Schnipo Schranke: Endorphin-Junkies mit Herz

Das Hamburger Indiepop-Duo über ihr Album „Rare“, Luxus und die Angst vor dem Nachhause kommen.
Schnipo Schranke im Interview
Friederike „Fritzi“ Ernst und Daniela Reis
Von Manuel Kurzmann

Daniela Reis und Friederike „Fritzi“ Ernst machen das, was sich die wenigsten KünstlerInnen trauen – ungeschönt die Wahrheit erzählen, selbst wenn diese auch mal nach Pisse riecht oder ihr aufgrund akuter Winterdepression nicht mal mehr das Schnäpse exen Spaß macht.

Schnipo Schranke breiten ihr Leben aus, so ganz ohne Instagram-Filter. Das hatte zur Folge, dass diese Band 2014 einen Hype erlebte, 2015 das vielumjubelte Debütalbum „Satt“ releaste, und im Anschluss zur Begeisterung ihrer zahlreichen Fans ausgiebig durch D, Ö & CH tourte. Außerdem gibt’s seither für all jene, die nicht so auf schonungslos gerades und auch gerne mal vulgäres Gebärden stehen, was zum Ärgern.

Wir durften Daniela und Fritzi anlässlich eines Promo-Termins zum neuen Album „Rare“ ein paar Fragen stellen.

Ihr wart in Reichenow-Möglin (Brandenburg; Anm.) aufnehmen. Ich hab den Ort gegoogelt und weiß jetzt, dass er 615 Einwohner hat und es dort regelmäßig Drama wegen der örtlichen Schweinemastfabrik gibt, u.a. wegen Geruchsbelästigung...

Friederike „Fritzi“ Ernst: Echt? Nö, haben wir nicht mitbekommen (Lacht). Wir waren auch nur eine Woche dort. Aber es war absolut idyllisch, die erste warme Zeit im Jahr, im Mai, es gab da einen Badesee und wir konnten schon schwimmen gehen – ein bisschen wie Urlaub...

Und das Album habt ihr nur noch eingespielt?

Friederike: Ja, wir haben dort eigentlich nur Schlagzeug und Klavier aufgenommen. Den Rest haben wir in Hamburg gemacht. Zu dem Zeitpunkt stand schon das Meiste fest.

Es war nach „Satt“ die zweite Zusammenarbeit mit dem Produzenten Ted Gaier (Die Goldenen Zitronen; Anm.). Lasst ihr euch in kreativen Belangen dreinreden?

Friederike: Ich glaub nicht, dass Ted irgendwie Interesse hat, groß reinzureden. Er will echt einfach nur, dass wir mit dem Ergebnis glücklich sind. Dadurch, dass die Songs immer schon fertig sind, bevor wir ins Studio gehen und nur noch ein paar Overdubs entschieden werden, gibt’s auch nicht viel zu ändern.

Daniela Reis: Wir stellen uns auch nicht hin und sagen: „Ey, ich hab da einen Text, fang mal an, Schlagzeug zu spielen.“ Gar nicht lächerlich gemeint: Es gibt Bands, die bewusst so im Studio arbeiten, aber da das bei uns nicht so ist, gibt es gar nicht so viel zu diskutieren. Vielleicht dann eher wieder später, wenn man die Platte abmischt. Da ist es aber immer so, dass Ted eine Meinung hat, die er auch äußert, aber in letzter Instanz entscheiden wir das – er sagt uns auch immer, dass wir uns nicht zu sehr beeinflussen lassen sollen.

 „Rare“ ist seit 27. Januar erhältlich
„Rare“ ist seit 27. Januar erhältlich

Ich habe gelesen, ihr Zwei schreibt die Texte unabhängig voneinander und meistens ändern sie sich dann nicht mehr groß. Wie fühlt es sich an, wenn ihr euch dann zusammensetzt und die Skizzen zum ersten Mal gegenseitig zeigt?

Friederike: In den Moment merkt man halt schnell, ob irgendwas nicht passt, meistens schon bevor die andere irgendwas sagt. Es kommt auch selten vor, dass wir uns gegenseitig kritisieren, zum Glück.

Ist euch das unangenehm – das Songskizzen herzeigen, auch wenn ihr zusammenarbeitet?

Friederike: Ja voll (Lacht). Es war auch furchtbar, als wir die Demos zusammen mit Ted angehört haben.

Daniela: Whoa, das war schlimm...

... so mit Raum verlassen?

Daniela: Ich bin echt ein paarmal aufs Klo gegangen, weil ich wusste, jetzt kommt die und die Stelle. Oh Mann! Ich habe aber immer das Gefühl: Je unwohler man sich fühlt, beim ersten Mal zeigen, desto wertvoller ist der Song am Ende – weil es sich offensichtlich lohnt, über das Thema zu singen, wenn es einem unangenehm ist.

Ihr wart ja gerade in der Zeit, in der das Album entstanden ist, ständig am touren. Wie gut kann man in so einer Reizüberflutungs-Phase schreiben?

Daniela: Also wir konnten gut schreiben. Du bist jeden Tag auf der Bühne, performst die alten Songs und bist nach den Konzerten mit den Leuten im Austausch. Da bekommt man ein Gespür dafür, wo‘s als nächstes hingehen könnte, was für Themen man gerne behandeln würde, was einem fehlt auf der Bühne, vielleicht auch den Leuten vor der Bühne. Auch wenn ich das noch nicht so rausgefunden habe (Lacht).

Wie ist es, nach langem Touren heimzukommen – und plötzlich ist es wieder ruhig?

Friederike: Schwierig. Ich hatte voll Angst davor und hab mich vor dem Touren auch innerlich darauf eingestellt, dass es total scheiße wird, nachhause zu kommen. Dann war’s aber gar nicht so schlimm, weil ich vorher schon so viel Angst hatte. Ich hab mich da irgendwie gut gewappnet, innerlich.

Daniela: Bei mir war’s das Gegenteil. Ich hab vorher gedacht: Was soll denn passieren? Mir geht’s gerade gut, weil die Tour so toll war und das weiß ich zuhause immer noch. Aber dann hat’s voll reingehauen, dann bin ich ins Loch gefallen. Wenn du jeden Abend all die Endorphine kriegst, und das sechs Wochen, und das dann plötzlich wegbricht, musst du halt gucken, wie du dir das im Alltag wieder erkämpfst, beziehungsweise (überlegt)... ich glaub, viel eher muss man damit leben, dass man im Alltag nicht so krasse Hochs hat und lernen, sich auch auf einem normalen Level wohlzufühlen. Das ist natürlich schwierig, wenn man so ein Endorphin-Junkie wird.

Wie kann man sich so einen Wohlfühl-Alltag erkämpfen?

Daniela: Andere Sachen machen. Ein bisschen akribischer kochen und für Vitamine sorgen. Oder man macht ein bisschen Sport. Sowas hilft.

Die Krux, gerade in der kreativen Arbeit, ist ja oft, dass man Dinge die man erreicht hat, nicht mehr so zu schätzen weiß und immer mehr will. Wie geht ihr damit um?

Friederike: Ja, das passiert, weil man in dem Moment, wo man Dinge zu schätzen wissen sollte, schon weiterdenkt. Gar nicht unbedingt, weil einem das nicht reicht, sondern weil man das einfach auch nicht verlieren will. Das ist uns auch in der Zeit aufgefallen, dass wir nicht mal unseren Plattenvertrag gefeiert haben...

Daniela: ... so Haken, nächstes...

Friederike: ... und nicht mal einfach hinsetzen und denken: Hey cool, was wir bisher geschafft haben. Das muss man sich schon öfter mal bewusst machen, weil’s sehr schön ist. Und wenn wir das schaffen, freuen wir uns auch echt sehr darüber. Schon krass.

Gibt es eine Sache, die ihr euch mit durch die Musik verdientem Geld noch kaufen wollt?

Daniela: Eine Eigentumswohnung. Aber dafür reicht’s noch nicht.

Das Erste, was ihr euch bereits gekauft habt?

Daniela: Ich hab meine Schulden abbezahlt. Das war ein Riesenhaufen und das hat sich echt gut angefühlt. Ansonsten haben wir uns noch gar nichts groß geleistet, weil wir Angst haben, dass das Geld wieder weggeht. Wir kommen gut über die Runden – mehr aber auch nicht.

 „Rare“ ist seit 27. Januar erhältlich
„Es kommt selten vor, dass wir uns kritisieren“

Ich hab noch ein paar Fragen zu Songs eures neuen Albums. Persönlich fand ich „Ritter in der Nacht“ besonders toll, weil ich die Problematik zu gut kenne, aus Faulheit zu oft ein Taxi zu nehmen...

Friederike: Ich hab das schon so in mir drin, dass Taxifahren für mich absoluter Luxus ist. Manchmal muss es halt sein. Wir sind heute auch mit dem Taxi zum Flughafen gefahren – aber wir hatten auch viele Sachen dabei, wär echt nervig gewesen, mit dem ganzen Krempel in die U-Bahn zu gehen. Oder nicht mehr Flixbus fahren müssen... ich hasse das.

Daniela: Aber Taxi fahren ist manchmal noch schlimmer, was das Stress machen angeht. Weil der Taxifahrer oder die Taxifahrerin ja immer labern wollen. Das haben die voll drinnen, selbst wenn man sich hinten hinsetzt und damit glasklar signalisiert, dass man eigentlich gar nicht reden will.

In „Stars“ singt ihr: „Mir ist nichts wichtig, außer es spricht sich rum“ – gilt das auch, wenn sich Leute eine Meinung über euch machen, die euch gar nicht gefällt? Lest ihr Artikel über euch?

Friederike: Ja manchmal – ich versuch‘s aber zu vermeiden, wenn ich schon weiß, dass es was Negatives ist. Außer ich erinnere mich daran, dass das Interview cool war, dann macht das auch Spaß.

Daniela: Wenn ich weiß, irgendwas ist einfach nicht förderlich für mich, dann lese ich es lieber nicht. Aber das muss man sicher erst einmal trauen, eine Stelle blind zu lassen. Zumindest für mich erfordert es Mut, einfach nicht hinzugucken und diesen Kontrollzwang zu überwinden.

Friederike: Interviews hat man ja selber von sich gegeben, aber so Plattenrezensionen... Das ist halt eine Person, die das schreibt, da darf man sich halt echt nicht daran orientieren, egal ob die positiv oder negativ ist.

Gab’s mal ein Kompliment, das euch besonders viel bedeutet hat?

Daniela: Mir reicht es, wenn ich ehrliche Zuneigung spüre...

Friederike: ... und jemand ganz ehrlich sagt: „Ey, es war so schön!“ Das muss dann auch gar nicht genau auf den Punkt gebracht werden, warum es schön war. Das reicht so.

Ihr tourt im März. Worauf freut ihr euch besonders?

Daniela: Ich wünschte, wir hätten jetzt vorher noch zwei Jahre Ferien, aber ich bin auch gerade in einer Winterdepression (Lacht).

Friederike: Ich will mich gar nicht auf bestimmte Sachen freuen, weil man dann halt so eine Erwartungshaltung hat. Letztes Jahr war zum Beispiel unser Hamburg-Konzert ein absolutes Highlight. Jetzt freuen wir uns halt voll – wir spielen wieder im Uebel & Gefährlich und ich will das gar nicht machen, mich darauf freuen, weil es wird dann bestimmt doch nicht ganz so cool wie man sich das erträumt hat.

Daniela: Das kommt nie wieder – das erste Konzert im Uebel & Gefährlich (Lacht).

Danke für das Gespräch!

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