Back in Time: Motorrad-Höhepunkte in rot-weiß-rot

Gustl Auinger als Local Hero, unvergessliche deutsche Duelle und legendäre Rennen in Österreich
Kampf um die WM: Nieto (1), Auinger (6), Tormo (8) © Josef Mayrhofer
Von Werner Jessner

Nach 19 Jahren Pause kommt die Königsklasse des Motorradsports endlich zurück nach Österreich. Die Rennserie, die sich am 1. Juni 1997 mit dem Lauf der 500ccm-Klasse vom A1-Ring verabschiedete, feiert von 12. bis 14. August als MotoGP ihr Comeback am Red Bull Ring. Höhepunkte hat es in dieser Geschichte viele gegeben:

Der beste der Bastler

Noch in den 1970er Jahren war die Motorrad-WM eine familiäre, durchwegs handgestrickte Angelegenheit. Schlaue, wendige Einzelkämpfer hatten die Chance, es mit Werksteams aufzunehmen, wenn Herz und Hirn groß genug dafür waren. Der Oberösterreicher Harald Bartol war so ein Genie an Werkbank und Lenker. Seine Spezialität waren exzellente Eigenbau-Zweitaktmotoren in den kleinen Hubraumklassen. 1978 fuhr der 14-fache österreichische Staatsmeister am Salzburgring zum letzten Mal auf ein WM-Podest, gab danach seinen Rücktritt bekannt und widmete sich fortan ganz seiner Techniker-Karriere, die in den nächsten Jahrzehnten – hauptsächlich mit KTM – unzählige Titel auf der ganzen Welt einbringen sollte.

 

Auingers Aufstieg

Ein groß gewachsener Oberösterreicher faltete sich hinter die Verkleidung seiner Achtelliter-Privatmaschine und tanzte damit den internationalen Werksfahrern auf der Nase rum: Das war die Storyline des WM-Jahres 1982, und natürlich sprechen wir von August „Gustl“ Auinger, heute Nachwuchs-Coach im Red Bull Rookies Cup.

Unumschränkter Dominator der Achtelliter-Klasse war der Spanier Ángel Nieto. Dass Auinger ihn ausgerechnet beim Heim-Rennen schlug, gefiel nicht nur dem österreichischen Publikum. Auch der bescheidene Auinger ließ sich danach zu einem „Fantastisches Rennen!“ hinreißen. Nicht ohne das Lob sofort an seinen Motoren-Mann weiterzugeben: „Der drehmomentstarke Motor vom Harald ist extrem gut marschiert.“ Harald? Exakt: Bartol, der Wissen und Technik an den Landsmann weitergegeben hatte.

Beinahe-Heimsieg

1985 hatte Österreich zwei Motorrad-Helden, den jedes Kind kannte: Den Motocross-Weltmeister Heinz Kinigadner und Gustl Auinger, der soeben als Privatfahrer seinen ersten Grand Prix gewonnen hatte. In seinem Buch „Vollgas“ (Edition Reitwagen) erinnert er sich gerne an den Hype zurück, der um ihn entstand: „Es hat mich in keiner Weise gestört, wenn mich die Kameraleute begleitet haben. Das waren liebe Kerle. Ich fühlte mich nicht beschattet, es entstand kein Druck. Und ich wusste, ich kann schnell fahren.“ Die zehntausenden Auinger-Fans, die an den Salzburgring gereist waren, sahen eine rundenlange Windschatten-Schlacht, die Gustls WM-Konkurrent Fausto Gresini schließlich knapp gewann. Für die Fans war Auingers zweiter Platz jedoch fast so schön wie ein Sieg.

 

Deutsche Duelle

Der Salzburgring war immer ein heimlicher Heim-GP für deutsche, vor allem bayrische Fans. Am besten war die Stimmung immer dann, wenn ein deutscher Fahrer um den Sieg kämpfen konnte. Und der GP von Österreich war stets gut zu den deutschen Piloten: Toni Mang, Martin Wimmer, Reinhold Roth, Stefan Prein oder später Ralf Waldmann erlebten Sternstunden in Salzburg und Spielberg. Besonders laut war es auf den Wiesen um die Strecke, wenn deutsche Fahrer auf große Gegner trafen. Unvergesslich wird das Viertelliter-Match von Toni Mang gegen „Fast“ Freddie Spencer 1985 bleiben, das knapp zu Gunsten des Amerikaners ausging. Nach der Siegerehrung schnappte sich Spencer seine 500-ccm-Honda und gewann auch das Rennen in der Königsklasse. Gegen ein solches Genie kann man schon einmal verlieren, das sahen auch die deutschen Fans ein. Spencer wurde dreifacher Weltmeister, Toni Mang sollte sich 1987 den letzten seiner insgesamt 5 WM-Titel holen.

Festival-Atmosphäre

Die späten 1980er und frühen 1990er-Jahre gelten als eine der wildesten Epochen der Motorrad-WM. In der 500er-WM lieferten sich die Werksteams von Honda, Yamaha und Suzuki einen großartigen Kampf um die Krone mit abartig-giftigen Zweitaktmotoren, die jedes Chassis und jeden Reifen ans Limit brachten. Diese Bikes waren nur für die Besten der Besten fahrbar. Fehlerfrei blieb keiner, das machte die Rennen so speziell. Was für ein Glück, dass die Stars dieser Zeit auch noch Charisma hatten. Mick Doohan, Wayne Rainey, Kevin Schwantz, Eddie Lawson: Da war es leicht, Identifikationsfiguren zu finden. Mehr als 80.000 Zuschauer machten den Salzburgring zu einem gigantischen Campingplatz voll ausgelassener Stimmung und handfestem Unfug.

Abschied aus Salzburg

Zum letzten Mal nach hinten in die Nocksteinkehre, zum letzten Mal die Backen zusammenkneifen bei der Einfahrt in die Fahrerlagerkurve: 1994 markierte das Schlussjahr der Motorrad-WM am Salzburgring, und es wurde ein Fest der kreischenden Zweitakt-Raketen. In der Königsklasse ärgerte der Texaner Kevin Schwantz auf seiner Suzuki die Werks-Hondas von Mick Doohan und Alex Crivillé und schlug zumindest letzteren. Für die italienischen Zuschauer war vor allem die Viertelliterklasse ein Fest: Loris Capirossi siegte vor Max Biaggi und Doriano Romboni. Eine Stunde zuvor hatten die deutschen Fans den Sieg ihres Dirk Raudies in der Achtelliter-Klasse bejubelt.

Wiedergeburt

Am 4. August 1996 fand das erste Groß-Event am frisch eröffneten A1 Ring statt: Die Motorrad-WM war von Salzburg in die Steiermark übersiedelt. Das Publikumsinteresse war gewaltig, die Probleme auch: Der Ring war erst im letzten Moment fertig geworden, Starkregen schwemmte immer wieder Erde auf die Strecke, Campingplätze und Fahrerlager glichen Schwimmteichen. Das tat der Begeisterung der 55.000 Fans aber keinen Abbruch: Sie erlebten in der Königsklasse (noch 500 Kubik-Zweitakt) ein Drama in der letzten Runde, als der Spanier Alex Crivillé seinem Teamkollegen Mick Doohan nach einem Verschalter den Sieg wegschnappte. Aus heutiger Sicht bemerkenswert war der dritte Platz eines engelsgesichtigen Teenagers in der 125-ccm-Klasse: Valentino Rossi hatte soeben seine allererste Podiums-Platzierung in der WM geholt.

Vorläufiges Ende

Der bislang letzte Motorrad-GP von Österreich fand 1997 auf dem damaligen A1 Ring statt. In der 500er-Klasse dominierte in diesem Jahr Mick Doohan wie kein Fahrer vor ihm: Er gewann 12 von 15 Rennen, Spielberg war Sieg Nummer 4 in dieser Saison. Auch Pole Position und schnellste Rennrunde gingen an den Australier. In der Viertelliter-WM hieß das Duell Max Biaggi gegen den Deutschen Ralf Waldmann, doch in der Steiermark spuckte der Franzose Olivier Jacque den beiden Favoriten in die Suppe und holten einen seiner sieben WM-Siege. In der 125er-WM war Valentino Rossi in seiner erst zweiten WM-Saison zum Siegfahrer geworden. Einzig Noboru „Noby“ Ueda konnte einigermaßen mithalten und bisweilen sogar gewinnen – zum Beispiel in Spielberg.

 

Retour am Red Bull Ring

Vom 12. bis 14. August kehrt die MotoGP zurück nach Spielberg. Das Publikumsinteresse im Vorfeld war gigantisch, die Vorfreude auf Marc Marquez, Valentino Rossi, Jorge Lorenzo & Co. detto. Ein neuer Asphalt soll für perfekte Bedingungen sorgen, und auch die Fahrer sind bereits heiß auf die für sie neue Strecke. Marc Marquez konnte bereits letzten Herbst erste Eindrücke sammeln: „Das Besondere ist die Topographie: So viel Höhenunterschied wie hier haben wir nirgends. Bestenfalls einzelne Streckenabschnitte erinnern an andere MotoGP-Tracks: Die ersten beiden an Austin, die beiden Linkskurven an Assen oder Jerez, die zwei letzten an Misano. Dein Bike braucht hier gute Balance, Wheelie-Kontrolle, exzellente Bremsen und ein Fahrwerk, das präzise einlenkt. Und mehr Bodenfreiheit als auf anderen Strecken.“ Valentino Rossi sekundiert: „Die Strecke ist schneller als gedacht. Das Layout ist super. Ich mag das.“ Und Weltmeister Lorenzo ergänzt: „Der Asphalt ist sehr griffig und aggressiv. Das ständige Beschleunigen und Bremsen belastet den Reifen stark. Vor allem im Rennen wird man mit viel Hirn fahren müssen.“

Der Tisch ist gedeckt, die MotoGP kann kommen.


 

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