Streetart: Schweizer verschönern Tschernobyl

Für die Kunst nahmen fünf Typen auch Radioaktivität in Kauf. Das Resultat? Grossartig!
Von Thierry Kuhn

Der umtriebige Bündner Streetart-Künstler Fabian Florin, alias Bane, hat sich einem ungewöhnlichen Projekt gewidmet: Mit seinem Partner, dem zypriotisch-isländischen Künstler Pest, konnte er im Oktober nach Tschernobyl reisen, um mehrere Bilder zu realisieren – mitten in der Sperrzone. Ihre Arbeit kann sich mehr als nur sehen lassen! Jetzt erscheint die eindrückliche Dokumentation «Recover – Streetart in Chernobyl».

Aber warum ausgerechnet der verlassene, radioaktiv-verseuchte Ort? «Nach etlichen Auslandreisen haben wir uns dazu bewogen, unsere Arbeit etwas sozialkritischer anzugehen. Wir haben das Thema Postapokalypse verfolgt – und wollten unser eigenes Abenteuer gestalten. Dann kamen wir auf Tschernobyl, haben uns mit dem Ort auseinandergesetzt – und dann haben wir es einfach gemacht», so Bane im Interview.

Tschernobyl
Tschernobyl

Doch eine Reise dieser Art wird nicht über Nacht organisiert. Die Vorbereitungsphase sei entsprechend aufwändig gewesen, hauptsächlich wegen der Erlaubnis. «Das Problem ist, dass man nicht an die Regierung rankommt. Man findet nur wenig im Internet und kommt nur schwer in Kontakt. Also musste ich bei den nächstmöglichen Kreisen andocken und sie überzeugen. Ziemlich speziell alles. Dennoch konnte ich einen Mann überzeugen, der schliesslich geschaut hat, dass wir die Erlaubnis erhalten. Dieser ganze Prozess dauerte etwa ein halbes Jahr», so Bane weiter.

Tschernobyl
Tschernobyl

Angemerkt sei: Der Aufenthalt in Tschernobyl ist sicherheitstechnisch nach wie vor ein Risiko und zeitlich begrenzt. Nach fünf Tagen musste die Crew die Zone wieder verlassen – und jeden Abend auf Radioaktivität kontrolliert werden. Die Sperrzone, die etwa so gross ist wie Luxemburg, ist in drei Checkpoints unterteilt und gespickt mit radioaktiven Hotspots. «Bevor alles beginnt, füllst du eine Verzichtserklärung aus. Wenn dir etwas passiert, bist du selber schuld. Aber wenn man die Regeln einhält, ist man nur einer minimalen Dosis ausgesetzt», erzählt Thomas Brunner von Pixel Love, der als Filmer ebenfalls mit an Bord war.

Tschernobyl
Tschernobyl

«So etwas wie Tschernobyl erlebst du nur einmal im Leben und das ist recht schnell spürbar geworden. Es ist frei von jeglichem Umwelt- und Verkehrslärm im Umkreis von rund 50 Kilometer. Es ist schon etwas besonderes, wenn man die totale Stille erlebt und seine eigene Atmung hören kann», erzählt Bane.

Tschernobyl
Tschernobyl

«Ziemlich eindrücklich war es auch zu sehen, wie sich die Natur ihren Weg durch Gebäude und Hallen zurück bahnt. Es wachsen Bäume durch den Boden, eine Stadt mitten im Wald sozusagen. Das Thema des Films ist ja auch «Recover». Die Katastrophe ist passiert, aber die Natur übernimmt wieder. Und auch die Tierwelt kommt langsam wieder zurück», sagt Thomas.

Die Tierwelt kommt langsam wieder zurück
Die Tierwelt kommt langsam wieder zurück

Und so finden die gewählten Sujets auch ihren Ursprung: Bane und Pest haben ihre insgesamt drei Bilder mit Tieren bemalt. Zwei Bären, ein Wolf und ein Reh. Allesamt Tiere, die nach der Katastrophe zurückgekehrt sind.

Tschernobyl
Tschernobyl

«Am Anfang hiess es, dass wir lediglich am Stadtrand malen dürften. Aber ich glaube, erst als wir dort angekommen sind, haben die Leute realisiert, dass wir es ernst meinten. Nach etwa zwei Tagen hatten wir ein recht lockeres Verhältnis mit unserem Begleiter, also drückte er uns ein Funkgerät und einen Geigenzähler in die Hand und meinte, wir könnten malen, wo wir möchten. Wir hatten freie Hand, also sicherten wir uns natürlich gleich die bekannten Hotspots», erzählt Bane weiter.

Schweizer Künstler in Tschernobyl
Schweizer Künstler in Tschernobyl

«So zum Beispiel das Riesenrad. Das war denn auch ein spezieller Moment: Wir waren angekommen, alles war mucksmäuschenstill – und das ikonische Riesenrad stand einfach da, ziemlich imposant.», so Thomas.

Riesenrad
Riesenrad

Und weiter: «In Tschernobyl sind Graffitis eigentlich verpönt – so wie in vielen anderen Städten auch, gerade wegen den vielen illegalen Tags. Wir wurden von den Einheimischen aber schnell akzeptiert, weil unsere Bilder in die Natur integriert wurden – und wir nichts verwüsten wollten».

Tschernobyl
Tschernobyl

«Für uns ist das finale Produkt nicht, was wir dort gemalt haben – sondern die Reise und die ganze Story, die während diesen acht Tagen entstanden ist», meint Bane.

Tschernobyl
Tschernobyl

Der Bündner fügt an: «Die Welt ist unsere Galerie. Eine grosse Motivation an dem, was wir tun, ist, dass wir reisen können und sich unsere Kunst dadurch verbreitet. Der Job dauert zwar sieben Tage die Woche – und ist finanziell nicht ganz einfach zu bewältigen. Aber das Wichtigste ist für mich, dass immer etwas läuft und nie zum Stillstand kommt».

INFO:
Die Premiere der Doku wird am 16. März im Churer Kino „Apollo“ gezeigt und ist gratis. Ausserdem findet am 17. und 18. März in Zürich Seebach der «Tschernobyl-Jam» statt, bei dem nationale und internationale Künstler eingeladen werden. Es werden Wände zur Verfügung gestellt, die besprayt werden können. Danach wird die Doku auf ARTE Creative ausgestrahlt.

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