Mit Mountainbike und Kajak über die Alpen

Von Cannes nach Venedig mit Bike und Boot: Naivität, Größenwahn und Stundenhotels!
Ciao Venedig! Ziel erreicht: 2.200 Kilometer © Jens Klatt
Von Sissi Pärsch

Trans Alp per pedes oder pedalierend? Kennt man! Aber 2.200 Kilometer und 22.000 Höhenmeter auf dem Bike inklusive Kajak im Anhang? Profi-Filmer Olaf Obsommer und die beiden Extrem-Paddler Jens Klatt und Philip Baues zogen in diesem Sommer ihre Boote von Fluss zu Fluss quer durch Europa. Zwischen Cannes und Venedig lagen 5 Länder und 20 Flüsse. Klingt nach einem sonnigen Trip? Uns haben die Jungs erzählt, was man auf so einer Tour alles erfährt, wie viel Nässe und Kälte zwischen warmen Orten liegen kann – und wie man in Stundenhotels landet.

Olaf, Phil! Wieso? Wie kommt man auf die Idee, sein Boot hinten ans Rad zu hängen, um von der Côte d' Azur nach Venedig zu strampeln?

Olaf: In den letzten Jahren sind wir mit dem Kajak um die ganze Welt gejettet, von Afrika, Grönland, Sumatra, Mexico, bis Kanada. Wir wollten mal wieder was vor der Haustür machen.

Phil: Bei all dem Adrenalinrausch-Gehetze wollten wir einen Gang zurückschalten und schauen, wie weit wir aus eigener Kraft kommen würden. Da schien uns das Bike perfekt. Dass aber daraus dann eine komplette Alpendurchquerung wurde, liegt an einer Mischung aus Naivität, Größenwahn und der Verlockung, zwei Monate aus dem Büro zu kommen.

Entschleunigung statt Extreme?

Olaf: Irgendwann nutzt sich das »immer höher, schneller, weiter« ab. Dieses Mal standen andere Dinge im Fokus: Menschen, Natur, die Entdeckung der Gelassenheit. Für uns spielte es keine Rolle, ob wir die Strecke nun in 30, 50 oder 100 Tagen schaffen würden. Dass das Ganze trotzdem eine ziemliche Quälerei werden würde, war uns vorher klar. Nach jedem Pass hätte ich mich vor Freude schier auspeitschen können...

Phil: Ich finde, bei allem, was man tut, muss es eine Balance geben. Wir wollten Abwechslung, eine Art Selbst-Erfahrung auf dem Bike!

Und was habt Ihr erfahren? Neue Erkenntnisse über Euch selbst gewonnen?

Olaf: Wir sind unglaublich krasse Typen. Extrem in jeder Hinsicht. No Limits eben. Live on the edge. Purer Sex und Authentizität in Reinform. Bleibt die Frage, was wir nicht sind. Um das herauszufinden, hat die Zeit leider nicht gereicht.

Phil: Ich versuch’s mal so: Mir hat es vor allem gezeigt, dass ich mit meinem Lebensentwurf auf dem richtigen Weg bin. Auf dem Fluss und in der Natur bin ich mir am nächsten. Deadlines, Rentenversicherung und das neue iPhone sind unglaublich weit weg. Freilich kommt man schnell wieder im Alltag an – inklusive Konsum. Trotzdem tut es gut, zu merken, mit wie wenig man eigentlich auskommt und wie wichtig Freundschaft ist. Ist finde, dass ist keine so schlechte Bilanz.

Schräge Erlebnisse mit Menschen erlebt?

Phil: Vor allem positive Erlebnisse! Die meisten Leute haben sich total für unsere Aktion begeistert. An schrägen Erlebnissen fällt mir sofort der Tourteufel ein, den wir am Albulapass getroffen haben.

Olaf: Du vergisst unsere Nacht im Stundenhotel. Im industriellen Nirgendwo der italienischen Po-Ebene haben wir nach einem verregneten, extrem langen Tag verzweifelt nach einer Unterkunft gesucht. Plötzlich war da dieses Motel. Beim CheckIn wurden wir gefragt, wie viele Stunden wir benötigen. WTF? Natürlich die ganze Nacht. Als dann aus dem Nebenzimmer ein Stöhnkonzert von einem kopulierenden Pärchen erklang, wurde uns einiges klar...

trimmelskoch jens klatt
Jens, Phil und Olaf am höchsten Punkt der Tour! © Jens Klatt

Wie viel Gepäck hattet Ihr eigentlich im Anhang?

Olaf: Die komplette Ausrüstung hat etwa 60 Kilo gewogen: Allein das Kajak samt Ausrüstung 25 Kilo, Rad und Hänger noch mal 20, Fahrradtaschen + Bekleidung, Schlafsack, Tarp, Zelt, Kocher und Zahnbürste 7 Kilo und dann noch die Kamera- und Fotoausrüstung mit 8 Kilo.

Philip: Die Pässe kommt man damit nur mit Extrem-Entschleunigung hoch. Die steilen Rampen sind wir mit 3–5 km/h gekrochen, alles über 10 % Steigung war echt hart. Dazu haben wir fleißig gefilmt und fotografiert. Fürs Timmelsjoch mit 2509 m haben wir fünf Stunden gebraucht. Ich glaube, Olaf hatte außerdem russische Steroide dabei…

Und das Wetter? Cannes, Venedig – das klingt schön warm.

Olaf: Wir sind am 5. Mai in Cannes gestartet und am 9. Juli in Venedig angekommen. Dazwischen haben wir das Bergwetter in all seinen Arten und Abarten erlebt: Von morgens Eis auf dem Sattel, bis zu tagelang sintflutartigen Regengüssen, Wintereinbrüchen und 43° Hitze. Recht abwechslungsreich also.

Was war das für ein Gefühl am Ende in die Kanäle Venedigs einzupaddeln?

Olaf: So richtig reflektieren konnte ich erst später. Aber das Gefühl, einen Traum verwirklicht zu haben, überkam mich schon beim Durchpaddeln der Rialto-Brücke. Ich war mächtig stolz auf unsere sportliche Leistung. Und froh war ich, dass wir uns nicht gegenseitig zerfleischt haben.

Philip: Als der Kellner am Markusplatz 11 Euro für ein kleines Bier wollt, hab ich nur gedacht: "Wer ist denn bitte hier verrückt?"

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