Falco: Sein legendäres FM4 Interview zum Anhören

1996 sprach Falco in der FM4-Sendung „Tribe Vibes“ über Hip-Hop. Wir haben Mitschnitt + Transcript!
Von Christoph Wagner

Am 25.4.1996 wurde im Rahmen der FM4-Sendung „Tribe Vibes“ ein legendäres Interview mit Falco aufgezeichnet. Der Falke war gut gelaunt und wie immer stylish gekleidet – Fransenjacke aus Leder plus Baseballkappe. Weiters Teil der illustren Runde waren Radiolegende Werner „Demon Flowers" Geier, Milo, Burstup, Peman von der Gruppe Schönheitsfehler und der damals noch Texta angehörige Skero.

Der leider viel zu früh verstorbene Werner Geier erwähnte am Ende des Interviews: „Ich muss ehrlich sagen, wir dachten uns, er wird daherkommen und völlig ausgespaced etwas daherlabern. Aber Respekt, nette Show!" Die Show war nicht nur nett, sondern entwickelte sich zu einem spannenden Gespräch mit und über Falco und seine Beziehung zu Hip-Hop.

Ein exklusiver Audio-Mitschnitt des Interviews:

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Die besten Passagen des FM4 „Tribe Vibes“-Gesprächs als Transcript:

Werner Geier: Wir freuen uns, dass du da bist. Gestern noch auf deutschen Showbühnen, jetzt im Kohlenkeller von Tribe Vibes. ... Die Idee ist, den Uradl des österreichischen Hip-Hop, Herrn Falco, mit der New- oder Now-School zusammenzubringen.

Falco: Werner, pass auf, des stimmt im Ansatz schon mal net!

WG: Warum?

F: Na weil i immer Popmusik gmocht hob und net Hip-Hop. Also Hip-Hop hat von seiner gesellschaftspolitischen und sozialkritischen Geschichte her nie was mit mir zu tun gehabt. Ich hab das nie wirklich so empfunden, wie es dann mit dem Hip-Hop eigentlich gekommen ist, verstehst … I hob grod mit den Jungs herinnen gesprochen, wir reden ja in Prinzip von drei Generationen. Also ich bin ein 57er und der Sprung von analoger Musik auf digitale Musik, sprich mit der digitalen Musik sind dann die DJs und der Sampler gekommen, der, würd ich sagen, hat sich zwischen 65 und 75 abgespielt. Des haßt, wir sind jetzt in der dritten Dekade, mehr oder weniger. …

I hob den Kommissar net aufgenommen, weil i Hip-Hop hab machen wollen, sondern weil i ma dacht hab, ah es ist irgendwie geil, deutsche Sprache zu rappen. Des hat no kana gmocht und als Rhythmiker, Bassist, Schlagzeuger und analog gelernter Musiker kann ich das irgendwie und des is so reingegangen, dass i mir docht hob: Jo Moment! Aber mit der politischen Aussage des Hip-Hop in dem Sinn hab i genauso wenig zu tun wie mit der Kunstfigur, die mir immer angedichtet worden ist, weil i hob nix anderes gmacht, als ma die Hoa unter die Wossaleitung khoidn und ma den anzigen Anzug anzogen, den i von da Halluzination Company ghobt hob. Wenn du so willst, hat Hip-Hop für mich seinen Ursprung schon darin, dass ich bei Anarcho-Bands gespielt hab und aus dem ganz linken Eck komme und den Fensterkitt gfressen hab, in der 25-Quadratmeter-Wohnung. Das war für mich mein Hip-Hop.

(Track wird abgespielt: „Boom und du schaust Doom aus da Wäsch“ von Schönheitsfehler)

WG: Ja, boom. Wir melden uns von der goldenen Bambi-Verleihung im Tribe-Vibes-Studio, hallo. Ja, Herr Falco, was gibt’s da zu sagen zu dem Ding?

F: Ja, die Groove gfoid ma guad! I hob grod die Burschn aus'n Off sozusagen gfrogt, ob 's des gspüht hobn oder wie geht des überhaupt, wie mochts des? Des würd mi als gelernten analogen und angelernten digitalen Musiker interessieren! I red jetzt nur vom Playback.

Burstup: Ja beides, sampeln und Keyboard spielen.

F: Und mochts ihr des noch am alten Akai oder gibt’s da bessere Sachen?

B: Ja, wir haben an S1000 und an S950.

F: I sog eich ganz ehrlich, von der Message hob i net viel mitbekommen. I hob moi ghört: Oasch irgendwie ... i merk ans, es passiert euch genau dasselbe, was mir immer passiert ist. „Wir verstehen net, was der redt? Was singt der, Englisch, Deutsch, Russisch, ...?“

B: Aber das kann man im Booklet der CD nachlesen!

F: ... I glaub, was wir gemacht haben, Anfang der Siebziger, Anfang der Achtziger-Jahre und jetzt bei euch, ist, dass wir der Popmusik, oder wie ihr es immer nennen wollt, nennen wir es gute Musik, eine neue Dimension insofern gegeben haben, dass es nicht mehr darum geht, jedes Wort zu verstehen, sondern, dass es darum geht, wie die Groove rüberkommt, welche Vibes da rüberkommen und wie es ganz einfach ankommt. Ich hab mich nie darum gepfiffen, ob man da jetzt versteht: „Wir treffen Jill und Joe und dessen Bruder Hip...“, i hob mi immer nur bemüht, ohne jetzt Literat sein zu wollen, dass das dann auch gelesen nach irgendwas ausschaut. Aber in Prinzip ging es mir eigentlich immer darum, dass das mit der Musik gut rüber kommt und ein bestimmtes Gefühl im Bauch auslöst. Ich bin überhaupt dagegen, dass man Fragen, die aus'n Bauch kommen, mit Antworten aus dem Hirn versucht zu beantworten.

B: Du hast ja auch was ganz Eigenartiges gemacht: Du hast die Sprachbarriere auf der einen Seite gebrochen, indem du auf Deutsch begonnen hast zu singen. Und dann Wienerisch auch noch und dann aber auch wieder Englisch.

F: ... Najo und ich meine, da geht’s doch nur darum, Barrieren zu brechen. I hob ma nie was pfiffen, ob das jetzt Deutsch oder Englisch ist ...

WG: ... unser großer Nationaldichter, Herr Jandl, sagt immer und das wissen, glaub ich, die wenigsten: „Rap ist die einzige brauchbare Literatur des 20. Jahrhunderts.“ Und da gibt’s a witzige Gschicht, ein Kollege von mir ist zu ihm hingegangen und wollte ihn interviewen. Waß der Teufel für was! Und er ist nicht reingekommen, weil der Jandl ihn nicht gehört hat, weil er so laut Ice-T gehört hat. Was mich interessieren würde, ist: Glaubst du nicht, dass sich die Wiener Muttersprache einfach toll eignet, weil sie so biegsam, so geschmeidig und so elastisch ist?

F: Ja, das meinte wahrscheinlich auch der Jandl, dass sie für den Rap geeignet ist. ... Nur waßt du, i ziag ma des Gwand, dass der Jandl mein Deutschlehrer war, goa nimma an, weil dann kommt eine namhafte österreichische Zeitung ...

WG: Das habe ich überhaupt nicht gewusst. Is das wirklich wahr?

F: Najo, in der Waltergossn, kloa! ... bin a großer Verehrer vom Jandl und überhaupt von der ganzen Wiener Gruppe, vom Artmann angfangen übern Rühm, über alle.

(Track wird abgespielt: „Helden von heute“ von Falco)

WG: Wir haben den Blick in die Zukunft. Falco, wann war das?

F: Wort amoi, des wor so. Des wor GiG Records. Des wor mei erste Single, wobei nicht klar war, ob der „Der Kommisar“ oder „Helden von heute“ die A-Seitn wird! Für mich war eigentlich Helden die A-Seitn. ... Weißt du, wie es zu Helden gekommen ist? Das Bass-Riff ist eindeutig gestohlen, vom Bowie. Für mich war diese Zeit in Berlin der Startschuss und die Initialzündung, überhaupt für eine neue deutschsprachige Popmusik.

WG: Diese ganzen Berlin-Sachen?

F: Na eigentlich die Nummer „Helden“, in erster Linie. Und das ist damals eine Hommage an den Bowie gewesen, die in der Zwischenzeit irgendwie kultisches Eigenleben entwickelt hat.

WG: Hast du jemals irgendwie jemand von den originalen Rappern getroffen, wie Whodini oder Grandmaster Flash?

F: Na den Bambaataa hob i troffen. Aber der war, wie mir die Jungs grad sagn, eigentlich kein Rapper, sondern damals schon ein DJ oder so ein MC, weiß der Teufel, was er war.

WG: Oder so eine Halbgottfigur, die alles zusammengehalten hat.

F: Na, des wor a! Wir haben im Chelsea gedreht, „Helden von heute“. Da Rudi, da Hannes und i mit da Cimarolli. Jo, hauptsächlich da Rudi mit da Cimarolli! Auf amoi geht die Tür auf und a riesen Typ mit zwei so Bodyguards kommt eina, wobei der keine braucht hätt. I so: „Hey man ...“ und er „Yeah Falco, how you´re doin!“ Und do is jo irgendwie damals in der Schwarzen-Szene, in der Oldschool oder so, glaub i, wor des, die Diskussion losgangen: Na, do kommt da Oide daher aus Österreich und wü uns do des Schworze ... sozusagen, der wü uns Coca-Cola verkaufen. Worauf i dann gsogt hob, „I really don´t care what´s coming out of me, if it´s black, white, yellow, brown - I just take it as it is!“ Und des hod ihnen dann wieder gfoin, weil des is grod und dann hobns gsogt, jo eigentlich braucht ma mehr Leute wie di! Najo, wir san in Österreich nur zwa Popstars und sein Namen hob i leider vergessn.

WG: Vielleicht ein neuer Popstar, Texta, „3 Uhr 10“.

(Track wird abgespielt)

 

WG: Tribe Vibes, es ist 23 Uhr. Auch wenn Texta sagen, es ist 3 Uhr 10 ... Eigentlich der Mann, der das angezettelt hat, dass Falco jetzt da sitzt, der mir die Idee in den Kopf gesetzt hat, war Skero von Texta. Der jetzt in Linz und hoffentlich am Telefon sitzt. Hallo!

F: Oida, what tha fuck mochst du dann in Linz und sitzt net do ...!

Skero: Weil wir morgen a Konzert in Salzburg spühn und unser Musik eigentlich in Linz mochn.

F: Du, gut produziert, gfoid ma guat! ... I wünsch eich ollas Guade, i glaub, ihr seids auf an guadn Trip irgendwie!

F: I bin sehr dankbar, dass mi eingloden hobts und verabschiede mich hiermit und bedanke mich ganz herzlich und wünsch euch allen viel Glück und Bussi, Bussi!

WG: Pleasure for us, selbe zurück! … Danke, tschau!

Am Interview beteiligt waren:
Werner "Demon Flowers" Geier (Moderation)
Falco
Milo (Schönheitsfehler)
Burstup (Schönheitsfehler)
Peman Poser Paul (Schönheitsfehler)
Skero (Texta)

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