Klettern bei Olympia? Was sagen die Profis dazu?

Teil 1 – Fischhuber, Kim, Zangerl uns Pilz verraten uns, was sie von der Aufnahme halten.
Stellt sich hier die Frage „Ja“ oder „Nein“? © Elias Holzknecht / Red Bull Content Pool
Von Thomas Wernhart

Klettern wurde vor Kurzem ins Olympische Programm aufgenommen und wird 2020 in Tokyo sein Debüt geben. Das Olympische Komitee möchte eine Kombination aus den Weltcup-Disziplinen Lead, Boulder UND Speed kreieren, um die Olympiasieger zu ermitteln – dieser Ansatz lässt die Wogen natürlich hochgehen. Wir haben einige der weltbesten Kletterer gefragt, was sie von dieser Entwicklung halten und sehr ehrliche und emotionale Meinungen zurückbekommen. Im Teil 2 kommen Sasha DiGiulian, Domen Skofic und Angy Eiter zu Wort - HIER klicken.

Kilian Fischhuber

Boulder-Rekordhalter Kilian Fischhuber. © 3StringsProductions / Red Bull Content Pool

Kilian Fischhuber ist Europameister 2013, zweifacher Vizeweltmeister im Bouldern, fünffacher Sieger der Boulder-Weltcupgesamtwertung, gab 2013 seinen Rücktritt vom Wettkampfklettern bekannt und macht jetzt mit seinen Projekten von sich reden.

„Klettern als olympische Sportart polarisiert, das merkt man. Jede/r hat da so seine Meinung und die gehören alle respektiert, doch wird es nicht möglich sein, alle Beiträge unter einen Hut zu bringen, deshalb muss man Kompromisse eingehen. Sicher, wenn Klettern mal olympisch ist, wird es für viele Sportler eine finanzielle Entlastung geben. In Ländern mit schwachen Verbandsstrukturen glaube ich aber nicht, dass es deswegen mehr Profisportler und vor allem mehr Jugendförderung bzw. Geld und Ruhm geben wird. In Ländern mit guter Verbandsstruktur würde sicher eine Gleichstellung mit ähnlichen Sportarten (die bereits olympisch sind) stattfinden. Wenn ich mir aber viele nationale Verbände anschaue glaube ich nicht, dass Olympia da einen großen Ruck machen wird. Alle vier Jahre mediale Aufmerksamkeit oder ein fixes Einkommen sind ja doch verschiedene Sachen. Klettern ist in vielen Ländern nicht so weit. Und da meine ich auch europäische Länder!

Die akute Angst vor einer „Plastikgeneration“ ist unbegründet, denn die gibt es schon lange und ich zähle mich selbst teilweise dazu. Ich habe 1995 in der Halle mit dem Klettern begonnen und klettere nach wie vor viel am Plastik. Aber nur in der Halle klettern tun eigentlich nur Hobbysportler. Profis klettern immer auch am Fels, das wird sich nicht ändern. Das Wichtigste ist, den Klettereinsteigern einen ressourcenschonenden und behutsamen Umgang mit den Felsen und der Umwelt nahe zu bringen. An diesem Ansatz werden fünf Ringe auch keinen Unterschied machen.

Ich bin für eine nachhaltige, überlegte und erprobte Aufnahme vom Klettersport anstatt von Schnellschüssen. 

Kilian Fischhuber

Tatsächlich fragwürdig finde ich die Einführung der Kombination aller drei Disziplinen. Hier gab es nie einen Bewerb, einen getesteten, geschweige denn funktionierenden, Modus. Die Athleten, die jetzt von der Besteigung des Olymps träumen, denken hier meiner Meinung nach zu kurzfristig. Wenn Klettern 2020 floppt, war's das! Ich bin für eine nachhaltige, überlegte und erprobte Aufnahme vom Klettersport anstatt von Schnellschüssen. Meiner Meinung nach, ist es möglich in allen drei Disziplinen zur Weltspitze zu gehören, die Kombination gibt's ja auch im Skisport. Aber es käme doch keiner auf die Idee die Spezialdisziplinen Slalom und Abfahrt deswegen zu streichen, oder?

Sinn machen würde es, die drei Disziplinen so wie sie sind, in den Olympischen Zirkus aufzunehmen. Boulder, Speed, Lead. Fertig! Der internationale Verband hat sich, billig verkauft, die "Krot geschluckt" und dem Sport eine neue Disziplin aufgezwungen. Nachhaltige Entwicklung sieht anders aus! Ich frage mich nur wie es gelungen ist dem IOC etwas derart Unerprobtes zu verkaufen. Die müssen doch auch stutzig sein, oder etwa nicht?“

Ja-In Kim

„Klettern ist mehr als nur das Top zu erreichen.“ © Stanko Gruden / Red Bull Content Pool

Die 27-Jährige Ja-In Kim hat den Lead Climbing World Cup drei Mal gewonne (2010, 2013, 2014), sich 2014 zur Weltmeisterin im Lead gekürt und auch am Felsen klettert sie Schwierigkeiten über 8b+.

„Ich denk, dass die Aufnahme ins Olympische Programm eine extrem wichtige Chance für unseren Sport ist, sich auf einer großen Bühne zu präsentieren. Kletterer bekommen die Möglichkeit, ihre Leidenschaft voll auszuleben.
Die Olympisch Spiele sind für Athleten das ultimative Ziel und der Stoff, aus dem Sportlerträume sind, und dieser Traum scheint jetzt wahr zu werden. Ich werde 2020 32 Jahre alt sein und kann nur hoffen, dass mir die Ehre zuteil wird, bei diesem bedeutenden Event an den Start gehen zu dürfen. Auch in Ländern, wo die Unterstützung für den Klettersport bisher nicht da war, wird die Szene aufblühen und die Popularität steigen. Wer jetzt denkt, dass dieser Hype den Sport verändern und die Philosophie, die eigentlich dahinter steckt, angreifen wird, muss sich meiner Meinung nach, keine Sorgen machen. Klettern ist so viel mehr als nur das Top zu erreichen und ist seit Generationen tief verwurzelt, die Spiele werden das auch nicht ändern.

Klettern ist so viel mehr, als nur das Top zu erreichen. 

Ja-In Kim

Was die Kombinationswertung angeht, bin ich unsicher. Ich habe es zwar geschafft, bei den Weltmeisterschaften 2012 in Paris in der Kombination aus allen drei Disziplinen Gold zu erringen, man muss aber sagen, dass die Unterschiede zwischen Speed und Lead/Bouldern schon sehr groß sind. Wenige Athleten trainieren für alle drei Disziplinen und die Kombination repräsentiert den Sport nicht so, wie er ist – trotzdem ist eine Adaption für die Olympischen Spiele scheinbar nötig und ich finde es in Ordnung, erstmal so anzufangen und sich dann Schritt für Schritt weiter zu arbeiten, bis die einzelnen Formate aufgenommen werden können.“

Bernd Zangerl

Verfliegt der Pioniergeist? © Ray Demski / Red Bull Content Pool

Bernd Zangerl, der Boulderpionier und Abenteurer, ist immer auf der Suche nach der perfekten Linie – das brachte den Tiroler an viele Interessante Orte, wie auch nach Indien wo, er den Film „Shangri-La“ drehte.

„Der Klettersport hat es geschafft, der Gipfel des Olymp(ia) ist erreicht. Der Sozialisierungsprozess macht eben auch vor dem Klettern nicht halt, und somit unterwirft sich eine weitere, ehemalige Randsportart den Statuten und Regeln des IOC. Athleten und Athletinnen rennen weltweit die gleichen, genormte Speedrouten hoch und nun soll mit einer dreifach Kombination aus Lead, Boulder und Speed ein weiterer Schritt weg vom Ursprung gegangen werden - ein hoher Preis für eine Sportart, die sich doch mit Kreativität, Individualismus, Pioniergeist und dem Gefühl der Freiheit identifiziert.

Schon Platon, Phytagoras und Euripides, um nur einige wenige zu nennen waren Kritiker der so glorreichen olympischen Spiele. Letzterer wollte die Spiele sogar abschaffen. Viele Kritikpunkte von damals sind auch noch aktuell. Die Spiele dienen zur Verherrlichung von Ruhm und Ehre, der Gier nach Macht und Anerkennung und populistische Politiker missbrauchen solche sportlichen Grossereignisse immer wieder als persönliche Showbühne. Nur schon deshalb, sollte Klettern nicht olympisch werden! Sicher gibt es auch viele positive Aspekte, aber wenn ich persönlich an Olympia denke, dann kommen mir in erster Linie Schlagworte wie Doping, Bestechung, Boykotte und sogar Terrorismus in den Sinn. Gerade in der heutigen Zeit sollte das doch etwas kritischer betrachtet werden und nicht nach dem Motto „dabei sein ist alles“ agiert werden. Zu guter Letzt bin ich ein Befürworter eines „sauberen Sports“. Auch deshalb bin ich gegen Olympia, weil der Schrei nach mehr Leistung unweigerlich in den Sumpf des Dopings führen wird.

Ein weiterer Schritt weg vom Ursprung - ein hoher Preis für eine Sportart, die sich doch mit Kreativität, Individualismus, Pioniergeist und dem Gefühl der Freiheit identifiziert. 

Bernd Zangerl

Aber halt; Von was reden wir hier eigentlich? Wir reden hier ja vom Plastikklettern! Und der Plastikwettkampf ist doch nur EINE Spielform im Ganzen und wird es auch bleiben.
Das wirkliche Klettern, und es sei dahin gestellt wie ich das für mich interpretiere, findet doch ganz woanders statt, weit weg von der herkömmlichen Berichterstattung. Auch Olympia wird daran nichts ändern.“

Jessy Pilz

Das Talent am Weg nach ganz oben. © Heiko Wilhelm / ASP / Red Bull Content Pool

Jessica Pilz ist dreifache Österreichische Staatsmeisterin im Klettern, Dritte in der Lead-Weltcupgesamtwertung 2015 und mit 19 Jahren die große Nachwuchshoffnung Österreichs.

„Grundsätzlich denke ich, dass die Aufnahme des Klettersports bei den Olympischen Spielen eine große Chance und Möglichkeit ist, den Sport bekannter zu machen und in der Öffentlichkeit mehr Anerkennung zu bekommen. Um Leistungssport professionell betreiben zu können, braucht man gute Unterstützung vom Verband und von Sponsoren und dieser Support kann eben bei nichtolympischen Sportarten mangelhaft sein. Also für den finanziellen Teil im Klettersport ist die Teilnahme bestimmt positiv.

Für die Athleten wird es eine ungemeine Herausforderung, alle drei Disziplinen zu trainieren. 

Jessy Pilz

Wenn man die finanziellen Pluspunkte außer Acht lässt, gibt es einige negative Punkte, die für mich gegen Olympia sprechen. Allen voran: die Kombinationswertung! Die drei Disziplinen im Klettern sind so unterschiedlich, dass es fast unmöglich ist, alle gleichzeitig zu trainieren und in allen Erfolg zu haben. Die meisten Athleten konzentrieren sich nur auf eine Disziplin bzw. ein paar Kletterer kombinieren Bouldern und Lead, doch Speed mit einer zweiten Disziplin zu vereinbaren ist beinahe unmöglich, weil es mit dem Schwierigkeitsklettern kaum etwas zu tun hat. Die meisten Speed-Athleten, die ich kenne, trainieren mehr als die Hälfte der Trainingszeit auf der Laufbahn oder in der Kraftkammer, was man im Vorstieg oder Bouldern prinzipiell nicht tut. Für die Athleten wird es eine ungemeine Herausforderung, alle drei Disziplinen zu trainieren.

Ich bin mir sicher, dass Felsklettern, auch wenn sich vieles in der Halle abspielt, für den Großteil der Kletterer interessant bleibt, egal ob olympisch oder nicht. Viele Athleten holen sich am Fels wieder neue Motivation für das Hallentraining. Und Felsurlaube sind immer ein Highlight für Kletterer, die sicher nicht wegen Olympia untergehen. Ich selbst bin auch schon gespannt, was auf uns Athleten im Training zukommt und wie das Starterfeld für Olympia festgelegt wird, denn bis jetzt gibt es nur wenige Ausnahmen, die bei Weltmeisterschaften in der Kombination an den Start gehen.“

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