Zwischen Depression und Größenwahn

Peter Kruder über Falcos Karriere – und warum ihm dieser riet, Österreich zu verlassen.
Im Interview: Peter Kruder
Im Interview: Peter Kruder © Oliver Jiszda
Von redbull.com

Als Falco mit seinem Hit „Rock Me Amadeus“ am Zenit seiner Karriere stand, hast du als Teenager gerade deine erste Band The Moreaus gegründet. Fandest du Falco damals cool?

Zu diesem Zeitpunkt war er schon jenseits von cool oder uncool. Er war ein Weltstar. Davor hatte ich totalen Respekt. Meine Band spielte dann ja auch in seinem Musikvideo „Wiener Blut“ mit – in Billa-Sackerl-Outfits.

Das heißt, du hast Falco das erste Mal 1988 getroffen?

Leider fand der Dreh ohne mich statt. Ich war damals Friseur und konnte mir an dem Tag nicht frei nehmen.

Wie schaffte es Falco damals, den US-Markt mit einem deutschsprachigen Song zu knacken? Ein Kunststück, das vor und nach ihm niemandem mehr gelang...

Er war sehr gut im Kopieren. Das war seine große Stärke.

Das musst du näher erklären.

Falco studierte die erste Hip-Hop-Welle in den USA sehr genau. Er schaute sich vom Stil der frühen Rapper viel ab. Genau wie auch von David Bowie.

Aber Abkupfern ist doch keine Strategie für eine Weltkarriere, oder?

Was ihn auszeichnete: Er übertrug Elemente aus der großen Popwelt auf seine eigene. Aus dem New Yorker Pimp machte er den Wiener Strizzi. Das machte er so clever und witzig, dass sich alle darauf einigen konnten. Die Wissenden, weil sie seine Referenzen verstanden, genauso wie die Unwissenden, weil er den Hip-Hop erstmals in ihre Lebenswelt holte.

Falco sagte einmal: „Ich bin ein Unangepasster in einem angepassten Geschäft.“ Kommt dir dieses Gefühl bekannt vor?

Ja, total. Wir unterschrieben in unserer Hochphase ja trotz etlicher Angebote nie bei einer großen Plattenfirma. Wir gaben damals auch kaum Interviews ...

... und ihr habt sogar einen sogar einen Remix-Auftrag von David Bowie abgelehnt.

Uns gefiel der Song einfach nicht. Diese Verweigerungshaltung war rückblickend sehr wichtig für unsere Karriere. Viele unserer Underground-Kollegen folgten dem Lockruf der Industrie – und stellten bald fest, dass ihnen der Kompromiss nur kurzfristigen Erfolg bescheren würde. Wir hatten immer eine Abscheu vor dem ganzen Apparat. Genau wie Falco auch. Als MTV ein Interview mit ihm machen wollte, soll er gesagt haben: „Gut, dann sollen s’ kommen.“ Das fand ich wahnsinnig cool. Er stand für dieses klassische Wien-Ding: oszillieren zwischen Depression und Größenwahn.

Bringt einen das Nein-Sagen auch außerhalb der Musikbranche weiter?

Es ist in jedem Bereich wichtig, nicht immer dem Rat der selbsterklärten Experten zu folgen. Weil sie dir immer raten, auf Nummer sicher zu gehen. Aber um langfristig erfolgreich zu sein, musst du Risiken eingehen. Wenn’s keine Wahnsinnigen gäbe, die den Regeln trotzen, gäbe es keinen Fortschritt. Bei uns war das schon am Anfang so. Viele sagten, wir sollten mit Sängern arbeiten, weil es für Instrumental-Musik keinen großen Markt gäbe.

Hast du Falco jemals persönlich getroffen?

Ja. Ungefähr ein Jahr vor seinem Unfall lud er mich und Richard [Dorfmeister, Anm.] in sein Haus in Gars am Kamp ein. Um über eine Kollaboration zu reden.

Wurde etwas daraus?

Leider nein. Aber wir saßen fünf Stunden mit ihm zusammen. Es war lustig, er nahm sich selber auf die Schaufel: „Jungs, vor drei Jahren hätten wir jetzt schon eine Line geschnupft, die von Wien bis nach Salzburg reicht.“ Er gab uns auch Karriere-Tipps.

Welche?

Zum Beispiel: „Burschen, ab der ersten Million sofort raus aus Österreich!“ Also was den Steuerwohnsitz angeht. Ich glaube, da hat er schwer Lehrgeld gezahlt.

Befolgt hast du den Rat aber nicht.

Weil ich gern in Österreich lebe. Und ich mich verpflichtet fühle, meinen Beitrag zu leisten. Auch wenn der bei uns sehr hoch ist.

Wäre es für Eure Karriere nicht insgesamt besser gewesen ins Ausland zu gehen?

Nein. Viele gehen ins Ausland, weil ihre Karriere nicht in Schwung kommt. Was aber extrem wichtig für eine internationale Karriere ist: Du musst einen eigenen Stil entwickeln, bevor du die Heimat hinter dir lässt. Falcos Auftreten war schon am Anfang einzigartig. Bei Konzerten von Drahdiwaberl [Anarcho-Band, bei der Falco um 1980 Bass spielte, Anm.] trug er Anzug – mit Plastikschutz aus der Wäscherei drüber, damit der bei der Blutspritzerei auf der Bühne nicht dreckig wird. Als es bei ihm international richtig losging, wusste er genau, wer er war. Er hatte an seiner Kunstfigur jahrelang gearbeitet.

Im Rahmen von „Junge Roemer: Eine Woche für Falco“ wirst du Falco-Songs bearbeiten. Wie triffst du da die Auswahl?

Ich möchte mir seine schwächsten Stücke zur Brust nehmen. Denn bei aller Falco-Liebe, einige seiner Sachen klingen, vermutlich weil er unter Zeitdruck von der Plattenfirma stand, nicht ganz perfekt. Da möchte ich schauen, ob man sie in neuem Licht erstrahlen lassen kann. Natürlich kann man sich auch seine Juwelen vornehmen. Aber da muss man wirklich eine Sternstunde haben – sonst tut man niemandem etwas Gutes.

Peter Kruder legt am 27. Januar im Rahmen von Red Bull Music Academy Junge Roemer in Wien (Grelle Forelle) auf. Ticket-Infos findet ihr hier.

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