Dieses Adventure versetzt euch zurück in 80er

Grobe Pixel, schräge Typen und ein großes Geheimnis.
Die beiden Helden Angela Ray und Antonio Reyes
Die beiden Helden Angela Ray und Antonio Reyes
Von Michael Förtsch

Die Eröffnungsszene aus Thimbleweed Park lässt bei Serienfans sicher Erinnerungen an die Pilotfolge von David Lynchs TV-Klassiker Twin Peaks aufkommen. Nämlich den Moment, in dem die junge Laura Palmer, eingewickelt in eine Plastikplane, an einem Flussufer gefunden wird. Sie ist tot aber schaut aus wie ein Engel. Das Mordopfer in Thimbleweed Park hingegen ist blau angelaufen und liegt, eher wenig graziös, mit dem Gesicht im Schlamm eines knöcheltiefen Bachs. Hinter ihm die beiden FBI-Agenten Angela Ray und Antonio Reyes. Die Kulisse zeigt sich dabei in einer unheimlich charmanten Pixel-Grafik. Retro-Adventure wie Monkey Island, Zak McKracken aber allem voran Maniac Mansion kommen einem in den Sinn. Nicht von ungefähr! Denn hinter Thimbleweed Park steht Ron Gilbert, der Entwickler, der all diese Klassiker erschaffen hat.

Ron Gilbert

 Ganz wie früher

„Wir wollten wieder ein Spiel machen, dass die Herausforderungen, den Spaß und die Unschuld mitbringt, die die Leute bei den Adventures der 80er und frühen 90er so liebten“, sagt Ron Gilbert. „Eben ein Spiel, wie wir es damals hätten entwickeln können.“ Auf der Crowdfunding-Plattform Kickstarter hatte er daher, gemeinsam mit dem Videospiel-Komponisten Gary Winnick, am 18. November 2014 eine Kampagne gestartet. Er bat seine langjährigen Fans um insgesamt 375.000 US-Dollar als Anschubfinanzierung, um damit einen spirituellen Nachfolger zu Maniac Mansion zu entwickeln. Eben Thimbleweed Park. Die fast 400.000 US-Dollar waren nach nur sechs Tagen zusammengekommen. Aber letztlich wurden es gar über 600.000 US-Dollar.

Das Adventure ist von Mystery-TV-Serien inspiriert
Das Adventure ist von Mystery-TV-Serien inspiriert

 „Dafür sollen die Leute auch etwas bekommen“, verspricht Ron Gilbert. „Wir möchten, dass es so wirkt, als hätte hier einer ein vergessenes Spiel aus dieser Zeit gefunden. Irgendwo in einer Schublade vielleicht, in die nie jemand reingeschaut hat.“ Tatsächlich wird Thimbleweed Park ein Abenteuer-Game ganz alter Schule. Am Boden des Bildschirms prangt ein dicker Steuerbalken mit Worten wie Öffnen, Drücken und Sprechen. Daneben ein großes Inventar mit allen Gegenständen, die mit der Umgebung benutzt werden können. Je nach Spieleplattform wird mit der Maus, dem Controller oder dem Finger ein Zeiger über den Schirm gescheucht, um Rätsel zu lösen, die einen einiges an Denkarbeit abverlangen.

Zurück in die 80er

Die Leiche im Fluss ist nur der Anfang einer schrägen Story, die einen, ähnlich dem Netflix-Hit Stranger Things, nicht nur optisch einige Dekaden in der Zeit zurückwirft. „Das Game selbst spielt im Jahre 1987“, erklärt Ron Gilbert. „Du bist im Ort Thimbleweed Park. Vor 30 Jahren oder so, war das eine florierende Stadt. Jetzt leben dort nur noch ein paar Spinner.“ Einige davon wird der Spieler besonders gut kennen lernen. Denn abseits der beiden FBI-Agenten übernimmt er nach und nach die Kontrolle über verschiedene Charaktere. Das wären Dolores, die junge Erbin des Kopfkissen-Magnaten Edmund; der Clown Randsome, der dank eines Fluches seine Schminke nicht mehr abbekommt und letztlich noch Franklin, „der aufwacht und feststellt, dass er tot ist … oder, naja, irgendwie ein Geist … jedenfalls: nicht mehr lebendig.“

Unabhängig von einander werden die pixeligen Heroen durch Kulissen wie die verwaiste Hauptstraße, ein Edelhotel, eine Villa, einen Friedhof und einen Rummelplatz geführt. Dabei trifft der Spieler auf Klemperinnen in Taubenkostümen, Teilnehmer eines Science-Fiction-Treffens, einen abgedrehten Überlebenskünstler und einen obskuren Sheriff. Mit denen werden klassische Multiple-Choise-Dialoge geführt, die gerne mal ins Absurde abdriften. Schnell, so Ron Gilbert, würde man erkennen, das „mit der Stadt etwas ganz und gar nicht stimmt“. Einige Bewohner berichten von „seltsamen Signalen“, es findet sich eine Höhle mit Opferaltar und offenbar werden alle von einer unbekannten Macht überwacht. „Es ist eine Mystery-Geschichte“, verrät der Entwickler. Ganz ähnlich Twin Peaks „gibt ein Geheimnis tief inmitten der Wälder.“

Thimbleweed Park
Thimbleweed Park

Retro aber nicht veraltet

Auch wenn Thimbleweed Park retro ist, ist es alles andere als altbacken. Wie moderne TV-Serien wird der Spieler wichtige Szenen aus der Vergangenheit der Charaktere als spielbare Flashbacks erleben. Beispielsweise wird er sehen, wie es dazu kam, dass der arrogante Clown Randsome verhext wurde. Ebenso würden die Rätsel knackig, schräg aber stets auch lösbar ausfallen. Dafür soll dem Spieler unbemerkt unter die Arme gegriffen werden. So werden in Dialogen Hinweise versteckt, die einen darauf bringen, einen Losbudenbetreiber nach seinen Kindern zu befragen. Denn dadurch kommt man an die Kombination für einen Tresor. „Wir haben aus der Vergangenheit gelernt“, mein Gilbert. „Wir wollen niemanden mehr frustrieren, als es sein muss.“

Aber nicht zuletzt soll Thimbleweed Park trotz Pixel-Look die Möglichkeiten und die Rechenkraft moderner PCs, Konsolen und Tablet-Geräte nutzen. „Auf den ersten Blick wirkt es wie ein einfaches Retro-Abenteuer“, führt Gilbert an. „Aber es ist weit mehr.“ Denn die Spieler würden Games wie Maniac Mansion oder Monkey Island stets durch eine verklärende Nostalgie-Brille betrachten. Sie hätten sie schlicht deutlich hübscher und dynamischer in Erinnerung als sie es wirklich waren. Ganz subtil aber durchaus sichtbar sollen daher zeitgemäße Grafikeffekte das Wirklichkeit werden lassen, was sich die Spieler sonst im Kopf hinzu fantasieren.

Die Grafik des ist retro aber modern
Die Grafik des ist retro aber modern

„Es wäre auch Unsinn 20 Jahre an technischen Errungenschaften zu ignorieren“, sagt Gilbert. Daher wiegen sich am Wegesrand einzelne Grashalme im Wind, Wasser plätschert in einen Abfluss und Laub wirbelt über die Pixelstraßen. An einem Fluss schwirren Glühwürmchen umher, Vögel tanzen am Himmel und lenkt der Spieler die 2D-Helden durch die Kulissen, werden sie von Straßenlampen angestrahlt oder von Schatten verdunkelt. „Wir glauben gerne, dass das schon vor 25 Jahren so war. Aber das stimmt eben nicht“, erklärt der Entwicklerveteran. „Wir möchten, dass Thimbleweed Park so wird, wie du dich an die alten Games erinnerst und nicht so, wie sie wirklich waren.“

Thimbleweed Park soll im Januar 2017 für PC, Mac, Xbox One, Androidd- und iOS-Geräte erscheinen.

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