FLUT: „So ein Ehrengrab in Andorf wäre schön“

Die Newcomer des Jahres über ihr Musikvideo der Stunde – und warum sie lieber alles selber machen.
Kurz vorm Abflug ins Weltall...
Kurz vorm Abflug ins Weltall... © Matthias Heschl
Von Manuel Kurzmann

Da kommen fünf Jungs wie aus dem Nichts aus der oberösterreichischen Provinz daher, knallen ein klanglich und visuell stimmiges Gesamtkunstwerk raus, das die 80er feiert und gerade in Sachen Sound trotzdem den Puls der Zeit trifft... man könnte meinen, irgendetwas sei da faul. Man könnte mutmaßen, FLUT seien ein über Jahre am Reißbrett entwickeltes Produkt irgendeines pfiffigen Musik-Managers. Von wegen DIY. ALLES LÜGEN!

Wir waren in bester Aufdecker-Manier beim Dreh des Musikvideos zur aktuellen Single „Sterne“ dabei (Video oben; Anm.). Und ohne Scheiß: Die sagen tatsächlich die Wahrheit, wenn sie behaupten, sie erschaffen ihre mit Musik untermalten Bewegtbild-Knüller alleine. Regie: FLUT. Idee: FLUT.

Klar, für die Produktion ihrer EP „Nachtschicht“ haben sie sich mit Patrick Pulsinger einen Produzenten ins Boot geholt, der den FLUT-Sound versteht. Und ihr Label „Problembär Records“ lenkt ihr Produkt in die richtigen Kanäle. Wirklich erfunden haben sich die Analog-Nerds aber selbst. Wir wollten zumindest ansatzweise verstehen, wie sie das schaffen und haben daher mit 3/5 der Band über Hausgemachtes gequatscht.

Macht ihr eure Musikvideos selbst, weil ihr Angst habt, jemand anderer könnte es vermasseln oder die Musik falsch verstehen?

Johannes: Na, wir könnten uns schon vorstellen, mit jemandem zusammenzuarbeiten, nur: Man erfindet sich mit einem Video ein Stück weit selbst und wenn du das abgibst, tut das halt jemand Anderer für dich. Momentan haben wir das Gefühl, das am besten selbst zu können. Falls wir uns aber irgendwann von einem Filmteam unter die Arme greifen lassen wollen, weil wir neue Ideen brauchen, werden wir das auch machen.

Manuel: Unsere Musikvideos helfen auch mit, das FLUT-Universium – oder was auch immer das ist – so wachsen zu lassen, dass jeder checkt, wer wir sind. Wenn in einem Video einer auf einem Pferd reitet und im nächsten Wasserskifahren geht, ist das lustig, aber es gäbe bei uns halt nicht diesen passenden Band-Kontext. Das ist halt das Risiko, sich selbst zu verlieren, wenn man die Eigenverantwortung abgibt.

Aber man erspart sich jede Menge Stress.

Johannes: Ja, das ist grad für Manuel (Keyboarder Manuel Hauer = Bewegtbild-Mastermind der Band; Anm.) nicht der unbeschwerlichste Weg, weil sich alles vermischt und du immer etwas zu tun hast, grad in der Release-Zeit.

Manuel: Das passt schon so.

Hattet ihr nie die Angst, dass eure Videos im Vergleich zu Musikvideos anderer Künstler abstinken könnten?

Manuel: Wir waren eher nicht so zufrieden mit dem, was sonst da ist und wollten für uns ein Gegenmodell entwickeln, das es noch nicht gibt. Und es arbeitet halt auch keiner so hart für eine Band wie die Leute, die selber in der Band sind. Auch wenn‘s ein motivierter Externer ist, wird er das trotzdem nicht mit derselben Leidenschaft machen wie die Leute, die’s selber am meisten betrifft.

Gestatten: Manuel Hauer (Regie, Keys)
Gestatten: Manuel Hauer (Regie, Keys) © Matthias Heschl

Wie groß ist der Einfluss der Musikvideos auf das Gesamtprodukt FLUT?

Manuel: Ich bin halt der Video-Dude, aber ich würde es fast gleichwertig setzten – Visuelles und Audio.

Johannes: Wir sind generell visuelle Typen. Das beginnt schon im Proberaum, wo wir relativ schnell Bilder zur Musik haben...

Jakob: ... grad in den Probepausen, wenn man beinander sitzt und sich denkt: Hey, für diesen Song wär im Video geil, wenn das und das passiert. Als dann Songs von uns im Radio gespielt wurden, war das schon cool, aber ich habe mich immer am meisten auf den Moment gefreut, wo ein Video rauskommt und die Leute wirklich sehen, was wir eigentlich mit der Musik meinen. Die Videos sind eine Erweiterung der Musik und lassen das Ding in einem anderen Licht erscheinen.

Würdet ihr das unterschreiben, wenn ich sag, ein Song ohne Musikvideo wird heutzutage keine große Aufmerksamkeit kriegen, selbst wenn er wirklich gut ist?

Jakob: Nein, glaube ich nicht. Zumindest sollte es nicht passieren, dass man aus Pflicht, diesem Usus, zu jeder Single ein Video machen zu müssen, halt irgendwas macht. Man muss sich der Wirkung eines Videos schon bewusst sein – wenn‘s dann nicht gut ist oder den Song nicht trifft, dann schadet es halt auch der Musik.

Fällt euch spontan ein Video ein, das besonders gut den Song unterstreicht?

Manuel: Ich habe mir bei „Bungalow“ von Bilderbuch das Video einmal angeschaut und seither nicht mehr, aber es hat mir und sicher allen Leuten einen Schupser in eine gewisse Richtung gegeben – und dann kann man immer noch für sich weitererforschen, was das Liadl für einen bedeutet. Das Video hat halt geholfen, den Vibe zu unterstreichen.

Johannes: Man muss die Leute bei der Hand nehmen. Dann kann jeder für sich entscheiden, ob ihm taugt was er sieht.

Jakob: „Linz bei Nacht“ oder „Sterne“ hätten beispielsweise viele nicht als tragische Heldengeschichten verstanden. Aber die Videos sind halt unser Vorschlag in diese Richtung.

Gestatten: Manuel Hauer (Regie, Keys)
Bitte einsteigen... © Matthias Heschl

Muss ein Song Single-Charakter haben, damit ihr sagt: „Passt, machen wir ein Video“? Oder würdet ihr auch ein verkopftes Liebhaber-Stück, das nicht so viele Geschmäcker trifft, verfilmen?

Manuel: Für das haben wir noch zu wenig Lieder, also haben wir uns da noch nie Gedanken gemacht.

Johannes: Ich glaube aber schon, dass wir das machen würden, einfach um den Leuten, die uns schon gut finden, etwas zurückzugeben, das vor allem sie anspricht. Bis vor kurzem haben wir ja alles nur für uns selber gemacht, weil’s noch kein Publikum gab.

Jakob: „Sterne“ ist ja an und für sich ein 6-Minuten-Song auf der EP, aus dem wir eine Single gemacht haben, weil’s einen Radio Edit gibt, von dem wir das Gefühl hatten, den kann man rausbringen. Das ist eh schon die dritte Auskopplung.

Ihr habt das bei eurer 5-Song-EP ziemlich ausgereizt, also Single-Auskopplungen...

Johannes: Ah geh, da sind eigentlich gar keine echten Singles oben, außer „Linz bei Nacht“ (Lacht).

Wie oft gibt’s wegen den Videos Streitereien oder Uneinigkeiten innerhalb der Band?

Johannes: Wir sind uns wie jede Band mit vielen Leuten oft uneinig. Aber wir ergänzen uns recht schnell wieder, quasi auf den ersten 10 Metern eines entstehenden Songs, mit ähnlichen Vorstellungen. Streiten tun wir vor allem wegen Details, Kleinigkeiten, aber das ist ja gut, solange alle in dieselbe Richtung wollen. Oder? Grundsatzdiskussionen hatten wir nie...

Jakob: ... na, also ich kann mich nicht mehr erinnern (Lacht). Es ist immer so viel zu tun.

Johannes: Für das Album werden dann sicher wieder viele Fragen gestellt. Irgendwas müssen wir uns schon einfallen lassen. „Linz bei Nacht II“ oder so (Lacht).

Jakob: „Coming Home“.

Wenn wir schon über euer nächstes Projekt, Debütalbum, sprechen: Wie ist da der aktuelle Stand?

Johannes: Liadln werden schon gemacht, aber was den Sound oder das Visuelle betrifft, ist das Pendel noch nicht ganz in der Mitte.

Jakob: Wir sind grad dabei, es schwingen zu lassen.

Manuel: Vielleicht ist es am Gscheitesten, wenn wir jetzt einfach aufhören...

Johannes: ... und uns umbringen. So ein Ehrengrab in Andorf wäre schön.

Gestatten: Manuel Hauer (Regie, Keys)
Heast, schau in die Kamera, bitte! © Matthias Heschl

Bonusfrage zum Schluss: Nennt mir doch bitte einzeln euer Lieblings-Musikvideo...

Jakob: Von Aphex Twin. Das mit der langen Limousine. Mit fällt der Songtitel grad nicht ein („Windowlicker“; Anm.). Wo die zwei Typen die Mädels angraben... Das ist so ein Scheindialog ohne Sinn – und dann werden die von einer Stretch Limo weggeschoben...

Johannes: Dieser rothaarige Typ...

Manuel: Ed Sheeran?

Johannes: Na, aus de 80er.

Manuel: Rick Astley? „Never gonna give you up“.

Johannes: Genau!

Manuel: Stimmt, das ist on point.

Johannes: Auf Deutsch hat‘s in den 80ern gar keine wirklichen Musikvideos gegeben, sondern so Hitparaden-Videos oder Show-Promotion-Videos. Das gab’s sonst nur aus Amerika, also große Produktionen, Michael Jackson und so. Von daher können wir uns von deutschen Videos aus der Zeit nicht inspirieren lassen, einfach weil’s keine gibt.

Jakob: Wär auch blöd, wenn’s das alles schon so gegeben hätte. Das würde uns einiges nehmen.

Manuel: Ich hätt was Supermodernes. Hot Sugar heißt der Dude, das Video heißt „Sinkies“. Check dir den aus.

Johannes: Ich kenn de olle net.

Manuel: Und habt ihr das Kendrick Lamar Video gesehen?

Johannes: So, jetzt heats aber auf. Damit mag ich nicht in Verbindung gebracht werden, weil ich‘s noch nicht kenn (Lacht). Ich bin so hinten nach, mir geht’s so aufm Geist. Ich muss wieder mehr Musik hören...

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