Camo & Krooked | Mosaik Diary #1: Road to Burnout

Das Producer-Duo skizziert schonungslos ehrlich den Grenzgang zum Album ihres Lebens: „Mosaik“.
Von Camo & Krooked

***English Version***


Die letzten fünf Monate waren für uns nichts anderes als Madness. Alles begann Ende 2016, als wir vor unserem eigentlich fertigen Album saßen, nach 3 Jahren harter Arbeit. Es kam der Moment, wo wir zu uns sagten: „Fuck, das ist es noch nicht. Wir müssen alles überdenken, alles neu aufpeppen.“ Diese Erkenntnis tat erstmal weh, weil wir wussten: Wir MÜSSEN die Deadline Ende März halten, sonst verschiebt sich womöglich die Veröffentlichung und der dabei entstehende Schaden wäre schwer gutzumachen. Oder noch schlimmer: Wir veröffentlichen ein Album, das uns nicht zufriedenstellt. Eines war klar: Die Uhr tickt – und wir brauchen einen verdammt guten Plan. Also los... 💪

Camo & Krooked
„Wir bereuen nichts!“ © Matthias Heschl

Unser Plan sah in der Praxis dann so aus: Aufstehen, bestehende Tunes überarbeiten, neue Tunes schreiben, das alles wenn’s sein muss 24 Stunden am Tag – und dann irgendwie versuchen, zumindest 5 Stunden zu schlafen. Das Letzte, woran wir dachen, wenn wir ins Bett gingen, waren Produktions-Troubles. Und nach dem Aufwachen ging‘s direkt ins Studio. Road to Burnout. Aber seit zwei Wochen sind wir fertig – und wir bereuen nichts. Wir haben so viel gelernt, über uns selbst, über Studio-Dinge, übers Songwriting. Und davon würden wir euch gerne im Rahmen unserer Blog-Serie „Mosaik Diary“ erzählen.

I – Zeit freischaufeln

Es verändert schon was in dir, wenn du merkst, die Deadline zur Album-Abgabe rückt immer näher. Und bevor man sich vom innerlichen Druck überrollen lässt, muss man reagieren. Wir haben das zum Teil so gelöst, dass wir im Winter keine Gigs mehr gespielt haben, um uns zumindest zeitlich freizuschaufeln. Denn selbst wenn es meistens Wochenend-Slots sind: Du reist zum Gig, gehst auf die Bühne, das Adrenalin schießt ein, du gibst alles, fällst dann erschöpft ins Hotelbett, reist am Sonntag zurück – und der Montag ist für die Fisch‘, weil du noch Erholung brauchst. Dann bleibt nur von Dienstag bis Donnerstag Studiozeit, bevor’s wieder ab in den Flieger geht. Und in der Zeit geht meistens nichts weiter, weil du im Kopf beim nächsten Gig bist. Also erstmal keine Gigs spielen.

Camo & Krooked
„Eines war klar: Die Uhr tickt.“ © Matthias Heschl

Wir haben außerdem versucht, eine gewisse Routine in unsere 7-Tage-Arbeitswochen zu bringen. Um 9:30 Uhr aufstehen, meistens bis Zwei in der Früh im Studio arbeiten, wenige bis keine Ausnahmen. Das ging so weit, dass wir vermutlich den Bezug zur “normalen“ Welt, zum Alltag, wo man auch mal die Wäsche waschen sollte, total verloren hätten 😂. Glücklicherweise haben in solchen Situationen unsere Freundinnen interveniert und dafür gesorgt, dass wir auch mal an die frische Luft kommen, den Kopf freikriegen und Kraft tanken.

Diese Kombination – Unzufriedenheit mit einem eigentlich fertigen Album, kompromissloses Arbeiten und ein privates Umfeld, das aufpasst, dass man es nicht übertreibt – haben dafür gesorgt, dass uns der Knopf aufgegangen ist. So sehr, dass wir uns fühlten als könnten wir nochmal die komplette Welt umdrehen.

Camo & Krooked
„Das ist das BESTE, was wir jemals gemacht haben!“ © Matthias Heschl

II – Euphorie

Die vielleicht größte Schwierigkeit beim Musik machen ist, dass man sich von dem Moment überwältigen lässt, in dem ein neuer Track fertig wird – vor allem gegen Ende einer Produktion.

Wir waren über die im Frühjahr 2017 entstandenen Songs teilweise so euphorisiert, dass wir Blödsinn wie „wenn wir jetzt das Album nochmal neu beginnen würden, wären wir in einem Monat fertig!“ oder „das ist das BESTE, was wir jemals gemacht haben!“ gesagt haben. Und dann checkst du, dass der Tune zwar gut ist, aber überhaupt nicht zu den anderen Tunes passt. Also zurück in den Sumpf – und täglich grüßt das Murmeltier. Diese Endlosschleife, das Feilen am großen Ganzen verbinden wir auch mit dem Albumtitel „Mosaik“, denn: das schönste Muster ist nicht komplett, wenn einzelne Teile fehlen.

Camo & Krooked Live
Camo & Krooked Live © Victoria Kager / Red Bull Content Pool

Ein Album-Track, der repräsentativ für die Endzeit der Produktion steht, heißt „Sloth“. Der war eigentlich als Interlude geplant, hat uns dann aber so getaugt, dass er quasi ein „Halb-Tune“ wurde – auch weil er sich so gut ins Album eingefügt hat. Der Song war in nur drei Tagen fertig und wer uns kennt weiß, dass das fast schon absurd schnell war, weil wir immer alles tausendmal überdenken und uns in Details vertiefen. Aber „Sloth“ hat’s in kurzer Zeit geschafft, sich zum fast am besten klingenden Track des Albums zu entwickeln. Und wenn etwas simpel ist und dich catcht, ist es immer ein gutes Zeichen.

Camo & Krooked
“You mentally hunt after the perfect solution” © Matthias Heschl

III – Der Flume-Traum

Ihr kennt das sicher – wenn man sich im Bett herumwälzt und über Dinge nachdenkt, die einen tagsüber beschäftigt haben. Man jagt gedanklich der perfekten Lösung eines Problems nach – obwohl es oft Probleme sind, die’s in der Realität eigentlich gar nicht gibt. Aber darauf kommt man meistens erst am nächsten Morgen, wenn man sich dann denkt: Und wegen dem Scheiß habe ich die halbe Nacht wach gelegen? Naja, aber ist halt so: In der Nacht scheinen die Dinge immer komplizierter als am Tag.

Camo & Krooked
„Wir träumen Musik.“ © Matthias Heschl

Wir träumen auch Musik. Es sind beispielsweise oft ganz schlimme Mixdown-Alpträume, wo man immer wieder scheitert, anfängt, scheitert. Es geht sogar noch verrückter: Krooked hat in der Woche des Album-Masterings geträumt, dass Flume (Star-Produzent aus Australien; Anm.) bei ihm zu Gast war und auf der Couch gepennt hat. Er hatte natürlich seinen Laptop dabei. Krooked hat ihn dann im Traum gefragt, ob er ihm seine Production-Secrets zeigen könnte. Also machte Flume den Laptop auf, startete sein FL Studio und siehe da: Er nutzte einfach nur die vier Preset-Sounds, die man sieht, wenn man FruityLoops zum ersten Mal aufmacht. SO EINFACH? WIRKLICH? WÜST ME DU VAOASCHN? 😲😅.

Naja, dann ist Krooked aufgewacht und hat, wie schon die ganzen Tage zuvor, eine einzige Snare Drum geshaped und sich gewünscht, irgendwann wie der “Traum-Flume“ aus nur vier Sounds das perfekte Album zu basteln. Wenn‘s so einfach wär...

Bis bald – und träumt was Schönes,
Camo & Krooked

Camo & Krooked
XOXO © Matthias Heschl

Im Mai erscheint Teil 2 der „Mosaik Diaries“ – über Schönheit & Gefahren von Analog-Sounds, den Pragmaten Camo & den Perfektionisten Krooked – und was „Mosaik“ zu jenem Album macht, welches das Drum-and-Bass-Genre neu definieren wird.

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