Dieser Typ taucht in den tiefsten Höhlen der Welt

Neuer Rekord! Patrick Widmann erkundet die tiefste Höhle der Dominikanischen Republik.
Patrick Widmann erkundet die tiefste Höhle in der Dominikanischen Republik im September diesen Jahres
Ein glücklicher Patrick Widmann © Phillip Lehman
Von Brooke Morton

Die meisten Leute, die in die Dominikanische Republik fliegen, wollen dort entspannt mit einem leckeren Cocktail am Pool liegen.

Doch Patrick Widmann ist kein normaler Tourist. Er ist Höhlentaucher und -forscher. Der Österreicher verbringt seine Zeit lieber in tiefen, dunklen Unterwassertunneln, wo man nicht weiß, was passiert.

Am 23. September 2015 passierte etwas Besonderes. Er stellte den Rekord über die tiefste Höhle des Landes auf.

Patrick Widmann tauchte in die tiefste Höhle der Dominikanischen Republik

Patrick Widmann erkundet die tiefste Höhle in der Dominikanischen Republik im September diesen Jahres
Die Navigation war anspruchsvoll © Phillip Lehman

Es gibt nichts besseres, als wenn man der Erste ist, der etwas sieht - vor allem im Jahr 2015. Selbst wenn du im Weltall bist, überrascht dich nichts mehr, weil du es schon von Satellitenaufnahmen kennst. Bei der Erforschung von Höhlen weißt du nicht, was in den nächsten fünf Sekunden auf dich zukommen wird. Du könntest an das Ende der Höhle gelangen oder aber in einen riesigen Raum. Es ist eine Achterbahnfahrt der Gefühle.

Wie kam es zu der letzten Expedition?
Das ist eine witzige Geschichte. Die Höhle liegt ganz in der Nähe vom Wohnort meines Forscherpartners Philip Lehman. Als Vorsitzender der Dominican Republic Speleological Society hat er einen gewissen Ruf. Die Leute sprechen ihn sofort an, wenn sie etwas über eine mögliche neue Höhle hören.

Die Leute geben Patrick Tipps

Hast du so von der Höhle Nascimento del Río Sonador erfahren?
Ganz genau so war es. Es war ein Hinweis von einem Anwohner. Die nächste Stadt ist Puerto Plata. Von da aus fährst du etwa 30 Minuten in Richtung Süden und wanderst dann 40 Minuten in den Dschungel. Wenn wir tauchen gehen, haben wir Pferde, die unsere Ausrüstung transportieren.

Wie schaut der Höhleneingang aus?
Die Höhle hat zwei Senkgruben - eine Senkgrube ist eine Passage einer trockenen Höhle, die mit Wasser gefüllt ist. Nach einem ersten kurzen Tauchgang kommst du in eine trockene Luftkammer. Dann nimmst du deine Flossen ab und gehst durch den hüfthohen Fluss. Er ist nur 20 Meter lang, aber man braucht 15 Minuten, bis man sich mit einem 45 Kilogramm schweren Lufttank auf dem Rücken ans andere Ende durchschlägt. Es ist ein richtiger Fluss mit starker Strömung.

Er erreichte 100 Meter, bevor er zurück musste

Patrick Widmann erkundet die tiefste Höhle in der Dominikanischen Republik im September diesen Jahres
Ins Ungewisse © Phillip Lehman

Wie schaut der Tauchvorgang aus?
Philip taucht als Erster ab und legt die Leine oder das Seil. Ich tauche hinterher und checke Leine. Ich notiere mir die Tiefe, die Distanz und die Kompassrichtungen zwischen allen Knotenpunkten. Außerdem verteilen wir sogenannte Notfalltanks: Sollte irgendetwas schief gehen, sind diese Tanks mit Luft gefüllt, die ich atmen kann, um sicher aufzutauchen.

Wo liegt die Gefahr?
Auf diesen Höhlentauchgängen war ich für lange Zeit in großer Tiefe. Wenn ich aus dieser Tiefe direkt an die Oberfläche schießen würde, würde ich das nicht überleben. Es ist, als würdest du eine Colaflasche nehmen und sie schütteln. Wenn ich zu schnell aufsteige, bilden sich Stickstoff- oder Heliumbläschen in meinem Blut und ich bekomme die Taucherkrankheit. Diese Bläschen könnten in mein Gehirn oder meine Wirbelsäule gelangen, was extrem gefährlich ist. Stattdessen musst du langsam aufsteigen, genauso wie du die Colaflasche aufmachen würdest. Die Zeit, während der man warten muss, bis sich der Stickstoff oder das Helium gelöst hat, nennt man Dekompression. Dir wird unglaublich langweilig. Du bist auf einer Höhe gefangen und musst dort ausharren.

Die Höhle ist die tiefste der Dominikanischen Republik

Wie schaut denn diese Rekordhöhle aus?
Sie ist wie eine Schlucht, in der du den Boden oft nicht sehen kannst. Du bist eingequetscht zwischen zwei Wänden aus Stein. Ich hatte schon Momente in anderen Höhlen, in denen ich mir vorstellte, dass andere Leute schweißgebadet aufwachen würden, wenn sie in meiner Situation wären. Doch ich habe immer das größte Grinsen im Gesicht.

Was hast du am Ende deines Tauchgangs gesehen?
An einer Stelle fällt die Decke plötzlich ab. Ich merke also, dass ich nur gerade nach unten tauchen kann. Ich bin in einem kleinen Tunnel, ungefähr so breit wie ein Auto. Dann werde ich plötzlich in diesen riesigen Raum gespuckt. Der Boden ist wieder weg. Ich tauche durch einen riesigen Spalt. Unter mir ist nichts, alles schwarz. Ich hätte mich horizontal durch die Höhle bewegen können, um zu sehen, wie breit sie ist. Doch stattdessen entschloss ich mich, abzutauchen, um herauszufinden, wie tief der Spalt ist. Als ich schließlich den Grund erreichte, sah ich, dass es nur der obere Teil eines wunderschönen Hanges war. Das Gefühl in diesem Moment ist ähnlich wie das eines Bergsteigers, wenn er am Gipfel steht und das Panorama bewundert.

Er wird wieder kommen - und tiefer tauchen

Patrick Widmann erkundet die tiefste Höhle in der Dominikanischen Republik im September diesen Jahres
Die tiefste Höhle in der Dominikanischen Republik © Phillip Lehman

Wie fühlt es sich an, in den Abgrund zu tauchen?
Ich tauchte auf 85 Meter, kein Boden in Sicht. Dann 95 Meter. Ich halte mich in der sogenannten Freiflugposition. Das sieht aus wie beim Skydiven - Arme ausgestreckt, Schultern zurückgerollt, Knie gebeugt. Nur sinke ich viel langsamer. 

Was passierte als nächstes?
In diesem Moment, als ich glaubte, den Grund erkennen zu können, schrie ich vor Freude und Aufregung. Ich schreie meistens, wenn ich vom Adrenalin und der Freude überwältigt werde. Da kann ich mich nicht mehr beherrschen.

Die genaue Tiefe ist noch nicht bekannt

 

 

Wann war dir klar, dass diese Höhle Rekordtiefe hat?
Als ich die 100 Meter erreichte - das war der neue Rekord.

Das ist eine ziemlich gerade Zahl...
Ich durfte nicht tiefer tauchen, weil ich sonst meine Notfallluft nicht mehr benutzen hätte können. Deshalb musste ich stoppen.

Der Ort ist geheim - und so abgelegen, dass Pferde die Ausrüstung dorthin transportierten

Ein Esel trug Ausrüstung zur Höhle
Auch ein Esel brachte Ausrüstung zur Höhle © Phillip Lehman

Du willst also sagen, dass egal wer dorthin taucht einen neuen Rekord aufstellen wird?
Da liegst du falsch. Nicht egal wer - ICH werde den neuen Rekord aufstellen.

Du hast geplant, im März 2016 zurückzukehren. Warum nicht eher?
Ich hätte noch bis Ende Oktober tauchen gehen können, aber dann wäre ich erfroren!

Der neue Rekord wird nicht aufgestellt, wenn irgendjemand wieder abtaucht - sondern wenn ich wieder komme.

– Patrick Widmann

Patrick Widmann erkundet die tiefste Höhle in der Dominikanischen Republik im September diesen Jahres
Erkundungstour in die tiefste Höhle der Dom. Rep. © Phillip Lehman

Machst du dir sorgen, dass jemand vor dir da sein wird?
Keiner weiß, wo die Höhle ist. Du müsstest wissen, wo du den Bauern findest, dem das Land gehört. Noch dazu gibt es nicht viele Menschen, die tiefer als 100 Meter in einer Höhle tauchen.

Welchen Rekord willst du mit dieser Höhle als nächstes brechen?
Das weiß momentan nur Gott. Sie könnte 200 Meter tief sein. Vielleicht ist sie die tiefste Höhle der Welt. Für einen Höhlentaucher ist die schlimmste Zeit die Zwischenzeit. Du kannst dir nicht vorstellen, wie weh das tut.

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