Unglaubliche Aufnahmen vom Rekord-Fallschirmsprung

164 Draufgänger mit der größten vertikalen Skydiving-Formation mit bis zu 368 km/h Geschwindigkeit
Von Kevin McAvoy

Wenn es um das Fallschirmspringen geht, sind die meisten schon mit einem Tandemsprung und dem damit verbundenen Kick zufrieden. Aber die Profis wollen die Grenzen natürlich pushen und viel mehr erreichen.

Eine Gruppe gleichgesinnter Fallschirmspringer ging so weit, dass sie sich letzten Monat beim Skydive Chicago getroffen haben, um einen neuen vertikalen Weltrekord aufzustellen. Der Plan: 164 Fallschirmspringer machen zusammen eine riesige Turm-Formation, wenn sie Kopf voraus mit Geschwindigkeiten von bis zu 386 km/h in Richtung Boden fliegen. Die Red Bull Air Force Mitglieder Jon DeVore und Mike Swanson waren Mitorganisatoren des Events. An ihrer Seite stand Rook Nelson von Skydive Chicago. Wir trafen DeVore und Swanson, nachdem der neue Weltrekord aufgestellt worden war, und wollten wissen, wie sie das geschafft haben. Klick oben auf das Bild, um das Video zu sehen.

Ihr organisiert schon seit einigen Jahren Fallschirmsprung-Rekordversuche, richtig?

Mike Swanson: Ja, das stimmt. Wir organisieren diese Art von Events seit 13 Jahren. Ich glaube, bei unserem ersten Versuch nahmen 18 Personen teil, alles inoffiziell. Beim nächsten Versuch gingen wir die Sache professioneller an und schafften einen offiziellen Rekord mit der FAI [dem Welt-Luftsport-Bund]. Bei unserem ersten offiziellen Rekord waren 24 Leute dabei.

Wie qualifizierten sich die Athleten für diesen Event?

Jon DeVore: Wir bieten denjenigen, die noch nie bei einem Rekordversuch dabei waren und sich noch keinen Namen verschaffen konnten, Qualifikationscamps an. Ich würde sagen, dass in etwa zwei Drittel der Teilnehmer aus diesen Camps kommen. Die anderen sind erfahrene Freeflyer, die schon so lange im Geschäft sind, dass wir ihre Stärken und Schwächen schon kennen.

Wenn du in der Formation bist und der Rekord aufgestellt wird, entsteht eine besondere Stimmung: alles geht wie von allein und man muss sich nicht anstrengen, um sich zu verbinden.

Wie bereitet sich das Team auf die Formation vor?

Swanson: Wir nennen es ‚walking it‘. Das bedeutet, dass wir die Formation so, wie sie in der Luft sein wird, am Boden bauen. Wir spielen nach, wie die verschiedenen Leute aus verschiedenen Flugzeugen springen. Es gibt Floater, die schon früh springen und dann zur Formation nach oben fliegen. Außerdem haben wir Diver, die spät springen und quasi zur Formation nach unten tauchen.

DeVore: Wir machen 40- und 50-Mann-Sprünge, die die Basis der Formation bilden. So wollen wir einfach nur sicherstellen, dass alles funktioniert. Es ist ein Prozess – wenn irgendetwas nicht passt, gehst du zur Tafel und drehst die Leute auf der Zeichnung. Manchen fällt es vielleicht leichter, mit ihrer rechten Hand anzudocken als mit ihrer linken. Es ist wie ein Spiel, bei dem man Dinge so lange herumbewegen muss, bis alles zusammenpasst und funktioniert.

Wie lange hat man im freien Fall Zeit, um die Formation zu bilden?

Swanson: Ungefähr 60 bis 80 Sekunden. Wir sprangen aus einer Höhe zwischen 5486 und 5791 Metern. Die Ersten verließen die Formation bei 2286 Metern.

DeVore: Ein typischer Fallschirmsprung egal wo auf der Welt ist eigentlich aus 3962 Metern. Wir haben also noch einmal 3962 Meter obendrauf gelegt, um 25 Sekunden mehr Zeit zu haben.

Wie erfährst du, wann der Rekord aufgestellt ist?

DeVore: Es gibt kein wirkliches Signal. Früher haben wir Kommunikationsgeräte benutzt. Doch das, was die Sache so gut funktionieren, so magisch, so echt werden lässt, ist die Stimmung. Wenn du in der Formation bist und der Rekord aufgestellt ist, entsteht dieser Vibe. Und dann geht alles wie von allein und es ist nicht anstrengend, sich zu verbinden.

Wenn du das spürst, schaust du die anderen Leute an und siehst, wie sie lachen und sich zunicken. Du weißt, dass sie keinen sehen, der irgendwelche Probleme hat und genau dieses Gefühl strahlst du auch selbst aus. Bei diesem Rekord war es so, dass sich alle abgeklatscht haben, als sie gelandet sind, ohne überhaupt das Video gesehen zu haben!

Wie wird das Verlassen der Formation geplant?

Swanson: Wir haben Höhenmesser in unseren Helmen, die einen Signalton abgeben, wenn man eine bestimmte Höhe erreicht. Jeder legt eine andere Austrittshöhe fest. Die erste Welle verlässt die Formation bei 2286 Metern. Sie hören also einen Piepton und lassen los. Es gibt insgesamt vier Austrittswellen. Alles wird auf Papier festgehalten und ist sehr spezifisch.

Wie wird dann bestimmt, ob der Rekord offiziell ist?

DeVore: Die Jury-Mitglieder checken jeden einzelnen Dock auf dem Video und auf Fotos. Das nehmen sie es sehr genau. Wenn wir sagen, dass die rechte Hand von diesem Typ am rechten Arm von einem anderen sein sollte, dann sollte sie besser nicht an seiner Schulter landen. Sie zerlegen alles bis ins kleinste Detail, schauen sich jeden Handgriff an.

Hast du schon Ideen für einen anderen Weltrekordversuch?

DeVore: In der Vergangenheit haben wir uns an ein 2- bis 3-Jahres-Szenario gehalten. Das ist scheinbar das Geheimrezept. Da haben sich die Fähigkeiten weit genug entwickelt, um einen kleinen, schönen Sprung zu machen. Wir sagen nicht: „Oh, komm, beim nächsten Mal springen wir mit vier Leuten mehr!“

Durch Windkanäle hat sich auch die Lernkurve verbessert. Lange Zeit gab es nur Mike und mich und zehn bis zwanzig Andere auf der Welt, die das konnten. Man brauchte tausende Sprünge, bis man den Freefly beherrschte. So dauerte es natürlich auch Jahre, bis die Leute das konnten. Jetzt kannst du einfach in einen Windkanal gehen und nach ein paar Monaten Übung hast du so viel gelernt wie in zehn Jahren Springen.

Irgendwelche Vorhersagen für den nächsten Rekord?

DeVore: Ich kann nur so viel sagen: Es werden definitiv über 200 Springer an den Start gehen. Auf keinen Fall starten wir einen Versuch, wenn wir die 200 nicht knacken – wir sind schon so nah dran.

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