Klettern bei Olympia? Was sagen die Profis dazu?

Teil 2 – DiGiulian, Skofic und Eiter haben sich Gedanken zu Tokyo 2020 gemacht.
Was bringt 2020? © Greg Mionske / Red Bull Content Pool
Von Thomas Wernhart

Klettern wird 2020 in Tokyo sein Debüt bei den Olympischen Spielen geben und die Szene ist einerseits glücklich über die Entscheidung, auf der anderen Seite gibt es viele Diskussionen zu den Vor- und Nachteilen der Aufnahme ins Programm. Das Olympische Komitee möchte eine Kombination aus den Weltcup-Disziplinen Lead, Boulder UND Speed kreieren - speziell dieser Ansatz kommt bei den Athleten nicht besonders gut an. Im ersten Teil haben uns Kilian Fischhuber, Bernd Zangerl, Ja-In Kim und Jessica Pilz ihre Meinung zu dem Thema verraten, jetzt kommen Sasha DiGiulian, Domen Skofic, Wir haben einige der weltbesten Kletterer gefragt, was sie von dieser Entwicklung halten und sehr ehrliche und emotionale Meinungen zurückbekommen.

Sasha DiGiulian

Spaß am Fels. © Greg Mionske / Red Bull Content Pool

Sasha DiGiulian kürte sich 2011 zur Weltmeisterin in der Gesamtwertung und ist die dritte Frau und erste Amerikanerin, die den Schwierigkeitsgrad „9a“ bezwingen konnte.

„Ich denke, dass dieser Schritt den Klettersport auf eine größere Bühne heben und weiter in den Mainstream bringen wird. Viel mehr Menschen werden aufmerksam werden und auch immer mehr Jugendliche werden im Klettern ihren „Sport“ und ihre Leidenschaft finden. Ich für mich selbst möchte die Menschen inspirieren, zukünftige Generationen zum Klettern bringen. Ich bin in der Kletterhalle groß geworden und mit Wettkämpfen aufgewachsen heute habe ich meine Leidenschaft für größere Kletterprojekte in der Natur gefunden – trotzdem würde ich sehr gerne bei den Spielen 2020 dabei sein. Ich bin jedoch der Meinung, dass das vorgeschlagene Format sehr seltsam ist. Speed Climbing unterscheidet sich sehr stark von Sportklettern und Bouldering. Als ich 2011 bei der Weltmeisterschaft in Arco Gold in der Gesamtweltmeisterschaftswertung gewinnen konnte, machte ich im Bouldern den zweiten Platz, im Lead Platz 8 – im Speed Bewerb aber nur 52., das sagt einiges aus. Ich bin gespannt, wie das Scoring funktionieren wird und auch wie man die Teams bzw. Athleten ermittelt, die dabei sein dürfen.

Im Großen und Ganzen wird diese Entscheidung den Klettersport ein Wachstum bescheren und die Strukturen werden sich verbessern. Mehr Aufmerksamkeit heißt mehr Förderung und mehr Gelder im Sport, das sich möglicherweise auch positiv auf die Umwelt und die gebiete, in denen wir Klettern auswirken wird.

Ich hoffe, dass Klettern seine Authentizität behält und nicht nur ein “gym sport” wird. 

Sasha DiGiulian

Die Nachteile: Klettern ist ein Outdoorsport und die Kletterhallen halten für viele der Profis als Fitnesscenter her. In den letzten Jahren hat sich aber eine Kletterszene entwickelt, die scheinbar gar keine Intentionen haben, raus in die Natur zu gehen und Klettern in der halle „nur“ als Workout sehen. Ich sehe da auch nichts verwerfliches daran, trotzdem soll auch nach der Aufnahme ins Olympische Programm sicher gegangen werden, dass Klettern weiterhin so präsentiert wird, wie es tatsächlich stattfindet. Klettern muss seinen Spirit und seine Authentizität behalten und nicht nur ein “gym sport” werden.

Domen Skofic

Domen Skofic in Oliana. © Luka Fonda / Red Bull Content Pool

Domen Skofic ist seit jungen Jahren in der Wettkampfszene unterwegs hat sich 2011 zum Junioren-Weltmeister gekrönt, war Junioren Europameister und mehrfacher Sieger im Lead Weltcup.

Ich glaube jeder Athlet hat den Wunsch bei Olympia dabei zu sein, auch für mich wäre es ein Traum und ich bin nun schon extrem aufgeregt, weil Klettern bei den Olympischen Spielen 2020 in Tokyo imProgramm ist. Klettern bekommt nun vielleicht die Popularität und den Wert in der Sportwelt, den es verdient. Die Top-Athleten haben nun endlich die Chance sich voll und ganz auf ihre Leidenschaft zu konzentrieren und damit ihr Leben zu bestreiten. Leider gibt es aber auch zwei Dinge, die ich nicht gutheißen kann.

Erstens, die Kombination aus den drei Disziplinen. Es gab keinen Test und keinen Wettkampf, wo dieses neue Format jemals ausprobiert wurde, was heißt, dass das Olympische Komitee die Zukunft des Sports auf Messers Schneide stellt. „Speed“, wobei immer die gleiche Route mit den gleichen Winkeln und den gleichen Moves geklettert wird, hat nichts mit dem eigentlichen Klettern zu tun. Mich fasziniert am Klettern, dass man immer etwas Neues und Speziellen entdecken kann und oft dein Geist bzw. Gehirn mehr zählt, als die Kraft deiner Muskeln.

Es macht keinen Sinn, für die Spiele einen neuen Sport zu erfinden!

Domen Skofic

Das zweite Problem, das ich sehe, ist die wachsende Kluft zwischen Felsklettern und der Wettkampfdisziplin Klettern. Die meisten Athleten, die heute im Lead- und Boulder-Weltcupzirkus unterwegs sind, lieben das Felsklettern genauso wie die Wettkämpfe in den Hallen. Durch das neue Format müssten sie anfangen viel mehr Zeit für Kraft- und Konditionstraining aufzuwenden, was dann natürlich zu Lasten des eigentlichen Klettersportes ginge, beides geht einfach nicht! Ich bin der Meinung, dass Lead und Boulder ins Olympische Programm aufgenommen werden sollten, da sie die pursten Elemente des Kletterns beinhalten – es macht keinen Sinn für die Spiele einen neuen Sport zu erfinden!

Angy Eiter

Auf der Suche nach neuen Felsen. © Luka Fonda / Red Bull Content Pool

Viermalige Weltmeisterin und Europameisterin in der Disziplin Lead, dreimalige Weltcup-Gesamtsiegerin und auch am Fels sehr erfolgreich mit zahlreichen Begehungen im 8. und 9. Grad.

Allgemein betrachtet, fände ich den Schritt "Klettern bei Olympia" eine positive, historische Entwicklung. Der Sport würde berechtige mediale Aufmerksamkeit und wirtschaftlichen Benefit erhalten. Allerdings ist der aktuell gewählte Modus der "Kombination aller Disziplinen" für mich persönlich nicht sinnhaft - doch dieses Opfer ist der Weltverband für das Olympische Ticket offensichtlich bereit aufzubringen.

Meiner Meinung nach entwickelt sich hiermit eine völlig neue künstliche Wettkampfdisziplin, bei er die Kletterphilosophie eindeutig den Nachrang hat.

Angy Eiter

Meiner Meinung nach entwickelt sich hiermit eine völlig neue künstliche Wettkampfdisziplin, bei er die Kletterphilosophie eindeutig den Nachrang hat. Das weicht eindeutig von meiner Vorstellung ab. Möglicherweise nimmt die junge Generation jedoch diese Entwicklung weniger schwerfällig hin und profitiert sogar vom Training aller Disziplinen sowie von den neuen Rahmenbedingungen. In Summe definitiv ein heikles Thema!

read more about
Zur nächsten Story