Wiener Blond: „Wir san de Loopmaschin-Virtuosen“

Verena Doublier und Sebastian Radon über Fieberblasen, Kritiker und die hohe Kunst, lustig zu sein.
In feiner Panier: Wiener Blond
Wiener Blond im Interview © Konstantin Reyer
Von Manuel Kurzmann

Ich treffe die nettesten und sympathischsten Grantler des Landes, wenn nicht worldwide, im Wiener Funkhaus. Wiener Blond haben im November ihr Album „ZWA“ veröffentlicht, ein liebevoll kreiertes Gesamtkunstwerk, das Alltagsgeschichten auf den Punkt bringt, so, dass man sich beim Hören in Situationen wiederfindet, die man kennt. Man lacht. Man summt mit. Man übt sich im wohnzimmerlichen Ausdruckstanz, wenn grad keiner zuschaut.

Na dann, legen wir los...

Verena Doublier: Ich hoff, du stellst nicht genau die gleichen Fragen wie bei unserem letzten Interview.

Sicher, Eins-zu-eins.

Verena: Na super. Wie geht’s eigentlich deiner Kaffee-Sucht? Letztes Mal hattest du ja gleich mehrere. Siehst, an was ich mich alles erinnere..

Ich bin auf Tee umgestiegen. Gesundheit und so.

Verena: Echt, hat das was verändert?

Ich mach ein Nachmittagsschläfchen, wenn sich‘s ausgeht. Das ist mit vier Kaffee intus nicht so leicht.

Verena: Jetzt also gar keinen mehr? Ha, heut stell mal ich die Fragen!

Einen, in der Früh. Übrigens: Heut früh war ich grantig, bis ich eurer neues Album gehört hab...

(Lachen)
Verena: Schleimer.
Sebastian Radon: Schöne Überleitung.

Ich finde, dass ihr entspannter geworden seid, auch wenn alles bis ins Detail ausgecheckt klingt. Richtig oder war eh alles verkopft?

Verena: Ich tendiere dazu, aber er ist immer ur-entspannt.
Sebastian: Wir haben schon viel erlebt in den letzten zwei Jahren, da wird man entspannter. Uns war’s aber schon wichtig, möglichst exakt zu arbeiten.

In feiner Panier
In feiner Panier © Konstantin Reyer

Ihr behandelt meist Alltagsthemen – vom Schmusen mit Fieberblase bis zur Erkenntnis, wie schön es wär, immer nackert zu sein. Wie schafft ihr es, dass selbst einfache Geschichten nicht platt klingen?

Verena: Es gibt kein Thema, das zu einfach wär – es geht nur darum, wie man damit umgeht und in welchen Kontext man es stellt. Wenn man sich selber super-ernst nimmt, kann das auch sehr schnell in die Hose gehen. Ich glaub es ist auch wichtig, sich in albernen Details zu verlieren, das macht die Sache spannender.
Sebastian: Es ist auch sehr befreiend, eine völlige Schwachsinns-Nummer zu schreiben. Weil du „Fiebablo“ angesprochen hast: Die Nummer ist nicht wahnsinnig tiefgründig, aber jeder kennt sich aus – das Leben ist eh viel zu ernst.
Verena: Die kommt auch live super an.

Was darf‘s lieber sein: Ein perfekter Reim oder ein Text, der auch mal aneckt?

Verena: Der Wortfluss ist am wichtigsten. Der Sebi ist dann der Experte für den lustigen Reim, er hat da die verrücktesten Ideen. Ich finde aber, dass ein Song am Ende als Ganzes Sinn machen muss und auch mal einen Twist hat. Mit einem guten Reim alleine erreichst du keine Leute.
Sebastian: Außer er ist wahnsinnig gut. Ich bin ein Reimverfechter.

Wie ist man lustig?

Sebastian: Boah. Ich glaub es wird schwierig, wenn man gezielt lustig sein will. Die Sachen müssen natürlich passieren und ob dann jemand lacht, wird man sehen. Man muss, wenn man etwas schreibt, aber auch voll dahinterstehen, sonst nimmt’s dir ja keiner ab.
Verena: Wir wollen ja nicht nur lustig, sondern auch ein bisserl zynisch und grantig sein – dieses „Eigentlich is‘ ma wuascht, geht’s ma nicht am Oasch“. Deutscher Humor will zum Beispiel oft zwanghaft lustig sein, das find ich furchtbar.
Sebastian: Hey, keine Verallgemeinerungen.
Verena: Jaja, du weißt schon was ich mein (Lacht). Die Hälfte meiner Familie ist ja aus Deutschland – und wenn ich mich mit ihnen hinsetze, finden sie meinen Wiener Schmäh "entzückend und charmant". Sie verstehen halt den Zynismus nicht.
Sebastian: Ich bin großer Fan von Helge Schneider.
Verena: Der ist natürlich großartig.

Es gibt auch Nummern von euch, wo ihr sehr zufrieden und mit allem im Reinen wirkt. Zum Beispiel der Song über eine Straße in Ottakring, dessen Titel mir grad nicht einfällt...

Sebastian: „Roterdstrossn“. Bei der Nummer – die hat ja Verena geschrieben – fühle ich mich immer als würde ich in einem Pool, vollgefüllt mit Rotwein, schwimmen. Und alles ist gut.
Verena: Na geh. Na gut.
Sebastian: Vielleicht sind wir ein bisserl zurückgetreten aus dem Alltagsstress. Eigentlich eh ois leiwand. Oder so.

In feiner Panier
Seit November erhältlich: Das Album „ZWA“ © Konstantin Reyer

Warum heißt eure Album-Tour (u.a. 20. Februar,  Konzerthaus Wien; Anm.) „Nicht schon wieder Wienerlieder“?

Verena: Ich weiß nicht ob du es mitbekommen hast: Wir wurden extrem in die Wienerlied-Ecke gedrängt, was uns viel Einsicht in diese Szene beschert hat. Das sind einerseits alteingesessene Altherren- und Damenschaften, Traditionalisten, die ein sehr klares Bild davon haben, was Wienerlied ist. Es gibt aber auch Leute, die sehr offen sind für Modernes und einen etwas anderen Schmäh. Wir empfinden uns nicht als Wienerlied-Interpreten, werden aber nach wie vor oft zu Wienerlied-Festln eingeladen. Spielen wir auch gerne, weil man mit unfassbar guten Musikern auftreten darf.
Sebastian: Wir wollten mit dem Titel einfach ein bisschen diesem Wienerlied-Overflow entgegentreten, weil der Begriff ja plötzlich überall zu hören ist.

Welche Kritikpunkte bringen euch Wienerlied-Traditionalisten entgegen?

Verena: Dass das was wir machen nix mit der Tradition zu tun hat. Aber es ist halt das was es ist: Popmusik mit Wiener Texten, manchmal mit kurzen Abzweigungen in die Wienerlied-Melodik, aber das war’s. Auch die Instrumentierung ist ja völlig anders. Das Wienerlied ist auch eine sehr virtuose Sache und ich hätt noch nie gehört, dass jemand über uns gesagt hätte, dass wir die Loopmaschine virtuos bedienen (Lacht).
Sebastian: Wir san de Loopmaschin-Virtuosen. Das wär ein guter Titel fürs nächste Album.

Was ist das Wienerischte an euch?

Verena: Dass ich, wenn ich ein paar Tage woanders bin, unglaubliches Heimweh krieg. Ich bin letzten Sommer am Meer gesessen und hab mir gedacht: „Mah, jetzt hätt ich voll Lust auf Praterstern.“
Sebastian: Dass ich Erstens kein echter Wiener bin, also andere Wurzeln hab, und Zweitens immer das will, was ich grad nicht kriegen kann. Wenn ich da bin will ich weg, wenn ich weg will bin will ich da sein. Aber das ist ja sehr menschlich.

Danke für das Gespräch!

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