Everest-Legende Kenton Cool über ein Albtraum-Jahr

Wie geht es auf dem höchsten Berg der Welt weiter? Wir fragen einen der erfahrensten Everest-Guides.
Kenton Cool auf dem Weg zum Gipfel des Mount Everest.
Der Reiz des Mount Everest ist groß © Kenton Cool
Von Will Gray

Es ist Gipfel-Saison auf dem Everest, doch niemand besteigt den Berg von der nepalesischen Seite. Nach dem tragischen Tod von 16 Sherpas brachen fast alle Teams ihre Gipfelbesteigungen ab. Der britische Guide Kenton Cool, der bereits 11 Besteigungen hinter sich hat, sagt uns, wie er die Lage einschätzt – und wie die Zukunft aussehen wird.

Wie denkst du über die Tragödie?
Bei jeder Besteigung, die wir wagen, gibt es immer eine objektive Gefahr. Der Absturz der Gletschernase war für mich keine wirkliche Überraschung, da das Risiko schon seit einigen Jahren bestand. Aber es ist eine Tragödie, dass es dann in genau jenem Moment geschah – zu fast jeder anderen Zeit des Jahres hätte niemand jemals davon erfahren.

Der Everest ist eine immense Schönheit, die es zu achten und zu ehren gilt

Ich persönliche kannte drei von den Todesopfern. Das ungeheure Medieninteresse entstand vor allem deshalb, weil ausschließlich Sherpas ums Leben kamen. Man hört auch, dass die Sherpas einem zusätzlichen Druck ausgesetzt werden und sich daher der Gefahr aussetzen müssen. Das stimmt in gewisser Weise, doch niemand zwingt die Sherpas, den Berg zu besteigen.

Die Belohnungen sind hoch – die Bezahlung ist für nepalesische Standards extrem hoch. Doch welchen Preis hat ein menschliches Leben?
 

Kenton Cool ist stolz auf seinen 8. Aufstieg auf den Gipfel des Mount Everest.
Cool zeigt's an: Aufstieg Nummer acht © Kenton Cool Collection
Dorje und Kenton Cool oben auf den Lhotse.
Kenton Cool und Sherpa Dorje auf Lhotses Gipfel © Kenton Cool

Wird der Everest je wieder so sein wie früher?
Der Everest hat in den letzten Jahren in der Öffentlichkeit an Reiz verloren – die Bilder von Schlangen aus dem Jahr 2012, der „Streit“ 2013 und nun dieser Zwischenfall. Das Image des Everest hat schwer gelitten und es wird nur schwer wiederherzustellen sein, wenn überhaupt.

Ich fürchte den Berg aufgrund seiner Fähigkeit, so grausam zu sein und ein Leben so leicht auszulöschen

Es wird eindeutig Folgen haben und ich hoffe sehr, dass diese positiv sind. Aber ich vermute, dass nächstes Jahr alles wie gehabt weitergeht – der Everest bringt zu viel Geld für diese Gegend und die Regierung, um nicht weiterzumachen.

Kenton Cool posiert 2012 auf dem Gipfel des Everest für ein Porträt.
Olympisches Gold: Kenton 2012 auf dem Gipfel © Keith Partridge

Es scheint eine ganze Reihe von Problemen zu geben
Es handelt sich um ein kompliziertes Zusammenwirken von vier Seiten – Tourismus, Geschäfte, die Mehrheit der Sherpas sowie eine kleine Gruppe militanter Sherpas. Es kam zur Eskalation, weil letztere für bessere Arbeitsbedingungen, Bezahlung, Versicherung und so weiter kämpften. Sie wandten sich gegen die Regierung und die kommerziellen Guide-Teams, doch warnten sie auch alle Sherpas, die nicht mit ihnen übereinstimmten, was zu den Boykottandrohungen führte.

Kenton Cool bezwingt die steilen Wände.
Kenton an der Eiger-Nordwand © Ian Parnell

Warum warst du dieses Jahr nicht dort?
Ich hatte schon vor Saisonstart beschlossen, ein Jahr zu pausieren und nicht zum Everest zu fahren – ich hatte Glück mit dieser Entscheidung!

Was bedeutet der Everest für dich?
Der Everest hat in den vergangenen zehn Jahren mein Leben bestimmt, ich schulde ihm viel. Ich sehe den Berg als eine unermessliche Schönheit, die geachtet und geehrt werden sollte. Ich betrachte es als Privileg, diese Berghänge besteigen zu dürfen.

Welche deiner elf Everest-Besteigungen war am beeindruckendsten?
Die Besteigung der drei Gipfel Everest, Nuptse und Lhotse im letzten Jahr war für mich wirklich etwas Besonderes. Ich hatte jahrelang davon geträumt, alle drei Aufstiege hintereinander zu schaffen – und es in einem sieben-Tage-Fenster zu tun, war unbeschreiblich!

Am furchterregendsten?
Ich hatte nie wirklich Angst am Everest. Ich fürchte den Berg aufgrund seiner Fähigkeit, so grausam zu sein und ein Leben so leicht auszulöschen – aber eine gesunde Angst vor den Bergen ist wichtig.

Kenton Cool beim Eisklettern.
Kenton Cool beim Eisklettern in Chamonix © Martin Hartley

Und am bewegendsten?
Der erste Gipfel war etwas Spezielles, ich sprach über ein Satelliten-Telefon mit meiner Mutter und musste die Tränen zurückhalten. Letztes Jahr war dagegen extrem aufwühlend, ich musste den Tod von Herrn Li (der chinesische Bergsteiger Xiaoshi Li, der auf dem Lhotse starb) akzeptieren. Ich habe immer noch mit den emotionalen Narben zu tun, die das in mir hinterlassen hat.

Was bewegt dich dazu, immer wieder dorthin zurückzukehren?
Ich liebe den Everest und all das, wofür er steht. Einige Monate im Jahr geht es im Wesentlichen nur um eine simple Sache: den Berg besteigen. Ich liebe diese Einfachheit.

Fährst du wieder hin?
Ja. Nächstes Jahr habe ich vor, die drei höchsten Berge der Welt zu bezwingen - Everest, K2 und Kanchenjunga. In drei Monaten. Wir kümmern uns gerade um unsere Partner und sollten 2015 startklar sein...

Auf der Webseite von Kenton findet ihr Infos, um eine Kletter-Tour mit ihm zu buchen.

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