Bernd Zangerl: Kletterparadiese dieser Welt

Der Red Bull 5 Blocks Mastermind geht mit uns auf Reisen und entführt uns in seine Kletterwelt.
„Kletterer sollten Vagabunden sein“- O. Eckstein.
Von Thomas Wernhart

Bernd Zangerl hat eigentlich alles vor der eigenen Tür, was er zum glücklich sein braucht. Im Silvapark Galtür, wo er vor Kurzem beim Red Bull 5 Blocks einige der besten Kletterer der Welt begrüßen durfte, hat er sich sein eigenes Reich geschaffen. Dieses teilt er gerne mit kletterbegeisterten Menschen und vor allem Kindern und Jugendlichen, doch immer wieder übermannt ihn die Reiselust und dann muss er raus und auf Entdeckungsreise gehen. In seiner langen Kletterkarriere hat der 36-Jährige schon viel gesehen und Erstbegehungen in allen Ecken der Welt gemacht. Diese drei Gebiete liegen dem Tiroler besonders am Herzen.

Das Tessin: Bouldern in der Sonnenstube der Schweiz
Das schweizerische Tessin gehört zu den beliebtesten Bouldergebieten der Welt und neben dem perfekten Wetter, sind unzähligen Granit und Gneisblöcke ein Grund, warum die sich jedes Jahr die Top Athleten des Bouldersports und auch viele Amateur-Kletterer in der Südschweiz treffen. Auch ich machte 1999 hier meine ersten Erfahrungen mit dem damals noch „unbekannten“ Sport. Nach meinem ersten Bouldertag oberhalb des kleinen Ortes Cresciano, legte ich Seil und Sitzgurt auf die Seite und pilgerte jedes Wochenende zum Bouldern ins Tessin, um neue Routen und Gebiete zu erschließen..Damals gab es noch keine Führer oder Guidebooks, an denen wir uns orientieren konnten. Die kleine Boulderszene von früher traf sich in den Wäldern und tauschte Erfahrungen und Neuigkeiten aus.

Seit 1999 zieht es mich regelmäßig ins Tessin.

Gebiete
Chironico, Cresciano, Claro, Val Verzasca, Valle Maggia, Calanca Tal - Cresciano und Chironico gehören heute zu den beliebtesten Locations und haben auch die höchste Dichte an Routen. In den letzten Jahren sind in den benachbarten Tälern weitere Bouldergebiete dazugekommen und das Potential ist immer noch nicht erschöpft. Vieles hat sich in der Zwischenzeit verändert, aber eines ist gleich geblieben: Bouldern im Tessin macht einfach Spaß!

Erreichbarkeit, Access
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Idealer Ausgangspunkt für Unternehmungen im Tessin ist die wunderschöne Stadt Bellinzona. Die einzelnen Gebiete sind von dort aus in zehn bis 45 Minuten erreichbar. Das Tessin, sprich Bellinzona, erreicht man von Österreich kommend am besten über den San-Bernardino-Pass oder von Zürich kommend über den Gotthard Pass. Von Innsbruck aus benötigt man zirka 3,5 Stunden in den Süden. Cresciano und Chironico sind idealerweise auch mit den öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar - der öffentliche Verkehr in der Schweiz ist vorbildlich ausgebaut.

Level
In allen Gebieten finden sowohl Anfänger als auch Profis ein weites Betätigungsfeld. Für Anfänger, oder jene die den Bouldersport einfach mal probieren möchten, empfehle ich einen Besuch in Cresciano. 


Vor- und Nachteile

Der perfekte Schweizer Granit und die Gneisblöcke, die bei entsprechenden Temperaturen einen hohen Reibungsgrad aufweisen können, sind ein Grund, warum es mich dort immer wieder hinzieht. Doch auch die wunderschönen Landschaften mit dem italienischen Flair und das Klima sind der Traum eines jeden Kletterers - Cappuccino und Pizza dürfen natürlich auch nicht fehlen. Wenn ihr irgendwelche Nachteile findet, lasst es mich wissen!

Infrastruktur, Essen, Empfehlungen:
Das Tessin ist durch den Tourismus infrastrukurmässig bestens ausgebaut. Es gibt einige Schwimmbäder und Campingplätze und in jedem Tal findet sich die eine oder andere Sehenswürdigkeit deren Besuch sich lohnt. Die nähe zu Italien macht sich auch im kulinarischen Angebot bemerkbar. In jedem kleinen Ort findet man eine nette Bar oder eine feine Pizzeria, wo man sich Köstlichkeiten servieren lassen kann. In Cresciano gibt es das 1001 Bloc Hostel, wo man nicht nur günstig übernachten kann, sondern auch leckere Bioprodukte genießen darf. Ein Besuch der Stadt Bellinzona gehört zum Pflichtprogramm. Bellinzona wurde von der UNESCO zum Weltkulturerbe ernannt.

Beste Zeit zum Klettern, Crowd & Atmosphäre

Theoretisch kann man das ganze Jahr im Tessin Bouldern. Im Sommer ist es zwar recht warm, aber man fühlt sich im Schatten der Kastanienbäume immer noch wohl und die kühlen Flüsse bieten sich für ein kühles Bad an. Herbst und Frühjahr sind die bevorzugten Jahreszeiten, aber auch im Winter kann im man im Tessin noch seiner Leidenschaft nachgehen.

Aufgrund der vielen verschiedenen Gebiete, verteilt sich die „Crowd“ recht gut, und es kommt selten vor, dass man sich in seinem Tun bedrängt fühlt. Nur in den Winter- und Semesterferien kann es zu Parkplatzproblemen in Cresciano kommen!

„From Dirt Grows The Flowers” 8C.

Fontainbleau: Das Sandstein-Mekka
Wer hätte gedacht dass eine Stunde von Paris entfernt das größte und eines der weltweit beliebtesten Bouldergebiete liegt. In den Wälder rund um den Ort Fontainbleau befindet sich wohl die größte Ansammlung von Sandsteinfelsen auf dieser Welt. Bereits im 1900 wurden hier die ersten Boulders eröffnet. Heute ist das Bouldern in und rund um Fontainbleau Volksport. An den Wochenenden treffen sich nicht nur durchtrainierte Spitzensportler, sondern auch rüstige Senioren, die so manchen Neuankömmling ins Staunen versetzten werden, und Mütter, die mit dem Kinderwagen von Felsblock zu Felsblock wandern, um sich dort ihrem Hobby hinzugeben.

In „Bleau“ findet jede(r), was sie/er sucht.

Erreichbarkeit, Access

Am besten man fliegt nach Paris und nimmt sich dort ein Mietauto oder die öffentlichen Verkehrsmittel. Ausgangspunkt ist der Ort Fontainebleau, von wo aus alle Gebiete in fünf bis 40 Minuten erreichbar sind.

Level
Die Gebiete in Fontainbleau haben für jeden was zu bieten - vom Beginner bis zum Spitzenathlet, es ist alles vor Ort. Einige der härtesten Boulderprobleme der Welt liegen in Fontainebleau.

Vor- und Nachteile
Fontainebleaus Sandstein bietet ein unendliches Betätigungsfeld und lockt mit technisch anspruchsvoller Kletterei, die auch dem Schlechtwetter trotzt, da die Felsen nach Regen schnell abtrocknen. Paris ist mit dem Zug in 45 Minuten erreichbar und so ist auch für Abwechslung gesorgt. Das einzige Problem kann sein, dass die Franzosen nicht gerne Englisch sprechen und man sich deshalb manchmal verloren fühlt.

Infrastruktur, Essen, Empfehlungen
In Fontainbleau gibt es unzählige Bars, Cafés und Restaurants - sehr zu empfehlen ist das Sushi Restaurant in der Stadtmitte. Neben einem Besuch von Paris, ist auch das kleine Künstlerdorf „Barbizon“ sehenswert. Dort gibt es eine feine Bäckerei, wo man vorbei schauen sollte. Übernachtungsmöglichkeiten gibt es verschiedenste: von der gratis Campingwiese bis zum rustikalen Haus, das gemietet werden kann. Rund um Fontainbleau gibt es auch einige Campingplätze, eine günstige Übernachtungsmöglichkeit stellen die Formula 1 Hotels dar.

Beste Zeit zum Klettern, Crowd & Atmosphäre
In Bleau, so nennen übrigens die Franzosen ihr Boulderparadies, kann das ganze Jahr über geklettert werden. Auch in den heißen Sommermonaten kann man immer noch gut Bouldern und einfach leichtere Routen probieren. Am schönsten ist es allerdings im Herbst und im Frühjahr. Zu diesen Jahreszeiten herrschen auch oft optimale Wetterbedingungen, die die Reibung am Fels und somit den Spaßfaktor beim Bouldern erhöhen. Die „Crowd“ und somit die Atmosphäre kann nur zu den Osterferien zu einem Problem werden, wenn sich halb Europa in Fontainbleau trifft. Ansonsten sind die Gebiete so weitläufig, dass man immer in Ruhe Bouldern kann, wenn man das will.

Einfach den Guide schnappen und los geht’s.

3. Der Himalaya: Die Zukunft liegt hier

Der Himalaya gehört aufgrund seiner Größe und dem daraus resultierenden möglichem Potential an bekletterbaren Felsen zu den Top Klettergebieten der Zukunft. Um das Ganze dennoch ein wenig einzugrenzen, beschränken wir uns hier auf den indischen Himalaya. Bisher haben sich nur wenige an der Erschließung beteiligt. Die Straßen in diesem Teil Indiens sind oft nur bei guter Witterung befahrbar, und auch sonst gibt es immer wieder Überraschungen, die das Reisen komplexer, aber auch interessanter machen.

„Kletterer sollten Vagabunden sein“, hat schon Oskar Eckstein, Kletter - und Boulderpionier gemeint. Wenn das konservative Lager nachrückt, sollte man deshalb sein Suchgebiet einfach erweitern – ich bin seit fünf Jahren mit meiner Bouldermatte im Norden Indiens unterwegs.

In Indien erwartet eine ein ganz spezieller Flair.

Erreichbarkeit, Access

Flug nach New Delhi oder Chandigar, von dort entweder nach Manali oder Shimla. Diese beiden Städte sind idealer Ausgangspunkt für Unternehmungen im Norden.

Level
Der indische Himalaya ist nur erfahrenen Reiseliebhabern zu empfehlen, aber wunderschön und voller Überraschungen. Die motivierten unter jenen Neulandsuchern finden sicher ihre Boulder!


Vor- und Nachteile

Viele Vorteile sind hier auch Nachteile, aber wer nicht „urlauben“ sonder „reisen“ möchte ist in Indien genau richtig. Das abenteuerliche Reisen ist etwas sehr schönes und interessantes, kann einen aber auch an die Grenzen bringen. Genauso wie die Einsamkeit, die man im Himalaya vorfinden kann. Beschäftigung gibt es jedoch genug, denn das Potential ist schier unerschöpflich und das kann auch deprimierend sein, weil man einsehen muss, dass man nicht alle Routen klettern kann. Auch wegen des Sauerstoffmangels, der einem ganz schön zu schaffen macht. Der Höhenrausch lenkt aber davon ab und man ist einfach nur glücklich und zufrieden.

Auf Entdeckungsreise in Indien.

Infrastruktur, Essen, Empfehlungen
Der Norden Indiens ist bouldertechnisch gesehen noch ein weißer Fleck auf er Landkarte, man muss aber sagen, dass der Ausbau der Infrastruktur stetig voran geht und es somit einfacher wird, die Gebiete zu erreichen. An den Hauptdurchzugstraßen findet auch der europäische Besucher komfortabel Unterkünfte und kulinarische Spezialitäten. In Manali ist es sogar möglich richtigen Käse zu kaufen. In Shimla lädt die Honey Hut Bakery zu Kaffee und Kuchen – eine willkommene Abwechslung. Vegetarier werden den Norden Indiens lieben. Es gibt ein reichhaltiges Angebot an feinsten indischen Gerichten. Der Fleischliebhaber wird an den Hauptverkehrsachsen sein Hühnchen finden. Als Ersatzgericht ist Dal Fry, also gebratene Linsen, zu empfehlen! 


Beste Zeit zum Klettern, Crowd & Atmosphäre

Die besten Monate zum Bouldern und Klettern sind September und Oktober, doch auch in den Monaten April und Mai ist das Reisen in Nordindien möglich. Noch trifft man selten auf andere Boulderer in dieser Region, die Atmosphäre ist im wahrsten Sinne des Wortes „himalayisch“, haha!

Unerschöpfliches Potential.
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