Rückblick zur Halbzeit: Die MotoGP-Saison 2016

Reglementänderungen, Vertragspoker und nicht wiedererkennbare Fahrer – was bisher geschah...
© Christian Pondella/Red Bull Content Pool
Von Martin Datzinger

Neue Reifen, neue Elektronik

Jahrelang setzte die MotoGP auf nicht serienmäßige 16,5 Zoll Felgen. Gut fürs Handling, schlecht für den Technologietransfer. Nun also 17 Zoll und gleichzeitig das Ende der Ära Bridgestone, neuer Alleinausstatter ist Michelin. Während der japanische Vorderreifen für unerschütterliche Haftreserven bekannt war, glänzen die Franzosen eher mit einem starken Hinterrad. Das erfordert einen geänderten Fahrstil, das Limit am Kurveneingang und Scheitelpunkt muss neu gesucht werden. Die Konsequenz war anfangs reihenweise Stürze über das Vorderrad.

Am Kurvenausgang gibt es ebenfalls eine neue Herausforderung: Das Motorsteuergerät und seine Software kommen jetzt von Magnet Marelli. Keine Möglichkeit mehr für die reichen Werksteams, in der Entwicklung der Traktionskontrolle den Hinterbänklern davonzufahren. Und mehr Arbeit für die Fahrer, weil die Elektronik weniger mithilft.

Silly Saison

So nennt man die Zeit, in der Verträge für die Folgesaison ausgehandelt werden. Diesmal begann alles mit Gerüchten rund um Jorge Lorenzo. Valentino Rossi stichelte, sein Teamkollege solle sich deklarieren. Und das tat er, verkündete ungewöhnlich früh den Wechsel zu Ducati. Sein Nachfolger bei Yamaha ist zur Freude des Doktors Maverick Viñales. Dessen Platz bei Suzuki erbt wiederum Andrea Iannone. Aleix Espargaró hat bei Aprilia unterschrieben, während sich Stefan Bradl von dort in die Superbike WM verabschiedet.

Neueinsteiger KTM hat Bradley Smith und Pol Espargaro von Tech 3 Yamaha abgeworben, dort rücken die Ex-Red Bull Rookies Cup Sieger Jonas Folger und Johann Zarco nach, letzterer amtierender Moto2-Weltmeister und aktuell Tabellenführer.

Vom Heißblüter zum Chefstrategen

2015 hieß es für Marc Márquez alles oder nichts, Sieg oder Niederlage. Und so fand er sich auch regelmäßig im Kiesbett wieder. Doch der Knabe hat eingesehen, dass es sich auszahlt, einen schnelleren Konkurrenten ziehen zu lassen, anstatt verzweifelt zu versuchen, ihn niederzuringen. Vor allem auf den heiklen Michelins, die seine berüchtigten Ausbrems-Attacken schlecht wegstecken. Dazu eine sensationelle Leistung am Sachsenring, als er wieder einmal sein überragendes Gefühl für veränderliche Streckenbedingungen und den richtigen Moment zum Reifenwechsel bewies. Zur Halbzeit führt er die Tabelle mit 48 Zählern Vorsprung auf Jorge Lorenzo souverän an.

Schnell und klug: Marc Márquez hatte viel zu feier © Christian Pondella/Red Bull Content Pool

Im Regen wenig weltmeisterlich

Unter idealen Streckenbedingungen liefert Jorge Lorenzo vom Start weg konstant eine perfekte Runde nach der anderen. Doch sobald Regen im Spiel ist, kann er einfach kein Vertrauen zum Material aufbauen, besonders nicht zu den neuen Reifen. Ein Sturz auf einer noch feuchten Stelle in Argentinien und desaströse Auftritte bei den letzten beiden Regenthrillern sind für einen amtierenden Weltmeister keine Zierde. Der Mallorquiner wird wohl die Sommerpause brauchen, um wieder in den gewohnten Takt zu kommen und die 48 Punkte Rückstand aufholen zu können – fraglich, ob ihm der bevorstehende Teamwechsel dabei hilft.

Der Doktor wie ausgewechselt

Wer Valentino Rossi als alt, langsam, oder nach seinem dramatisch vergebenen 10. WM-Titel vielleicht sogar verbittert abgestempelt hat, wurde eines Besseren belehrt: Sein Speed war schon lange nicht mehr so konkurrenzfähig wie 2016. Zwei dominante Siege, zwei zweite Plätze, einiges an überzeugender Führungsarbeit, aber auch ein Motorplatzer vor Heimpublikum in Misano, zwei vermeidbare Stürze in Austin und Assen und zudem Punkteverlust nach mehrfach ignorierter Aufforderung zum Motorradwechsel auf abtrocknender Strecke in Deutschland. Wie soll er jetzt noch 59 Punkte auf Marc Márquez gutmachen? Wir tippen: mit noch mehr Angriffslust denn je.

Die rote Gefahr

In den Tests sah Ducati wie der Hauptprofiteur der neuen Einheitselektronik aus. Die Topspeedwertungen dominieren die roten Göttinnen ohnehin. Mehr als ein zweiter Platz war in diesem Jahr dennoch nicht möglich. Die Desmosedici ist nach wie vor nicht das effektivste Motorrad in den Kurven, zudem setzt ihre Power dem Hinterrad zu – zwei Reifenplatzer bei Kundenmotorrädern inklusive. Und dann noch die häufigen Stürze: Andrea Iannone wurde seinem Titel „The Maniac” gerecht, indem er einmal seinen eigenen Teamkollegen und einmal Jorge Lorenzo abräumte, Andrea Dovizioso wurde zudem von Dani Pedrosa torpediert, der sich dafür aber wenigstens ausgiebig entschuldigte. Erst im letzten Rennen fanden beide Ducatis ihren Weg ins Ziel.

Aber vielleicht schlägt am Red Bull Ring die Stunde der Italiener – das Bike marschiert dort jedenfalls fulminant:

Junge Bullen im Aufwind

2015 fragte man sich noch, ob das wohl gut gehen würde, den damals zwanzigjährigen amtierenden Moto3 Vize-Weltmeister Jack Miller direkt in die Königsklasse zu holen. In Assen strafte er seine Kritiker aber unter schwierigsten Bedingungen Lügen: erster Sieg eines Nicht-Werksmotorrads seit fast 10 Jahren.

Der nächste Ex-Moto3 Shooting Star ist Maverick Viñales. Der Weltmeister der Saison 2013 hält nach einem äußerst erfolgreichen Zwischenspiel in der Moto2 nun im Suzuki MotoGP-Werksteam das Zepter in der Hand und liegt in der WM direkt hinter Dani Pedrosa auf Platz 5.

Jack Miller feiert in Assen seinen ersten Sieg © Gold & Goose/Red Bull Content Pool
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