Gletscher-Highline zwischen schwankenden Kabinen

Alex Schulz von One Inch Dreams läuft eine Highline zwischen schwankenden Kabinen der Zugspitzbahn!
Ein Mann zwischen zwei schwankenden Kabinen.
Ein Mann zwischen zwei schwankenden Kabinen. © One Inch Dreams / Johannes Olszewski
Von Sissi Pärsch

Alexander Schulz vom Team One Inch Dreams hält zig Slackline-Rekorde – und will die, die er noch nicht hat, schnellstmöglich holen. In der Zwischenzeit macht er Folgendes: Er spannt eine Highline zwischen zwei schwingenden Kabinen der Zugspitz-Gletscherbahn. Fixpunkte? Schwankende Fixpunkte! Alex marschierte die Line Mitte Juli in einer Höhe von 2.600 Metern, 150 Meter über dem Gletscher. Unglaublich! Wir haben mit ihm über Highs, Lows, Schwingungen und Schwankungen gesprochen.

Alex! Was hast Du getan?

Ich bin von Kabine zu Kabine gelaufen.

Klingt nach Schaffner – vergiss bitte die Höhe nicht!

Ach so, ja, ich sollte es anders formulieren: Ich bin auf einer Highline 150 Meter über dem Zugspitzgletscher auf einer Höhe von 2.600 Metern über eine 20 Meter lange Highline gelaufen, die zwischen zwei wackelnden Seilbahnkabinen gespannt war.

Konzentration, Selbstvertrauen – und viel Talent.
Konzentration, Selbstvertrauen – und viel Talent. © One Inch Dreams / Johannes Olszewski

Wie viele Versuche hat’s gebraucht?

Naja, für’s Fernsehen musste ich in etwa zehn Fehlversuche ‚produzieren’. Sonst wäre ich’s beim zweiten Anlauf durchgelaufen. Beim ersten Versuch bin ich gefallen, weil sich das Sicherungsseil um meinen Fuß gewickelt hat.

Es ist auch mit Sicherung nicht ungefährlich, aber wie kamt Ihr auf die Idee der Örtlichkeit?

Wir haben vor gut zwei Jahren für Felix Neureuther eine Highline am höchsten Punkt Deutschlands – dem Zugspitzgipfel – gespannt. Das war damals eine tolle Aktion und bei so Sachen werden häufig neue Ideen geboren. Ursprünglich hatten wir davon geträumt, dass die Seilbahn während dem Laufs fährt. Später hat sich leider rausgestellt, dass das wegen der gegengleichen Bewegung der Kabinen unmöglich ist.

Ihr musstet also einiges austarieren. Wie lange plant man bei einem solchen Projekt?

Lange! Es ist schon sehr, sehr aufwändig. Zuerst muss man einen leitenden Angestellten –oder wie in unserem Fall gleich den Chef der Zugspitzbahn – von der Idee begeistern. Sie fanden es durchaus schnell spannend, allerdings galt die Voraussetzung, dass wir einen „starken Medienpartner“ mit an Bord holen. Wir haben gleich Zwei serviert: den Bayerischen Rundfunk und Pro7 Galileo. Doch dann war es nicht leicht, die Interessen von allen Beteiligten (es waren schlussendlich 25 Leute involviert) unter einen Hut zu bringen.

So sieht er aus, der Alex. Fesch!
So sieht er aus, der Alex. Fesch! © One Inch Dreams / Johannes Olszewski

Um was ging es da beispielsweise?

Es hat uns beispielsweise etliche Stunden gekostet, den Betriebsleiter der Zugspitzbahn davon zu überzeugen, dass wir mit unserer Erfahrung ausreichend für die Absicherung und gegebenenfalls die Bergung aller beteiligten Personen qualifiziert sind. Und dafür keinen Bergführer bezahlen müssen.

Und dann die konkreten Überlegungen der Umsetzung...

Genau! Der ursprüngliche Plan war, die Highline an der Eibseebahn zu spannen. Beim ersten Location-Check hat sich dann aber herausgestellt, dass die Kabinen aufgrund ihrer Größe und der Länge des Tragseils (2 km freihängend) viel zu stark schwanken. Zum Glück gibt’s noch eine kürzere Bahn, die vom Zugspitzgipfel zum Gletscher hinunterführt.
Damit die Highline wiederum nicht lächerlich kurz wird (die zwei Kabinen waren nur 7 Meter auseinander) und zur Stabilisierung der Kabinen mussten wir die Kabinen nach oben bzw. unten fahren. Das brachte das nächste Problem: Bei einer Länge von 30 Metern hätte die Highline 10 Meter Höhenunterschied gehabt! Die Lösung war neben einer Verkürzung auf 20 m vor allem vier Tonnen Wasser in der oberen Kabine.

Blick nach vorne, von Kabine zu Kabine.
Blick nach vorne, von Kabine zu Kabine. © One Inch Dreams / Johannes Olszewski

Ein immenser Aufwand! Wie verlief schließlich der Tag der Tage?

Das Wetter muss natürlich mitspielen. Wenn der Wind schneller als Schrittgeschwindigkeit weht, muss der Betriebsleiter die Aktion abblasen, weil die Kabinen zu stark schwanken. Das hätte die Slackline zum Reißen gebracht. Wir hatten Glück! Den ersten Termin mussten wir schon wegen Sturm canceln. Zum neuen Termin war es den ganzen Tag ziemlich wechselhaft, immer wieder hat es geregnet und der Nebel ist reingezogen. Als wir um 17 Uhr nach Betriebsschluss starteten, riss es dann überraschend doch noch auf!

Petrus ist ein Highliner! Oder zumindest ein Freund... Und wo lag die sportliche Herausforderung für Dich?

Beim Laufen bestand die Schwierigkeit zum einen darin, mich von der extremen Ausgesetztheit nicht einschüchtern zu lassen. Zum anderen musste ich mit dem Schwanken der Kabinen klarkommen.

Warum tust Du was Du tust?

Es macht mir einfach brutal viel Spaß, ich bin an wunderschönen Orten unterwegs und es gibt mir Selbstvertrauen! Außerdem ist die Community beim Slacklinen einfach ultralässig und nett. Und was man zudem nicht vergessen darf: Was ich beim Highlinen brauche, hilft mir in alltäglichen Situationen immens.

Was meinst Du konkret?

Highliner suchen die Ausgesetztheit und die Kontrolle über die eigenen Ängste, die unweigerlich entstehen, wenn man an einer solch wackeligen und exponierten Highline steht. Dafür brauchst du eine hohe Konzentrationsfähigkeit und ein sehr gutes Vertrauen in deine Fähigkeiten.

Anderes Szenario: Die Space Line in den USA.
Anderes Szenario: Die Space Line in den USA. © Jared Alden

Selbstvertrauen geben Dir sicher auch Deine Rekorde. Du hältst ja ein paar...

Ich bin zweimal die längste Polyester-Slackline und die längste Slackline über Wasser gelaufen. Und drei Mal habe ich den Highline Weltrekord gebrochen. Davon halte ich im Moment zwar keinen mehr, aber ich bin grad ordentlich am trainieren, um sie mir wiederzuholen. Bald hab ich dazu auch ein perfekt geeignetes Band von meinem Sponsor, Elephant Slacklines.

Das klingt nach hohen Zielen. Was ist sonst noch geplant?

Neben dem Brechen aller Slackline Weltrekorde, will ich zusammen mit meinen Teamkollegen noch mehr abgefahrene Projekte verwirklichen. Da war die Raffinerie-Highline, der Space Line in Montserrat und die allererste Space Line, die ich vor zwei Jahren in den USA gespannt habe. Außerdem werden wir mit One Inch Dreams noch mehr in Richtung professionelle Dienstleistungen gehen, also Slackline-Stunts, -Events und -Marketingauftritte.

Deine Tipps für Highline-Interessierte?

Baut nicht einfach irgendwas auf, sondern lest euch erst Wissen an. Bei den ersten Highlines sollten erfahrene Leute mit dabei sein. Man lernt nur durch die Praxis einen sicheren, redundaten Aufbau und auch wie man z.B. die Felsqualität richtig einschätzt. Wir bieten übrigens auch Highline Workshops an. Die nächsten gibt's beim Slackline Festival am Hochkönig.

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