Wie man einen unbestiegenen Berg bezwingt

Jon Griffith und Andy Houseman schaffen das Unmögliche – die Besteigung des Link Sar West
Die Gipfel im Charakusa Valley, Pakistan während des ersten Aufstiegversuchs am Link Sar West von Jon Griffith und Andy Houseman
Steile, verschneite Aufstiege erfordern Technik © Jon Griffith
Von Josh Sampiero

Es ist schwierig zu sagen, wie viele unbestiegene Berggipfel es in der Welt noch gibt – sicher ist allerdings, dass es jetzt einer weniger ist.

Nach vier Jahren der Vorbereitung, hat der in Chamonix lebende, britische Bergsteiger Jon Griffith zusammen mit Andy Houseman den Link Sar West in Pakistan bezwungen.

Zeltaufbau während des ersten Aufstiegversuchs am Link Sar West in Charakusa Valley, Pakistan von Jon Griffith und Andy Houseman
Das verschneiteste und dürftigste Camp der Welt © Jon Griffith

“Es ist ein technisch höchst anspruchsvoller 7.000 Meter hoher Gipfel, der bislang noch nicht bestiegen wurde, so etwas findet man sehr selten“, sagt Griffith. „Es gibt davon nicht mehr viele und die meisten von ihnen befinden sich im Karakorum-Gebirge, zu dem der Zugang für Ausländer gesperrt ist.“

Was ist in diesem Zusammenhang also mit „technisch höchst anspruchsvoll“ gemeint? Es bedeutet, dass die Bergsteiger sich beim Aufstieg auf den Gipfel – obwohl er über 1.000 Meter niedriger liegt als der Mount Everest – durchgehend anseilen und sich mit allem, was die Ausrüstung hergibt, am Berg sichern müssen.

„Die Bergwand ist eine Mischung aus Eis, Schnee und Gestein“, erklärt Griffith. „Man muss vom Fuß des Berges bis zum Gipfel angeseilt bleiben und sich mit dem Pickel seinen Schlafplatz in die eisige Nordwand schlagen – auch beim Schlafen muss man sich mit Gurten und Geschirr absichern."

Es war keine einfache Mission – und Griffith brauchte vier Versuche, bis er es schaffte. Vier Jahre in Folge fuhr er ins berühmte Charakusa Valley und schleppte die Ausrüstung den 10 Kilometer langen Anstieg hinauf, um sich dem Berg zu stellen, der noch niemals zuvor von Menschen betreten worden war. Drei Jahre in Folge musste er seinen Aufstieg abbrechen – aufgrund von schlechten Wetterbedingungen, unwegsamem Gelände oder zu knapp werdenden Lebensmittelreserven.

Das bedeutet nicht, dass dieser Aufstieg ein Spaziergang war. „Wir hatten am Anfang ziemlich schlechtes Wetter“, erzählt Griffith. „Im Himalaya ist es nahezu unmöglich, sieben Tage lang gutes Wetter zu haben. Wenn man zu Beginn mit dem Wetter kämpft, hat man die Chance, beim Klettern bessere Bedingungen zu haben.“ Schlimmer noch als die Wetterkapriolen war, dass Griffith kurz vor dem Gipfel krank wurde – und auf 7.000 Höhenmetern ist selbst ein leichtes Fieber eine große Herausforderung. Trotzdem schafften sie es, den Gipfel zu erreichen und neues Land zu erobern – bevor sie sich auf der Rückseite des Berges an den Abstieg machten.

Für Griffith ist es der erste unbestiegene Berg seines Lebens. „Was mich immer zurückgehalten hat, war, dass ich meinem Ziel immer näher und näher kam“, sagt er. „Dieser Berg ist sehr schwierig zu verstehen und der Aufstieg schwer zu planen. Man muss ihn live erleben, um zu begreifen, wo die Linien aufhören. Es geht auf keinen Fall immer geradeaus – es ist eher ein riesiges Puzzle.“

John Griffith klettert bei seinem ersten Aufstiegsversuch auf den Link Sar West im Charakusa Valley, Pakistan, eine steile Eiswand hinunter.
Abwärts Schlittschuh fahren auf dem Link Sar © Jon Griffith

Der Reiz des Unbekannten kann süchtig machen – und treibt ihn sicherlich an, Neues zu entdecken. Was als Nächstes auf seiner Liste steht? Griffith sagt, dass seine persönliche Wunschliste etwas ganz Privates ist – aber er verrät uns einige der faszinierendsten, unberührten und noch niemals bestiegenen Berggipfel unseres Planeten.

Drei unbestiegene Berge und noch nie gekletterte Linien

1. Gangkhar Puensum
Höhe: 7.570 Meter
Lage: Grenze Bhutan-China
Warum er unbestiegen ist: gesetzlich verboten!

Der Gangkhar Puensum liegt auf der umstrittenen Grenze zwischen China und Bhutan - unumstritten ist aber, dass er der höchste, unbestiegene Berg der Welt ist und dies auch für eine lange Zeit, wenn nicht sogar für immer, bleiben wird. In den achtziger Jahren gab es vier Versuche, den Gangkhar Puensum zu besteigen, bevor der bhutanische Staat das Bergsteigen oberhalb 6.000 Metern gesetzlich verbot – somit bleiben diese Versuche vermutlich die letzten, die es gegeben hat.

2. Die Nordseite des Masherbrum
Höhe: 7.821 Meter
Lage: Pakistan
Warum er unbestiegen ist: technisch extrem schwierig

Der Masherbrum wurde im Jahr 1960 zum ersten Mal bestiegen – auf die leichte Art . David Lama will es sich jedoch nicht so leicht machen. Der österreichisch-nepalesische Kletterer hat den Berg als nächsten auf seiner Liste – und wird es wahrscheinlich so lange probieren, bis er Erfolg hat. Seine Route? Die berüchtigte Nordseite, die laut John Griffith einen „unglaublich futuristischen“ Kletterstil verlangt.

3. Mount Siple, Siple Island, Antarktis
Höhe: 3.110 Meter
Lage:
Siple Island, Antarktis
Warum er unbestiegen ist: Er befindet sich mitten im Nirgendwo, in der Antarktis

Wenn wir ehrlich sind, gibt es im Netz mindestens einen Hinweis darauf, dass der Mount Siple „wahrscheinlich bestiegen“ wurde – aber es gibt mit Sicherheit keinen Beweis dafür. Aus gutem Grund – der Berg befindet sich auf einer Insel vor der antarktischen Küste. Es ist also nicht nur sehr kalt, sondern auch praktisch unmöglich, dorthin zu gelangen. Das Gute an diesem Berg? Es kann sein, dass es sich bei ihm um einen Vulkan handelt – für das Aufwärmen nach dem Klettern ist also gesorgt.
 

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