Stefan Wogrin: „Graffiti-Writing ist kurzlebig"

Der SPRAYCITY.AT-Herausgeber über Graffiti in Wien & welche wichtige Rolle die Dokumentation spielt.
Porträt Stefan Wogrin © SPRAYCITY
Von Lukas Kauer

Seit 2001 dokumentiert SPRAYCITY.AT das Geschehen rund um die Graffiti-Writing Szene in Österreich. Im April wurde das 15 jährige Jubiläum im Rahmen einer, für das Street Art geprägte Wien, eher ungewöhnlichen Ausstellung in der Oxymoron Galerie gefeiert.

Ausstellung „Buchstabenbilder“, Oxymoron Galerie © Stefan Wogrin

Was gab es in der einwöchigen Ausstellung „Buchstabenbilder“ zu sehen?

Das Erste, was man mit einer Graffiti Ausstellung in einer Galerie assoziiert sind natürlich mit Sprühdosen bemalte Leinwände, die man zu einem hohen Preis käuflich erwerben kann. In Wien gab es derartige Ausstellungen in den letzten Jahren zuhauf. Wir wollten das genaue Gegenteil. Der Grundgedanke war es, das Graffiti-Writing wieder in den Fokus einer nicht kommerziellen, dokumentarischen Ausstellung zu rücken. Aus diesem Grund gab es hier auch keine Leinwände zu kaufen und auch der kurze Zeitraum, in dem die Ausstellung zu sehen war sollte zudem die Kurzlebigkeit von Graffiti thematisieren.

In der Ausstellung spielten auch Tags eine große Rolle. Wie kam es dazu?

Den Mittelpunkt bildete eine Wand mit 858 Wiener Tags aus den letzten 30 Jahren. Damit wollten wir dem Tag, der Grundform des Writings, den größten Platz einnehmen lassen. Normalerweise werden die Tags von der Öffentlichkeit als bloße Schmiererei aufgefasst. Dem wollten wir entgegenwirken, indem wir die einzelnen Tags auf eine Farbe reduziert nebeneinander gehängt haben. Durch diese Isolierung vom Entstehungsort stand die typographische Gestaltung im Vordergrund und auch die Vielzahl von unterschiedlichen Namen konnte dadurch veranschaulicht werden. Die Tags haben auf die Besucher eine enorme Anziehungskraft ausgestrahlt.

Ausstellung „Buchstabenbilder“, Oxymoron Galerie © Stefan Wogrin

Erzähl uns doch mal wie du zum Graffiti Writing gekommen bist...

Mein Zugang zum Graffiti-Writing ist eigentlich sehr klassisch. Natürlich habe ich Graffiti schon immer unterbewusst wahrgenommen. Ich konnte das Ganze aber nie wirklich lesen oder sonst irgendwie einordnen. Wirklich bewusst wurde mir die Writing Bewegung erst während einer Paris-Reise im Jahr 2001, wo auch meine ersten Fotos entstanden. Ich fing dann an auch in meiner Heimatstadt Klagenfurt Graffitis zu suchen und zu fotografieren. Das war natürlich mit Paris überhaupt nicht zu vergleichen, aber es gab schon eine kleine Szene damals. Zu diesem Zeitpunkt habe ich auch selbst mit dem Writing begonnen. Mir ist dann auch schnell bewusst geworden, dass Graffiti-Writing eigentlich eine temporäre und sehr kurzlebige Erscheinung ist. Schließlich werden viele Werke sehr schnell wieder übermalt oder gereinigt. Aus diesem Ansporn heraus ist dann auch die Idee zu einer Internetseite gekommen, um die entstandenen Bilder für einen längeren Zeitraum erhalten und zeigen zu können.

Heutzutage gibt es ja unzählige Fotos von Graffiti im Internet. Wie war die Situation im Jahr 2001 als SPRAYCITY online ging?

Eigentlich gab es damals noch viel mehr österreichische Graffiti Internetseiten. SPRAYCITY war zu diesem Zeitpunkt eigentlich nur eine sehr kleine Website, die auf einem Gratis Webspace Anbieter mit nur 25 Megabyte Speicherplatz gehostet wurde. Auch das Webdesign von SPRAYCITY war aus heutiger Sicht fürchterlich, aber für die Programmierkenntnisse, die ich mir als Elfjähriger damals selbst beigebracht hatte, war die Homepage zumindest zweckdienend. Im Lauf der Jahre kamen dann immer mehr Fotos dazu und das Archiv wuchs stetig. An Wochenendausflügen entstanden in nur wenigen Tagen bis zu 500 Fotos. Das ganze ist natürlich sehr zeitaufwendig, weshalb viele andere österreichische Graffiti Internetseiten über die Jahre aus dem Internet verschwanden. Heutzutage geht der Trend mehr in Richtung Facebook, was natürlich einfacher ist als eine ganze Homepage zu programmieren.

Das heißt du fotografierst immer noch sehr viel selbst. Kann man dadurch die Graffiti Szene objektiv dokumentieren?

Den Großteil der Fotos mache ich noch immer selbst. Zwei bis dreimal in der Woche bin ich mit meiner Kamera in ganz Wien unterwegs. Man muss dabei einen Blick fürs Detail haben und immer etwas genauer hinschauen, um neue Bilder zu entdecken. Dabei kommt man auch an Orte, an die man sonst im alltäglichen Leben nicht gehen würde. Man sieht die Stadt aus einem anderen Blickwinkel. Manche Orte, wie den Donaukanal, besuche ich häufiger weil dort ständig neue Bilder entstehen und viele oft nur kurz zu sehen sind. Natürlich gibt es auch unzugängliche Orte, wo ich dann auf die Fotos von den Writern selbst angewiesen bin. Aus diesem Grund ist es auch möglich seine eigenen Fotos auf SPRAYCITY hochzuladen. In manchen Fällen sind auch die eigenen Fotos der Writer authentischer.

Donaukanal, Flex Hall of Fame 2003 © Stefan Wogrin
Donaukanal, Flex Hall of Fame 2016 © Stefan Wogrin

Der Donaukanal ist der Graffiti Hot Spot in Wien. Wie kam es zu dieser kilometerlangen Freiluftgalerie?

Der Grundstein für Graffiti am Donaukanal wurde bereits in den 1980er Jahren gelegt. Schon damals gab es die noch heute bestehende, sogenannte Flex Hall of Fame, an der Graffiti geduldet wurde. Neben Wiener Writern wie SETAROC gestalteten auch Writer aus New York schon damals diese Wand. Letzteren wurde 1984 auch eine Straßenbahngarnitur als legaler Bildträger zur Verfügung gestellt. Offiziell zum Bemalen freigegeben wurde die Flex Hall of Fame dann im Jahr 1994. Eine weitere Wand an der Roßauer Lände folgte. In den Jahren darauf entstanden auch außerhalb der offiziellen Wände einige Bombings und Tags. Erst im Jahr 2005 wurde dann die nächste Fläche zwischen der Augarten- und Roßauer Brücke im Rahmen des Projektes Wienerwand freigegeben. Von diesem Zeitpunkt an begannen einzelne Writer-Gruppierungen die offizielle Wandfläche schrittweise zu erweitern. Die Wände wurden großteils nie gereinigt und so wurde der Donaukanal über die Jahre immer bunter, Graffiti akzeptiert und geduldet.

„Wienerwand“ Donaukanal, 2015 © Stefan Wogrin

Das Graffiti-Writing am Donaukanal wird auch in vielen Reiseführern beworben. Glaubst du, dass sich der Donaukanal ohne Graffiti anders entwickelt hätte?

Der Donaukanal war noch um die Jahrtausendwende ein eher unbelebter Platz. Eigentlich gab es außer dem Flex und der Summerstage damals auch fast keine Lokale. Niemand hatte das Bedürfnis längere Zeit am Donaukanal zu verweilen, das Erscheinungsbild war damals nicht wirklich einladend. Mit der zunehmenden Graffiti Bemalung eröffneten auch immer mehr Lokale. Immer mehr Besucher kamen und der Donaukanal wurde zunehmend beliebter. Ich glaube schon, dass Graffiti einen erheblichen Teil zur Belebung des Donaukanals beigetragen hat. Für dieses junge, urbane Image mit dem der Donaukanal assoziiert wird, spielt die mit Graffiti bemalte Umgebung eine erhebliche Rolle. Wichtig wäre nur, dass ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Lokalen und konsumfreien Zonen auch weiterhin erhalten bleibt.

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