Der Mann, der 17.000 Kilometer rannte...

Jamie Ramsay hatte genug von seinem fensterlosen Büro. Also ging er laufen – und blieb lange weg.
Jamie Ramsay mit seinem Kumpel, dem Stroller © Jamie Ramsay
Von Will Gray

Eineinhalb Jahre lang ist Jamie Ramsay von Vancouver nach Buenos Aires gelaufen, um Geld zu sammeln für „CALM, Macmillan and WaterAid“. Dabei hat er durchschnittlich 45,1 Kilometer pro Tag zurückgelegt – mehr als einen Marathon! Zu Ende war seine 367-tägige Lauf-Challenge am 11. Jänner. Und nach seiner Landung am Flughafen Heathrow ist er – als krönender Abschluss – noch von dort ins Zentrum von London gelaufen.

Jamie Ramsay träumte am Schreibtisch von Abenteuern

Jamie Ramsay gönnt sich eine wohlverdiente Pause © Jamie Ramsay

Wie bist du auf diese Idee gekommen?
Ich arbeitete in einem fensterlosen Büro und träumte von großen Abenteuern. Das einzige, was mich daran hinderte, war ich selbst. Also entschied ich mich es zu wagen.

Und warum von Vancouver nach Buenos Aires?
Um ehrlich zu sein, weil es dort nett ist. Gutes Wetter, nur zwei Sprachen und ich brauchte keine Visas.

Gesagt, getan: Von Vancouver nach Buenos Aires

Morgens an der Straße. Ohne Bart © Jamie Ramsay

Was hast du vor diesem Trip alles gemacht?
Ich habe bei Onroad und Offroad-Marathons mitgemacht, bei Open-Water-Swims und bin 240 Kilometer solo durch Vietnam gelaufen. Also genug, um zu wissen, dass Fitness wichtig ist, aber dass es letztlich der Kopf ist, der alles bestimmt.

Flott unterwegs – obwohl er alles, was brauchte, vor sich herschieben musste

Vor einer Jugendherberge in Leon, Nicaragua © Jamie Ramsay

Du warst schneller als geplant. Warum das?
Ich habe in Panama zu trinken aufgehört. Dadurch kam ich morgens leichter aus dem Bett und erholte mich besser. Außerdem musste ich zu Silvester in Buenos Aires sein, um meine Freundin zu treffen. Ich packte sechs Monate lang täglich 42 Kilometer. Und war einen Tag zu früh am Ziel.

Ein Mann, der täglich 42 Kilometer rannte

Eine kleine Pause am Straßenrand © Jamie Ramsay

Wie weit waren deine größten Strecken und wie hast du das geschafft?
An manchen Tagen bin ich bis zu 60 oder 70 Kilometer gelaufen. Und das, obwohl ich alles, was ich brauchte, vor mir herschieben musste. Vom Zelt über den Schlafsack bis zu Essen und Trinken. Aber Körper und Seele passen sich an das an, was du willst. So lange du dem System Kraftstoff und Pausen gönnst.

Auf all deinen Fotos ist ein Bär mit dabei. Was ist seine Geschichte?
Er ist in Baja, Mexiko, in einem Kaktus gesteckt. So hab ich ihn gefunden. Jetzt heißt er Carlos El Peluche.

Findest du Carlos, den Bären aus Mexiko?

Ruinen in der Wüste. Wo ist der Bär? © Jamie Ramsay

Warst du jemals einsam oder gelangweilt?
Gelangweilt? Niemals. Ich habe eine Menge Blogs und Musik gehört, habe mir neue Challenges ausgedacht und neue Blogs im Kopf entworfen. Einsamkeit war auch kein Problem. Ich habe jede Menge Leute getroffen, die mich unbedingt kennenlernen wollten.

Haben dir diese Leute auch geholfen?
Ja. Einmal hat mich jemand auf dem Boot von Baja zum mexikanischen Festland mitgenommen. Ein paar Mechaniker haben mir geholfen, meinen Stroller zu reparieren. Und auf meinem Blog hat jemand von meinen Knieproblemen gelesen und mir Mails mit Tipps geschickt.

Spektakuläre Landschaften säumten die Route

Die Sanddünen waren schön, aber auch schwierig © Jamie Ramsay

Wer war die verrückteste Person die du getroffen hast?
In Peru traf ich einen Burschen aus England, der dachte, er könnte Steine in Gold verwandeln. Er konnte es nicht.

Was waren die vier spektakulärsten Orte an denen du warst?
Die Atacama-Wüste, die Anden zwischen Argentinien und Chile, das Darien-Hindernis in Panama und ganz Baja Kalifornien.

Straßen zum Fürchten

Ein entlegener Fleck, die Atacama-Wüste © Jamie Ramsay

Wo war es am schwierigsten?
Auf der Ruta 34 in Argentinien. Da gab es keinen befestigten Straßenrand aber viele schnelle Lastautos. Das war zum Fürchten. Aber auch die Hitze der Atacama-Wüste oder die Überquerung eines 4.800 Meter hohen Passes waren nicht ohne.

Dem Gelände fielen 17 Paar Turnschuhe zum Opfer

Hohe Bergpässe für anspruchsvolle Läufe © Jamie Ramsay

Gab es Momente in denen du dachtest: Ich schaffe es nicht?
Nein. Dann wäre ich gegangen, gehumpelt oder gekrochen, um das Ziel zu erreichen.

Du hast täglich 6.000 Kalorien verbraucht. Wie sah dein Speiseplan aus?
Morgens Haferbrei und abends Pasta mit Thunfisch. Und sonst habe ich alles gegessen, was ich in die Finger bekommen habe. Hauptsache es enthielt Zucker.

Haferbrei und Thunfisch-Pasta waren sein Kraftstoff

Zu essen und trinken gab es alles, was er fand © Jamie Ramsay

Du hast 17 Mal die Schuhe gewechselt. Wie erledigt waren sie?
Meistens hatte sich der Gummi von der Sohle verabschiedet. Mit jedem neuen Paar Schuhe fühlte ich mich dann als hätte ich neue Beine.

Viele Landschaften zogen an Jamie vorbei

Die niemals endende Straße © Jamie Ramsay

Wie hast du deine Übernachtungen geplant?
Ich habe meistens einfach da geschlafen, wo ich zu laufen aufgehört habe. In einem Umkreis von 45 bis 60 Kilometern schaute ich mich aber auch nach günstigen Jugendherbergen oder Zeltplätzen um. Ich habe auf einsamen Stränden genauso geschlafen wie in Industriegebieten, auf Park & Ride-Plätzen und sogar in einem Nachtclub.

Vor Lokalen war Jamie mit seinem Zelt willkommen © Jamie Ramsay

Und worauf bist du am meisten stolz?
Dass ich fast exakt an dem Tag in Buenos Aires angekommen bin, den ich mir vorgenommen habe, als ich noch an der nördlichen Küste von Columbia gestanden bin.

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