Länger ging keiner – neuer Highline-Weltrekord!

Julian Mittermaier knackt mit einer 224 m Highline den Weltrekord – 200 m über dem Abgrund!
Rekordarbeit an einer gigantischen Staumauer © Nicolas Sedlatchek
Von Sissi Pärsch

21 Jahre alt, 200 Meter unter sich, 224 Meter Highline und Rekordaussichten vor sich. Der Oberbayer Julian Mittermaier hat die sensationelle Highline-Länge soeben an einer gigantischen Staumauer im Wallis gelaufen und damit den Weltrekord nach Europa geholt! Beim ersten Versuch. Völlig ungeplant. Hier könnt ihr lesen, was der Weltrekordknacker zu sagen hat:

Julian, herzlichen Glückwunsch – ein Wahnsinnsding! Sag uns ein paar Fakten zu Deinem Lauf!

Mit den 224 m habe ich den bestehenden Rekord von Jerry Miszewsky (USA) um 10 Meter verlängert. Gelaufen bin ich etwa 40 Minuten und das auf einem 2,5 cm breiten Band, das 200 m über dem Boden hing.

Hat gut lachen: Julian Mittermaier nach der Arbeit © Nicolas Sedlatchek

Und die Location war auch extrem imposant...

Die Staumauer heißt Mauvoisin und liegt im Wallis in der Schweiz. Sie ist die größte Bogenstaumauer in Europa – etwa 200 m hoch und 450 m breit – und wirkt wie aus einem James Bond Film. Die Slackliner im Wallis haben sie entdeckt und mir für den Versuch empfohlen. Beim ersten Blick hat’s mir den Atem verschlagen. Ein Riesending.

Grummelt’s da nicht im Magen?

Oh, aber wie. Wir haben uns alle gefragt, ob wir das wirklich machen wollen. Wir sind erst mal ganz verlegen rumgestanden. Keiner wollte so recht mit dem Aufbau beginnen.

Das wären also 224 Meter © Nicolas Sedlatchek & Thomas Buckingham

Und dann ging’s los. Wie muss man sich den Ablauf vorstellen?

Das vollgestopfte Auto mit 700 Meter Band entladen. Flaschenzug, Schwerlastschlingen, Bandfixierer. Die Befestigung war mit dem sehr stabilen Geländer gegeben. Mit dem Team lief alles recht gut. Die Jungs waren super.

Ist Highlinen Team-Arbeit?

Absolut! Man muss sich 100% aufeinander verlassen können. Du vertraust hier ja den Leuten dein Leben an. Und ich hatte die Besten dabei: Peter Auer, selbst einer der besten Highliner Österreichs und Thomas Buckingham, er ist der Präsident des Schweizer Slackline Verbandes und sehr erfahren. Dazu noch Nico Sedlatchek und Helmut Netzwerker. Auch die mentale Unterstützung beim Lauf ist extrem wichtig. Ich bin ein paar Mal mit der Leash hängenblieben und das war sakrisch beängstigend. Ohne die Jungs hätte ich es wohl nicht geschafft.

Julian mag auch Berge oder Wiener Dächer © Lukas Irmler & Patrick Wagner

Der Rekord gelang Dir aber gleich auf Anhieb. Ist das immer so?

Nein, nein. Jerry hat für seinen 214 m Rekord knapp 80 Versuche gebraucht, um zwei Schritte zu schaffen. Bei mir war das jetzt eher Zufall. Ich wollte beim ersten Mal nur mal schauen, wie weit ich komme. Mir war klar, dass ich beim ersten Versuch keine Chance haben werde, das Ding zu laufen. Ich hab’s somit auch nicht für nötig gehalten, die letzten 10 Meter zu tapen, also die Line und Backup miteinander zu verbinden.

Du hast Dich selbst überrascht? Wie kam’s?

Das Gefühl war irgendwie gemischt. Diese krasse Staumauer – das reizt, aber ist auch einschüchternd. Aber wenn die Line mal hängt, vermittelt das ein sehr vertrautes Gefühl. Ich war gespannt auf die Spannung, da wir noch nicht wirklich fertig waren und sie noch sehr locker war. So hatte ich eigentlich keine Erwartungen. Beim Aufstehen zum Start war ich erstaunt, wie ruhig alles war. Ich war ruhig, mein Puls, die Line. Dann kamen ein paar Probleme, aber nach 50 m habe ich so langsam realisiert, was gerade abläuft.

Großer Rekordler als kleiner Punkt am Horizont © Nicolas Sedlatchek & Thomas Buckingham

Ein Weltrekord läuft ab! Wie lief’s weiter?

Die Anspannung wurde zur Mitte hin immer größer. Ich verlangsamte meine Schritte und blieb oft ein, zwei Minuten stehen, um zu warten bis die Schwingungen wieder schwächer wurden. Irgendwie hatte ich nicht das Gefühl, dass ich dem Fixpunkt näher komme.

Die Füße fingen langsam an müde zu werden. Es geht aber primär um das mentale Durchhalten. Ich war da ca. 70 m vom Ziel entfernt und irgendwann schaltete mein Kopf auf positiv. Ich wusste aber, dass der heikelste Moment 30 m vor Schluss wartet.

Was war da Heikles?

Das wird von Slacklinern Transition genannt: ein Übergangsbereich, in dem sich die Art der Schwingung drastisch ändert. Sie werden kleiner und kraftvoller und man muss seinen Laufstil von Meter zu Meter darauf einstellen. Gleichzeitig steigt die Anspannung. Ich war kurz davor, einen neuen Weltrekord zu laufen. In dem Moment ist das kontraproduktiv, man sollte sich ja eher entspannen. Das Team war hier wieder der Wahnsinn. Hinzu kam, dass wir die letzten Meter nicht getaped hatten und mir das Backup am Fuß entlang langsam nach oben rutschte, bis etwa auf Kniehöhe. Auf den letzten 4 Metern hatte das Band eine Steigung von 30° bis 45°. Ich hab gemerkt, wie meine schwitzigen Füße auf dem glatten Dyneema langsam den Grip verloren. Aber egal – ich hab’s geschafft!

Sensationell. Gut gefeiert?

Ja, schon. Siebter Himmel – aber erst mit festem Boden unter den Füßen...

Wie weit kann’s bei Euch Highlinern noch gehen?

Ich denke, wir schielen auf die 300er Marke. Wir sind jetzt drei Leute, die über 200 Meter gelaufen sind. Ich habe die 276 m schon beinahe geschafft. Ich weiß, was möglich ist. Übrigens hat sich kurz nach meinem Rekord Jerry bei mir gemeldet und gratuliert. Ich hab ihn gleich eingeladen vorbeizuschauen, damit wir gemeinsam versuchen können, eine neue Länge zu laufen.

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