfläche zu halten. Ohne ein über das Becken gespanntes Seil würde einen die Kraft des Wasser immer wieder in einen Überhang treiben. Einer solchen Situation entkommt man nur, wenn man in Sicherheit gezogen wird.“

Aber es ist immer noch die DIE Gorge
Suche nach einem Platz zum Landen © Neil Silverwood

Letzten Endes waren sie nur deshalb erfolgreich, weil sie sich aufeinander verlassen konnten. „Auf diesem Level ist Canyoning ein Teamsport“, sagt Barth. „Wir haben uns auf unsere Stärken verlassen, um Probleme zu lösen und sicher in den Canyon hinab zu gelangen.“

Die Entdecker hatten ursprünglich geschätzt, dass die Durchquerung der Gloomy Gorge acht Stunden in Anspruch nehmen würde. Am Ende brauchten sie insgesamt 20 Stunden, inklusive einer schlaflosen Nacht. „Es gab keine Stelle, um sich auszuruhen – keinen Ort für Biwaks. Wir mussten weiter. Die Schlucht ist einer der ursprünglichsten Orte, an dem ich je war. Man ist umgeben von glattem, blankem Fels, der seit Tausenden von Jahren von einem brüllenden Fluss geformt wird“, so Barth.

Es gab keine Stelle, um sich auszuruhen – keinen Ort für Biwaks.

Just do it!
Manchmal hilft einfach ein beherzter Sprung... © Neil Silverwood

„Wer sich dort aufhält, empfindet Schrecken und spürt den Adrenalinkick. An dem Ort geht’s zur Sache, und ich bin mir nicht sicher, ob Menschen dort wirklich etwas verloren haben. Wir fühlten uns so, als wären wir sehr weit weg – obwohl mein Schlafsack nur einen halben Kilometer entfernt war.“

Ihr wollt das Beste von RedBull.com für unterwegs? Dann holt euch die App auf RedBull.com/app.

read more about
Zur nächsten Story