Yung Hurn: Auf den Spuren Falcos

Der Rap-Posterboy für Leistungsverweigerer zog auf der Suche nach dem Geiste Falcos durch Wien.
Yung Hurn
Yung Hurn x Kommissar © Lukas Gansterer
Von Sascha Ehlert

Ein brauner Granit-Obelisk neben einem Glasbogen mit Nosferatu-Porträt des toten Künstlers. Dazwischen Tannenzweige, Blümchen, kleine Kränze und ein paar Grablichter. Jetzt kommt eins dazu: Ein junger Typ zündet sie an. Er hat sie eben an Tor drei des Wiener Zentralfriedhofes gekauft, bei einem alten Paar, das hier vielleicht schon steht und Grabschmuck verkauft, seit die Wiener 1874 anfingen, hier ihre Toten zur Ruhe zu betten.

Gerade schien noch die Sonne, doch als der junge Mann seinem Ziel, dem Grab, näher kam, fing es schlagartig an zu hageln. Mit roter Wollmütze und schwarzem Plastik-Brillengestell sieht er ein bisschen aus wie der sich notorisch versteckende Waldo aus den weltberühmten Suchbildern. Auf der Mütze sammeln sich nun die Hagelkörner. Sein Feuerzeug streikt – aber nur kurz. Das Grablicht brennt, der junge Mann grinst. Er richtet sich auf, tritt einen Schritt zurück und gibt den Blick frei auf eine kleine Platte aus grauem Stein. Darauf eine Hinschrift, auf ihr steht: „Hans Hölzel, *1957, + 1998“.

Yung Hurn
Am Zentralfriedhof © Lukas Gansterer

Dieses Jahr wäre Falco sechzig Jahre alt geworden, wenn er nicht am 06. Februar 1998 in der Dominikanischen Republik mit seinem schwarzen Mitsubishi Pajero in den Tod gerast wäre. Anstatt einer lebenden Legende ist er in seinem Heimatland Österreich nun also eine tote Legende, ein nationales Heiligtum. Im Leben wie im Tode kann ihm keiner der anderen deutschsprachigen Pop-Sänger das Wasser reichen. Nun liegt er hier unter der Erde, neben seiner Mutter Maria. Ein schönes Ende für eine Mutter-Sohn-Beziehung, die nicht immer leicht gewesen sein kann. Heute ist das selbstverständlich irrelevant, ebenso wie Falcos mutmaßliche Laster. Obwohl einige seiner Lieder kaum verschleiert illegale Drogen preisen, benennt man in Wien mittlerweile Stiegen nach Falco und bringt musealisierende Blechtafeln an seinen ehemaligen Wohnorten an.

Der junge Mann vom Friedhof glaubt nicht, dass ihm dereinst Ähnliches passieren wird, obwohl er sich in einem Arte-Interview mal schelmisch als »Falco Süßgott« bezeichnete. Dabei sagt man ihm vor allem in der deutschen Presse längst nach, dass er mit seiner Musik, wenn man so will, das 2016er-Update des hedonistischen Falco-Sounds abliefert. Sein Künstlername: Yung Hurn.

Yung Hurn
Yung Hurn tritt am 29.1. im WUK auf © Lukas Gansterer

Als im April 2015 auf YouTube seine ersten Videos online gingen, sah man in ihm zunächst schlichtweg einen weiteren Absolventen der österreichischen Based-Schule Hanuschplatzflow, die mit Künstlern wie Crack Ignaz und Young Krillin von Salzburg aus seit ein paar Jahren impressionistischen, verdrogten Rap veröffentlichen, der vieles vorwegnahm, was im Deutschrap heute Usus ist, sich aber immer vor allem an ein Auskenner-Publikum richtete.

Dass die Karriere von Yung Hurn ganz anders verlaufen würde, konnte dieser nicht ahnen, als er Anfang 2015 mit HPF-Gründungsmitglied und -Hausproduzent Lex Lugner die »Wiener Linien«-EP recordete. Die drei Songs darauf steckten damals das inhaltliche Feld ab, das Yung Hurn seitdem beackert: Lust, Liebe, Drogen, Unlust.

Weil er bei einem Videodreh in Salzburg zur selben Zeit das Berliner Künstlerkollektiv Live From Earth kennen lernte, ging es danach schnell. Yung Hurn schreibt seine Songs allgemein fix: Hat er eine Idee für eine Hook, schickt er diese über seinen Computer als Notiz an seine private Facebook-Pinnwand. Der Rest des Textes entsteht meistens gefreestylt direkt vor dem Mikro. Im Frühjahr 2015 erschien sein Mixtape »22«, darauf Instant-Hits wie die Verweigerungshymne »Nein« und die Wodkahymne »Stoli«. Rasant wurde Yung Hurn bei Kunststudentinnen, Modebloggern und Jugendlichen erst zum Hype und dann, mit seinem zweiten, im Januar 2016 erschienenen Mixtape »Krocha Tape« zum zeitgeistigen Posterboy für Snapchat-Junkies, Leistungsverweigerer und solche, die es gerne wären. Im November 2016 hat Yung Hurn 56.000 Abonnenten auf Instagram, seine zwei erfolgreichsten Videos (»Nein« und »Bianco«) wurden jeweils drei Millionen Mal angesehen.

In Wien kann Yung Hurn, der seinen bürgerlichen Namen ungern in der Presse liest, dennoch unbehelligt durch den ersten Bezirk spazieren. Nachdem wir das Grab verlassen haben, um mit dem Drive Now zum Gürtel zu fahren, dabei »Es lebe der Zentralfriedhof« von Wolfgang Ambros und »Ganz Wien« von Falco hören, dann erst vor zwei Puffs Fotos machen, in denen »der Hans« damals verkehrte, suchen wir die Loos Bar auf.

Der Laden, der vom Architekten Adolf Loos gestaltet wurde, ist ähnlich legendär wie Falco. Schon in den Achtzigern schien die Bar auszusehen wie vor 100 Jahren schon. Die Wiener sind bekanntlich gut im Bewahren des Altehrwürdigen. Als Benjamin von Stuckrad-Barre 2008 zum zehnten Todestag auf der Suche nach dem Geiste Falcos durch Wien zog, erkannte er: »Erinnerung, Tod und Verklärung sind ja so etwas wie die Kernkompetenzen der Stadt Wien.« Und alle drei tummeln sich in der Loos Bar. Der Ort lebt von den Toten, die ihn in der Vergangenheit bevölkerten. Wir sind hier, um uns an Zeiten erinnern zu lassen, die wir gerne miterlebt hätten, also ziemlich sicher verklären. Als der Fotograf mit Julian aufs Herrenklo will, um ein Bild zu schießen, das an die Damen und Herren erinnern soll, die sich hier in grauen Vorzeiten die Nase puderten, ernten wir böse Blicke. Egal, wie es von außen scheint: Nichts bleibt, wie es war.

Yung Hurn
Mahlzeit © Lukas Gansterer

In Wien erzählt man sich, der Falco habe Sachen gesagt wie: »Sie werden mich erst lieb haben, wenn ich ganz tot bin.« Ein wahrer Satz. Die Todessehnsucht ist ja, so sagt man, auch etwas Wienerisches. Yung Hurn wirkt zwar eher vergnügungssüchtig, hat allerdings auch einen bösen, drogenabhängigen Bruder namens K. Ronaldo. Zweifler behaupten, hinter beiden stecke dieselbe Person. Yung Hurn jedoch wiegelt ab: »Na, wir sprechen gerade nicht miteinander.« Besagter Kristus Ronaldo jedenfalls nannte sein Mixtape »I wanted to kill myself but today is my mother's birthday«. So scheint der Hang zum Düsteren zumindest in der Familie zu liegen. Obiger Satz spricht neben dem Tod aber auch eine andere Wahrheit an: Den Wiener stört an Wien der Hang dazu, die bekanntesten Söhne und Töchter der Stadt hinter vorgehaltener Hand zu schmähen. Tatsächlich denkt Yung Hurn, der für die Wiener insbesondere drüben bei den Piefkes beinahe schon ein Popstar ist, momentan oft ans Wegziehen, wie er uns erzählt, als wir die Ziegelofengasse 37 ansteuern. Dort lebte Hans Hölzel lange mit seiner Mutter Maria. Außerdem befindet sich dort das Zum Alten Fassl, mutmaßlich eines seiner liebsten Lokale.

Drinnen speist man unter holzvertäfelten Wänden. Das Publikum besteht an diesem Donnerstag vor allem aus größeren Gruppen alter Menschen, dazwischen eine Handvoll japanischer Touristen. Wir nehmen ganz hinten in der Ecke Platz, bestellen Schnitzel oder Schinkenfleckerl und Veltliner, lassen den Abend ausklingen und die Nacht beginnen. Welche die beste Falco-Zeile ist? Vielleicht tatsächlich diese aus »Rock Me Amadeus«: »Er war Superstar, er war populär / Er war exaltiert, because er hatte Flair.« Auf jeden Fall ein guter Satz, um ihn denjenigen entgegenzuhalten, die nicht verstehen, warum momentan die halbe (deutschsprachige) Welt versucht, ihr Stück Yung Hurn abzubekommen.

Yung Hurn
Das U4 war Falcos zweites Wohnzimmer © Lukas Gansterer

Ein ganz Falco-Wiedergänger ist Yung Hurn natürlich nicht. Während der Hans sich als betont arroganter Snob präsentierte, ist der Hurn ein charmanter Tunichtgut aus Überzeugung, der regelmäßig gedankenverloren auf sein Handy schaut; mehr einer, der untertags auf der Couch hängt und nachts dann mit seinen Jungs auf der Suche nach irgendetwas durch die leergefegten Straßen Wiens zieht.

Irgendwann dazwischen entsteht die spannendste Musik, die dieser Tage ans Licht der Öffentlichkeit gerät. Spannend ist sie deshalb, weil sie zum einen dem brav und etabliert gewordenen Deutschrap etwas Anarchie und Freigeistigkeit einimpft, weil die Texte trotz ihrer Reduziertheit Emotionen transportieren und zu guter Letzt, weil diese, wie Timo Feldhaus für das Kunstmagazin Spike schrieb, »[…] die verwirrte Jetztzeit atme[n], in der sie geschrieben wurde[n]«.

Unter anderem deshalb ist Yung Hurn tatsächlich zumindest ein Seelenverwandter Falcos. Er ist vielleicht das, was von Falco übrig bleibt, wenn man dessen schillernde Fassade abpult und direkt in das hedonistische Herz der alten Schönheit Wien schaut.

Yung Hurn tritt am 29. Januar im Rahmen von Red Bull Music Academy Junge Roemer in Wien (WUK) auf. Ticket-Infos findet ihr hier.

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