Trishes: „Dialekt galt als zu proletoid“

Stefan Trischler im Interview: Wie die heimische Hip-Hop-Szene ihre eigene Sprache gefunden hat.
Trishes © Daniel Shaked
Von Thomas Kiebl

Bevor das Internet seinen Siegeszug antrat, fungierte das Radio als Medium schlechthin für alle Hip-Hop-Begeisterten in Österreich. „Tribes Vibes & Dope Beats“ lautet der Name einer Sendung, die Hip Hop in Österreich seit seinen Anfangstagen begleitet – und älter ist als der Sender FM4. Dort präsentiert Stefan „Trishes“ Trischler gegenwärtig die Sendung. Mit dem Ziel, der heimischen Szene mit all seinen Facetten eine Plattform zu geben.

Ein Gespräch mit dem „Tribe Vibes & Dope Beats“-Host über die Entwicklung der österreichischen Hip-Hop-Szene, die Bedeutung der Medien, das Verhältnis zwischen Rap und Politik in Österreich sowie die Etablierung von Dialektrap.

In der Regel konzentrieren sich die Diskussionen über Hip Hop in Österreich auf Wien. Wie verlief die Entwicklung der Szene in anderen österreichischen Städten, im Vergleich zu Wien?

Österreichweit bestand für die Hip-Hop-Szene in den Informationsquellen der gemeinsame Nenner. Egal ob Wien, Innsbruck oder Linz, alle bezogen ihre spärlichen Informationen über Hip Hop durch Yo! MTV Raps und Kabelfernsehen und Tribe Vibes & Dope Beats im Radio. Diese Informationsquellen haben das Land verbunden: Wenn man zum Beispiel bei Tribe Vibes & Dope Beats angerufen hat und dort Shout-Outs an die lokale Posse gab, bekamen das alle Hörer der Sendung mit.

Auf die Städte bezogen, hat sich in Linz schnell etwas Eigenes entwickelt. Was an der Größe der Szene lag, in der sich alle Heads untereinander gekannt und unterstützt haben — unter der Ägide von Texta, die sehr aktiv darin waren, Potentiale zu erkennen und Talente aufzubauen. In Linz war die Szene daher sehr zentral, mit der Kapu als Ort, wo alle zusammenkamen. Anders Wien, wo über die Jahre mehrere verschiedene Brandherde aufkommen sollten. UpTight und die Dorfmeister-Partie, die auch im Hip-Hop verwurzelt waren, koexistierten mit deutschsprachigen Rapgruppen wie Schönheitsfehler. In Wien entstand außerdem eine kommerziell sehr erfolgreiche R’n’B-Schiene, parallel zum Hardcore-Rap.

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Welcher Konflikt bestand hinsichtlich der Sprache, auf der gerappt werden sollte?

Die erste Entscheidung fiel zwischen Englisch und Deutsch. Ab 1992/93 kam die Hinwendung zu Deutsch, weil man sich darin besser ausdrücken konnte. Mundart war lange gar kein Thema. Bis auf wenige Ausnahmen, wie die Fünfhaus-Posse. Die rappten auf Wienerisch, wurden aber als Comedy-EAV-Ding wahrgenommen. Der Dialekt galt dann für ihre Begriffe als zu proletoid. Deswegen wechselten sie nach ihrem Debüt ins Hochdeutsche. Gleichzeitig gab es auch in Linz frühe Ansätze Richtung Mundart. Mit Rückgrats „Dreckige Rapz“ kippte dann die Lage. Die zeigten, wie dope Mundart-Rap klingen kann. Für mich war immer unverständlich, warum Leute im Backstage mit dir im Dialekt reden, wenige Minuten später auf der Bühne aber versuchen, den Bundesdeutschen raushängen zu lassen.

Wie stark war der Einfluss der deutschen Hip-Hop-Szene auf den Sprachgebrauch?

Als die Hamburger Hip-Hop-Bands sehr stark vertreten waren, verschärfte sich die Situation. Begriffe wie das Hamburger „Junge“ wurden von österreichischen Rappern übernommen. Auf der einen Seite verständlich, waren deutsche Bands für viele die großen Vorbilder, denen nachgeeifert wurde. Auf der anderen Seite unverständlich, warum man sich seine eigene Sprache nicht als Rapmedium angeeignete. Aber das ist mittlerweile zu einer Selbstverständlichkeit geworden. Zum Glück. In Deutschland Fuß zu fassen, ist schließlich trotz Hochdeutsch schwierig: Auch die Hochdeutsch gerappten Platten von Texta wurden als „Ösi-Slang“ wahrgenommen. Diese Frustration bewog sie zum Track „Sprachbarrieren“. Heute ist die Sprache aber kein Thema mehr, wenn ich mir Leute wie Crack Ignaz ansehe. Der rappt im sehr starken, sogar für Wiener kaum verständlichen, Dialekt. Ist aber bei einem Kölner Label gesignt und wird in Deutschland von allen gefeiert.

Welche Kontakte gab es zu anderen Subkulturen, etwa der gleichzeitig entstehenden Techno-Szene?

Tatsächlich hat die DJ-Kultur, aus der sich Techno später entwickelte, ebenfalls seine Wurzeln im Soul, Funk und Disco. Viele der späteren Techno-DJs legten Hip Hop auf. Berührungspunkte bestehen zwar, können aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich beide Szenen sehr weit entfernten. Leute wie Burstup von Schönheitsfehler, der auf beides ging, waren nicht die Mehrheit.

Wie politisch war der österreichische Rap während der 90er-Jahre?

In seinen Anfängen war der deutschsprachige Rap in Österreich sehr politisiert. Schönheitsfehler zeigten sich stark von Public Enemy und Advanced Chemistry beeinflusst. Ihre ersten Platten beinhalten auch immer mehre Songs, auf denen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit thematisierten werden – damals wie heute ein leider sehr präsentes Thema. Der politische Charakter war in der Szene inhärent. Als von den USA die Gangsta-Rap-Welle auf Europa losbrach, erhielt das kriminelle Element Einzug. Auf den Jams wurden Waffen abgenommen, Gewalt gehörte dazu. Aber nach einer Weile hörte das wieder auf.

© Daniel Shaked

Welche Rolle spielten die Medien für die Entwicklung des österreichischen Rap?

Von den Mainstream-Medien kam wenig Feedback. Für die war Rap vordergründig ein Novum. Mit der Ausnahme von Schönheitsfehler, die im Jugendmagazin „X-Large“ gefeaturet wurden. Für die Szene selbst waren Tribe Vibes & Dope Beats im Radio und das Message, welches ab Mitte/Ende der 90er-Jahre erschien, die wichtigsten Medien. Im Mainstream setzte man sich mit Rap nur auseinander, wenn Die Fantastischen Vier den ersten Platz in den Charts einnahmen. Für österreichische Künstler gab es wenig Interesse.

Wie würdest du den Status-Quo der österreichischen Hip-Hop-Szene charakterisieren?

In der Gesellschaft besteht mittlerweile eine viel größere Akzeptanz für Rap. Dennoch ist er für die Medien ein Nischenthema geblieben, was sich anhand der zurückhaltenden Berichterstattung zeigt. Obwohl Rap für viele jüngere Generationen ein Teil ihrer Lebensrealität ist. Rap findet heute verstärkt im Internet und in den sozialen Medien statt.

© Daniel Shaked

Braucht die Hip-Hop-Szene in Österreich noch die Berichterstattung der klassischen Medien, wenn sich der Schwerpunkt in das Internet verlagert hat?

Die Hip-Hop-Szene würde sich natürlich über die Unterstützung im Radio und im Fernsehen freuen. Weil du mit diesen Medien andere Leute erreichen kannst. Bekanntheit nur durch das Internet zu erlangen, ist schwierig. Im Internet bist du in einer Blase gefangen, in der dich nur wenige Leute wahrnehmen. Das kann sehr frustrierend sein, wenn du ein Video online stellt und kaum jemand klickt es an. Erst wenn du ein gewisses Level überschritten hast, wirst du im Internet wahrgenommen. Fernsehen und Radio können dafür Multiplikatoren sein und Leuten einen Boost geben.

Wie hat sich die österreichische Szene 2016 im Vergleich zu jener der 90er-Jahre ausdifferenziert?

Im Vergleich zu früher hast du heute einfach viel mehr Leute, die in der Szene aktiv sind. Das differenziert sich deswegen viel stärker aus. Heute hast du Heads, die nur auf Battle-Rap-Veranstaltungen gehen, andere wollen nur die „Wolke“, andere wollen wieder nur klassische BoomBap-Sachen. Teilweise ist das kompatibel miteinander, teilweise nicht. Nichtsdestotrotz gibt es für alle heute Angebote, da es sich für die Veranstalter lohnt. Aus diesem Grund gibt es die klassische Hip-Hop-Szene von früher, die klein und überschaubar war, nicht mehr. Hip Hop in Österreich ist heute viel größer als er damals war.

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