2013: Die unglaublichsten Aufstiege des Jahres

Kletterrouten lassen sich nur schwer vergleichen, doch diese Aufstiege machen dich sprachlos.
Klettern über dünnes Eis © David Lama
Von Toby Archer

UELI STECK
In jedem anderen Jahr wäre wohl der 10-tägige Auf- und Abstieg der massive Südwand der Annapurna von dem erfahrenen französischen Alpinisten Stéphane Benoist und Yannick Graziani zur Kletterpartie des Jahres gekürt worden.

Doch 2013 half ihr Triumph lediglich, die übermenschliche Leistung der „Schweizer Maschine“ Ueli Steck noch mehr hervorzuheben. Steck hatte nur wenige Wochen zuvor dieselbe Route solo und in 28 Stunden geklettert.

Wie ein Beobachter anmerkte: „Die Franzosen sind brillante Himalaya-Alpinisten und sie brauchten zehn Tage, während Ueli es in einem Zehntel der Zeit schaffte – das ist einfach verrückt.“

Es ist die beeindruckendste Leistung des letzten Jahrzehnts, oder vielleicht aller Zeiten.

Das Jahr hatte für Ueli nicht gut begonnen, denn er und seine Teamkollegen sahen sich am Everest mit nun berühmt-berüchtigter Gewalt konfrontiert. Doch sein stiller Erfolg am Annapurna (8.901m) hat dies glücklicherweise in den Schatten gestellt.

Steck hat danach über seinen Aufstieg gesagt: „Ich war an der Grenze meiner körperlichen und mentalen Fähigkeiten. So sehr an seine Grenzen zu gehen, verändert dein Bewusstsein.“
„Es ist die beeindruckendste Leistung des letzten Jahrzehnts, oder vielleicht aller Zeiten“, sagt Stecks Kletterpartner Jon Griffith.

Leicht, schnell, alleine - Steck am Annapurna.
Leicht, schnell, alleine - Steck am Annapurna. © Dan Patitucci/patitucciphoto.com

KILIAN JORNET

Ist er ein Alpinist, Trail-Runner oder Ski-Bergsteiger? Kilian Jornets Fähigkeit, die Grenzen mehrerer Sportarten zu überschreiten, hat 2013 ein neues Niveau erreicht, als der leichtfüßige Katalane, der vor allem als Ultra-Runner bekannt ist, sowohl auf dem Mt. Blanc als auch dem Matterhorn neue Geschwindigkeitsrekorde aufstellte.

Es sind vielleicht keine Aufstiege im traditionellen Sinne, aber sie waren ganz sicher beeindruckend. Er lief in vier Stunden und 57 Minuten von Chamonix zum Gipfel des Mt. Blanc – und zurück. Damit unterbot er einen Rekord, der seit 23 Jahren Bestand hatte, um 14 Minuten.

Dann nahm er das Matterhorn in Angriff - genauer genommen Bruno Brunods „unmöglichen Rekord“ von 3:14:44, den er 1995 aufgestellt hatte und den viele als unmöglich einschätzten. Doch auch diesen Rekord unterbot er – um 22 Minuten.

Über den Matterhorn-Aufstieg sagte Kilian: „Es hat Spaß gemacht, und es ist genau das, was ich am meisten liebe – körperlich, technisch und psychologisch.“

Hier kannst du unser Interview mit Kilian lesen.

DAVID LAMA / DANI ARNOLD
Im April beeindruckte das Österreich/Schweiz-Team von David Lama und Dani Arnold das lokale und weltweite Publikum mit ihrer Erstbesteigung der neuen „Birds of Prey”-Route auf dem Moose’s Tooth gleichermaßen, denn der Gipfel in Alaska ist zu einer Ikone des amerikanischen Alpinismus geworden.

Lama und Arnold beschreiben die Route als hart, komplex und stellenweise ohne Möglichkeit, Sicherungen anzubringen. Doch nicht nur das, sie begannen den Aufstieg nur Stunden, nachdem sie von dem Ski-Flugzeug auf dem Gletscher abgesetzt worden waren, obwohl es für beide der allererste Aufenthalt in Alaska war.

„In Alaska aufzulaufen und gleich eine Erstbesteigung von diesem Schwierigkeitsgrad anzugehen ist auf jeden Fall mutig und wahrscheinlich auch ein bisschen dreist,” sagte Lama hinterher. „Aber es ist oft diese Art von Unbekümmertheit, die man braucht, um neue Perspektiven zu eröffnen, und überhaupt erst einmal die Idee zu haben, eine Route wie diese zum allerersten Mal zu versuchen.”

Geschafft! © David Lama

MICK FOWLER / PAUL RAMSDEN
Die britischen Alpinisten Mick Fowler und Paul Ramsden setzten ihre Liste von schwierigen Aufstiegen im Alpin-Stil fort – eine Leistung, die mittlerweile ein Jahresrekord sind. Dieses Mal kletterten sie die Südwestwand des bisher unbezwungenen Kishtwar Kailash (6.451m). Man übersieht leicht den Schwierigkeitsgrad und die Herausforderung der Kletterrouten dieses Teams, weil sie die Sache so bescheiden angehen. Fowler zum Beispiel ist dafür bekannt, auch größte Unannehmlichkeiten nur als „beeindruckend” zu beschreiben.

Sieh dir einfach das Video unten an, wo die beiden in lautes Gelächter ausbrechen, als sie an einem tiefen Abgrund entlangbalancieren. Und das war nur der Weg zum Berg! Was noch beeindruckender ist? Fowler quetscht diese Expeditionen in sein normales Alltagsleben als Steuerprüfer in England. „Es ist eine große Herausforderung und dementsprechend lohnt es sich! Wir haben viel gelacht.”

RAFAEL SLAWINSKI / IAN WELSTED
Die Besteigung der Nordwestwand des K6 (7.100m) in Pakistan durch die Kanadier Rafael Slawinski und Ian Welsted war aus zwei Gründen bemerkenswert: Erstens als ein glänzendes Beispiel für modernen Hochalpinismus: technisches Mixed-Climbing auf einem hohen, bis dato unbestiegenen Karakorum-Gipfel. Zweitens weil sie sich weigerten, sich von extremistischer Gewalt einschüchtern zu lassen.

Besteigung der Nordwestwand des K6.
Nordwestwand des K6 © Raphael Slawinski

Das Team war mitten in den Vorbereitungen ihrer Tour, als die Nachricht von den Morden durch Extremisten im gar nicht so weit entfernten Nanga Parbat-Basislager die Alpinistenszene weltweit schockierte. Die Kanadier überzeugten nicht nur mit ihrer alpinistischen Meisterleistung, sondern auch mit ihrer expliziten Unterstützung der freundlichen und friedlichen Bevölkerung Pakistans.

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