Thomas Morgenstern: Fliegende Helden im Gespräch

Thomas Morgenstern war bei der Premiere der neuen Red Bull TV Serie „The Horn“ in Luzern mit dabei.
Zwei Flieger im Gespräch. © Romina Amato/Red Bull Content Pool
Von Thomas Wernhart

The Horn porträtiert die Männer von Air Zermatt, dem wohl besten Flugrettungsteam der Welt und zeigt einen ungefilterten Blick hinter die Kulissen und den Alltag der sechs Männer. Tag täglich retten die Flugretter Leben und begeben sich dabei in Situation, die knapp am Limit sind – durch ihre immense Erfahrung und ihr Wissen um die Berglandschaft des Matterhorns können sie eingreifen, wenn andere nicht mehr wissen, wie es weitergeht. Der Ex-Skispringer Thomas Morgenstern hat sein Leben nach seiner Skiflugkarriere nun dem Helikopterfliegen gewidmet und da fand er bei der Premiere von „The Horn“ in Luzern mit Gerold Biner, dem CEO von Air Zermatt, einen interessanten Gesprächspartner, der mit allen Wassern gewaschen ist und wie Morgenstern sein Leben in der Luft verbringt.

Gerold Biner: Thomas, du fliegst doch auch, oder? Hast du einen eignen Heli?
Thomas Morgenstern: Ja genau, ich fliege seit 2008 Fläche und habe dann 2012 mit dem Hubschrauberfliegen begonnen. Meine Base ist in Mauterndorf, wo ich meine Robinson R44 eingestellt habe und so oft wie möglich in die Luft gehe. Seit ich meine aktive sportliche Karriere im Skispringen beendet habe, flieg ich fast täglich, im letzten Jahren bin ich auf über 200 Stunden gekommen. Gerade bin ich dabei die ATPL(H) Theorie Ausbildung zu machen, damit ich dann beruflich einsteigen kann. Ich möchte einfach Erfahrungen machen und dann sehen, wohin es geht. Ich stehe auch noch ziemlich am Anfang und bin gerade dabei bei den Helicopter Championships mir "meine Sporen zu verdienen". Wir fliegen da in enger Abstimmung mit den Co-Piloten auf Präzision und dabei lerne ich sehr viel, was für meine Zukunft wichtig ist.

Leidenschaft verbindet. © Romina Amato/Red Bull Content Pool

Gerold Biner: Wir hätten da keine Chance bei diesen Disziplinen, das ist etwas ganz anderes und wenn man im Cockpit nicht abgestimmt ist, geht es nicht.
Thomas Morgenstern: Genau, der Co-Pilot ist das dritte Auge und man muss sich gut kennen und abgestimmt sein. Wir haben aber jetzt auch einmal versucht Lasten zu fliegen – das war eine ganz besondere Erfahrung. Man muss immer wissen, wo die Last ist und das mit einberechnen, während man nicht auf den Horizont, sondern nach unten schaut.
Gerold Biner: Ja, wir haben von dieser Position schon alle Nackenprobleme, trotzdem freue ich mich jeden Tag wenn ich außer Haus gehe aufs Fliegen. Ich wollte immer Pilot werden und zu den Anfangszeiten der Bergretter hier in Zermatt hatten die Hubschrauberpiloten teilweise ein höheres Ansehen als der Bürgermeister – aber das war's nicht, mich hat Fliegen immer fasziniert. Ich kam aus dem Sport und habe mich dann mit ca. 16 für diese Karriere entschieden – obwohl ich das Skifliegen auch sehr bewundere.

Thomas Morgenstern: Ja, das Spiel mit der Luft ist schon etwas ganz besonderes, aber das merke ich auch im Hubschrauber. Wie man das Ganze immer mehr verinnerlicht und die Freiheit genießen kann. 
Gerold, was rät man jemandem, der Flugretter werden möchte?
Das kommt immer darauf an, wo man Bergretter werden möchte. Am besten meldet man sich als Mitglied bei der dortigen Bergwacht. Die Ausbildungen sind sehr unterschiedlich und variieren von Land zu Land. Als Pilot ist es noch weit schwieriger, als Rettungsflieger irgendwo unterzukommen.

Thomas Morgenstern: Und was denkst du, muss man mitbringen um Flugretter zu werden?
Man muss teamfähig sein, eine soziale Ader haben und viel Enthusiasmus an den Tag legen. Die Belastbarkeit spielt ebenfalls eine entscheidende Rolle. Never crack under pressure!

Thomas Morgenstern: Wieviele Flugstunden braucht man, um die Berge halbwegs einschätzen zu können und gibt es etwas, woran man als Pilot speziell arbeiten muss?
Die Schweiz hat ein sehr gutes Basiskonzept, was die Ausbildung der Helipiloten anbelangt. Bereits nach der Grundausbildung kann ein Helipilot die Zusatzausbildung für Landungen im Gebirge absolvieren. Ab 100 Flugstunden erlernt der Anwärter wie man sich vorbereitet, das Einsatzgewicht kalkuliert und wie man sich bei verschiedenen Wetterbedingungen verhält. Dazu gibt es gute Tipps und Tricks von den Fluglehrern. Nach 200 Landungen, davon 50 oberhalb von 2700 Metern über Meer, kann der Pilot Landungen über 1100 Metern über Meer zu den 40 Gebirgslandeplätzen durchführen und Passagiere mitnehmen. Bis man dann jedoch im Gebirge arbeiten kann, braucht es dann noch einige Flugstunden an Erfahrung. In der Schweiz haben wir bis zu 10 Stufen, welche ein Jungpilot durchlaufen muss, ehe er unlimitiert einsetzbar ist. Das braucht bis zu 5 Jahren und kostet eine Firma rund 250.000 Euro. Daher ist der Einstieg so schwierig und die jungen Piloten kriegen kaum eine Chance, irgendwo im Business Fuss zu fassen.

Thomas Morgenstern: Was sind die Schwierigkeiten in den Bergen?
Im Gebirge nimmt die Leistung des Helikopters ab, die Wetterbedingungen sind meistens schwieriger und wechseln viel schneller. Ansonsten versuchen wir den Piloten Tools mit auf den Weg zu geben, welche von Sealevel bis zum Mount Everest gelten.

Thomas Morgenstern: Kannst du dich erinnern, was die brenzligste Situation In deiner Karriere war?
Man erinnert sich jeweils an die letzte dieser Situationen. Diese war vor einer Woche beim Betonfliegen am Kl. Matterhorn auf 3883 Metern über Meer, als ich mit dem Kübel in den Abwind geriet und ich mir fast in die Hosen gemacht habe. Ein paar weitere Situationen kann man auch in meinem Buch „ Fliegen um Leben und Tod“ nachlesen.

Experten unter sich. © Romina Amato/Red Bull Content Pool

Thomas Morgenstern: Jetzt interessiert mich, wie lang kann bzw. will man das machen?
Der Reiz, diese Technik zu beherrschen, überragt am Anfang all die negativen Sachen. Es gibt mit der Zeit Abnützungserscheinungen oder die Faszination weicht der Ernüchterung, dass es sich letztendlich um einen normalen Job handelt. Die wirklichen Freaks kann diese Fliegerei ein ganzes Leben lang faszinieren. Diesen Virus haben nicht alle Menschen.

Thomas Morgenstern: Wie lässt sich dein Beruf mit dem Privatleben vereinbaren?
Wir haben zuhause einfache Regeln aufgestellt. Ich würde nie in einen Helikopter einsteigen, wenn ich noch einen Zwist oder eine Diskussion offen hätte. Ich versuche immer im Frieden das Haus zu verlassen. Zu viel kann während einem Tag passieren. Dies sollte eigentlich nicht nur für Piloten gelten. Nach 33 Jahren in der Fliegerei haben sich meine Mädels ganz gut an den Beruf gewöhnt.

Thomas Morgenstern: Ihr seid ja überall auf der Welt im Einsatz und betreut auch in Nepal einen Heliport. Gibt es Unterschiede zwischen Nepal und der Rettung in den Schweizer Bergen - oder ist Bergrettung weltweit gleich Bergrettung?
Die Taktik ändert sich nur dahingehend als dass du im Himalaya mehrheitlich alleine unterwegs bist und bei einem Zwischenfall wohl auf dich gestellt bist. Ein Abstieg zu Fuss würde in jedem Falle in einem Höhenödem enden. Wendet man die Tools bei der Taktik richtig an, kann man auch im Himalaya sicher Rettungen durchführen. Somit bleibt sich die Bergrettung eigentlich gleich. Einzige Unterschiede gibt es lokal.


Thomas Morgenstern: Wie geht ihr mit Anfragen aus dem Ausland um?
Das wichtigste ist bei diesen Einsätzen, dass man sehr rasch reagieren kann und nicht viel Zeit mit Bewilligungen und Geld organisieren verliert. In der Regel sind wir innerhalb von wenigen Stunden unterwegs.

Thomas Morgenstern: In „The Horn“ geht es in der ersten Folge um die Rettung eines Verunglückten aus einer Gletscherspalte. Kommt es auch vor, dass man Personen nicht findet?
Am Matterhorn haben wir mehr als 20 Personen im Verlust, welche nie mehr gefunden wurden. Im übrigen Gemeindegebiet sind es noch einmal 20 Personen. Mit dem Rückgang der Gletscher kommen ab und an dann wieder Vermisste zum Vorschein. Hier wäre eine gescheite Handyortung von Vorteil!

 

Die „Helden der Lüfte“ von Air Zermatt. © Romina Amato/Red Bull Content Pool

Thomas Morgenstern: Kannst du dich erinnern, was die längste Rettungsaktion in deiner Karriere war?
Die längste dauerte wohl eine Woche, aber zwischendurch mussten wir einfach auf besseres Wetter warten. Vor Jahren hatten wir eine Rettung am Matterhorn, welche über 24 Stunden dauerte und ich kaum Schlaf fand.

Echte Rettungseinsätze, echte Helden – „sechs Folgen von „The Horn", dem Real-Life-Drama auf dem Matterhorn, gibt’s ab dem 17. Oktober nur auf Red Bull TV!

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