Street Art: Gespräch mit dem Zürcher Künstler «EL»

Warum er den Ausdruck «Street Art» meidet und was er mit den Simpsons am Hut hat.
© EL Chriso
Von Fabian Baumann

Was bedeutet Street Art für dich?

Ich versuche, die Bezeichnung «Street Art» zu meiden. Die Definition von Kunst liegt immer im Auge des Betrachters. Hinzu kommt, dass unsere Kunstform oft nicht ankommt oder nicht als solche akzeptiert wird.
Für mich bedeutet Street Art sehr viel. Sie begleitet mich seit über 15 Jahren und ist ein fester Bestandteil meines Lebens. Ich habe immer Kleber dabei und halte stets Ausschau nach anderen. Ich mach das aber in erster Linie für mich, weil ich Freude daran habe, die Stadt in Farbe und nicht in Schwarzweiss zu sehen.
 

© EL Chriso

Wie bist du dazu gekommen, Sticker zu machen?

Als Lehrling habe ich viele Styles und Sketches mit mässigem Talent auf alle möglichen Unterlagen und Papierfetzen gezeichnet. Bis ich per Zufall auf ein Selbstklebeetikett für CDs gestossen bin. Das habe ich bemalt und im Quartier an einen Pfosten geklebt. Noch am selben Tag bin ich in eine Papeterie und habe mir Etiketten gekauft. Seit dem wird alles, was klebt, bemalt und das Ergebnis in der Stadt verteilt.

© EL Chriso

Was steckt hinter dem Namen «EL»?

«EL» ist die Kurzform von «EL Chriso». Der Buchstabe E hat mir von Anfang an gut gefallen. Er hat eine gewisse Symmetrie, die ich gerne nutze. Und wer die Simpsons kennt, der kennt EL Barto. Et voilà, den Rest könnt Ihr Euch selber zusammenwürfeln.

© EL Chriso

Woher holst du Inspiration für deine Arbeit?

Ich denke, die Frage sollte man anders stellen. Was inspiriert mich nicht? Meine Inspiration ist die Stadt. Sei es eine Farbkombination, ein Schriftzug oder einfach nur ein Geräusch. Am liebsten habe ich, wenn mich ein Ort inspiriert und ich dort bereits einen Kleber sehe, den ich dann im Nachhinein zu Hause bastle und an genau der Stelle platziere.

© EL Chriso

Hat sich die Street Art in den 15 Jahren, in denen du in Zürich aktiv bist, verändert?

Es hat sich einiges geändert. Zu Anfangszeiten hatte es nur drei oder vier Leute in Zürich, die sich mit Stickern beschäftigten. Ich hatte Zeit, um Zehntausende Stickers von Hand zu machen. Jeder einzelne wurde beachtet, da die Stadt noch leer und stickerlos war. Heute sieht man Stickers von Fussballklubs, Werbeaufkleber und politische Wahlkampfsticker an jeder nur erdenklichen Ecke in der Stadt. Für die Künstler hat das so weit Folgen, als dass der einzelne Kleber nicht mehr auffällt und somit eine Verlagerung von Qualität zu Quantität stattgefunden hat. Wer auffallen will, muss mehr machen als früher und an die Orte gelangen, wo sich niemand die Mühe macht, hinzukommen.

© EL Chriso
© EL Chriso

Hast du selbst einen Lieblingsartist?

Hier jemanden beim Namen zu nennen, ist schwierig. Es gibt viele. Aber wenn ich einen Namen nennen soll, dann «TIKA». Sie war eine der Ersten in Zürich und ich habe ihre Kleber von Anfang an geliebt. Nun ist sie aber mehr in Galerien als auf der Strasse präsent. Was aber nichts daran ändert, dass sie eine der Besten ist, die ich kennenlernen durfte. Danke «TIKA». Aber ich muss hier auch «27» (Zosiba), «ÄTR» und «Yeah» erwähnen, denn Sie motivieren mich jeden Tag aufs Neue. Und dann natürlich noch «robi the dog». Ohne ihn würde mir Inspiration fehlen und ohne ihn wird mir leider in Zukunft auch Inspiration fehlen. RIP!

© EL Chriso

Der beste Street-Art-Spot in Zürich ist…?

Jede leere Fläche, die nicht bereits für Werbung missbraucht wurde. Dort, wo ein Kleber nicht untergeht, sondern rausspringt. Und dort wo er, in meinen Augen, nicht stört.

© EL Chriso

Fabian Baumann entdeckt jeden Monat Street Art in Zürich. Ob Ätr oder Yeah – er findet die Kunst und die Künstler und zeigt Zürich als das grösste Freiluftmuseum der Schweiz. Hier kannst du weiterstöbern.

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