Abheben dank Meditation: X-Alps und Psychologie

Bei stressigen Rennen wie den Red Bull X-Alps verschaffen Psychotricks Christian Maurer Vorteile.
Ein Athlet fliegt am 12. Juli 2013 während der Red Bull X-Alps bei Zermatt, Schweiz, über das Matterhorn.
Friedlich? Ja. Stressfrei? Überhaupt nicht. © Felix Woelk/Red Bull Content Pool
Von Hugh Miller

Direkt neben dem Interlaken-Turnpoint der Red Bull X-Alps liegt ein Meditationszentrum. Vom Parkplatz aus sieht man Frauen und Männer, die langsam umhergehen, bedächtig einen Fuß vor den anderen setzen und sich sanft fortbewegen. Diese Übung heißt „achtsame Bewegung“ und wird durch das Läuten einer Glocke beendet. Die Meditierenden halten kurz inne, bevor sie dann wieder in das Gebäude zurückkehren.

Diese Welt liegt abseits des hektischen Tempos des Events, bei dem einunddreißig Athleten morgens um 5:00 Uhr aufstehen, volle Pulle durch die Landschaft der Schweizer Alpen rennen und wild entschlossen sind, Monaco zu erreichen.

Doch so bizarr es scheinen mag, eine gute Mischung aus beiden Ansätzen – dem ruhigen und gefestigtem sowie dem pausenlosen Wahnsinn – zählt zu den wichtigsten Gründen, warum Christian Maurer bei dem Rennen so unglaublich erfolgreich war.

Christian Maurer aus der Schweiz (SUI1) landet am 15. Juli 2013, dem achten Tag der Red Bull X-Alps 2013 in Monaco.
Christian Maurer landet als Erster auf dem Floß © Sebastian Marko/Red Bull Content Pool

Wie wir alle gesehen haben, verfügt Maurer nicht nur über einen wunderschönen Flugstil – er scheint auch keine Fehler zu machen. In Mitten des Tumults Geräte zu laden, Berge hinauf zu wandern, sich in der Luft zurecht zu finden und, nun ja, auch bei irre starken Turbulenzen sicher durch die Lüfte zu fliegen, bleiben die Athleten auf der Strecke, die ihr Gleichgewicht verlieren.

„In diesem Rennen ist man so viel in der Luft unterwegs, dass dich eine falsche Entscheidung in der Luft zehn Plätze kosten kann“, erklärt Jon Chambers, der derzeit unter den ersten Fünf ist. „Deinen Fehler bezahlst du damit, mehr wandern zu müssen.“

Dieses Rennen ist demnach psychologisch so anstrengend wie kaum ein anderes. Natürlich nutzten auch Athleten bei der Tour de France Taktiken, doch sie müssen nicht über ihre Route entscheiden, oder darüber, wann sie mit dem Rad fahren und wann sie fliegen. Das Arbeitspensum dieser Athleten ist phänomenal.

Christian Maurer (SUI1) feiert am 14. Juli 2013 bei den Red Bull X-Alps 2013 auf dem Floß in Monaco.
Christian Maurer und Thomas Theurillat © Olivier Laugero/Red Bull Content Pool

Und es ist auch kein Zufall, dass das Siegerteam, SUI1, verhältnismäßig viel Zeit mit der psychologischen Vorbereitung verbracht hat.

„Bei diesem Event liegt der Stresspegel so hoch, dass es für den Geist ebenso wichtig ist, sich auszuruhen wie für den Körper“, sagt Thomas Theurillat, Maurers Helfer. „In stressigen Momenten schüttet dein Körper als Antwort auf den Stress Adrenalin und Cortisol aus“, erklärt er. „So können wir einer Gefahr schnell entkommen – doch wenn das System zu lange funktionieren muss, riskiert man einen Burn-out.“

Zu Beginn des Rennens fragte ich Theurillat, ob er einige praktische Mittel hatte, um zu verhindern, dass Maurer einen Burn-out erleidet. Er erzählte mir, dass er jeden Abend versucht, Christian Maurer beim Abschalten zu unterstützen. Theurillat ist nicht nur Bergführer – er hat einen Universitätsabschluss in Psychologie und arbeitet mittlerweile als Coach.

Bevor ich weiß, wie mir geschieht, packt Theurillat seinen iPod aus und befestigt einen Pulsmesser an meinem Zeigefinger. Er bittet mich, auf eine Skala auf dem Bildschirm des iPods zu schauen und mich zu entspannen. Umso entspannter ich bin, desto mehr füllt sich die Skala. „Okay, langsam atmen“, sagt er. Die Skala füllt sich ein wenig. „Achte auf deine Schultern, sie wirken etwas verspannt“, empfiehlt er mir. Die Skala füllt sich weiter. Schon bald sprechen wir über unsere Lebenspartner, unser Leben zu Hause und das Rennen ist weit weg…

Maurers Leistung bei diesem Rennen ist phänomenal – doch uns entgehen ein paar Tricks, wenn wir all seinen Erfolg nur seinen exzellenten Fähigkeiten als Flieger zuschreiben. Es sind die kleinen Dinge wie diese, die den Unterschied machen und es ihm ermöglichten, beim Rennen nach Monaco solch einen unglaublichen Vorsprung herauszuholen.

Und ich, ich habe jetzt eine neue Methode, um mich auf einen hektischen Tag vorzubereiten!

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