Tech Talk: WRC im Dunkeln

Bei den seltenen Nachtetappen der Rallye-Weltmeisterschaft grenzt das Können der Crews an Zauberei.
 		 WRC Griechenland 2013 Volkswagen Polo R WRC Andreas Mikkelsen Nachtetappe
Andreas Mikkelsen nachts in Griechenland © McKlein Image Database
Von Carl McKellar

Für Rallye-Fans gibt es kaum etwas Besseres, das ihnen die Haare zu Berge stehen lässt, als das nahende Röhren und die suchenden Scheinwerfer eines Rallye-Autos auf einer Nachtetappe.

Doch für die Crews auf der Rallye-Weltmeisterschaft eröffnen Nachtetappen – wie die Kineta-Prüfung letzte Woche bei der Rallye-Akropolis – eine ganz neue technische Dimension.

Es klingt vielleicht verrückt, doch selbst bei Lichtmangel fahren die berühmten Fahrer Zeiten, die denen bei Sonnenlicht sehr nah kommen. Wie schaffen sie das nur?

Pace Notes
Diese Aufzeichnungen werden in der Woche bei den Recce-Fahrten am helllichten Tag gemacht, doch mit einer weiteren Testfahrt der Strecke im Dunkeln stellen die Fahrer sicher, dass die Aufzeichnungen auch nach Sonnenuntergang hilfreich sind. Der Co-Pilot von Sébastien Ogier, dem Führenden der WRC, erklärt redbull.com: „Für die Nacht müssen die Aufzeichnungen super genau sein, und manchmal bauen wir auch Bezugspunkte ein, wie einen Mast oder ein Verkehrsschild, dessen Reflektion den Fahrer etwas leitet – manchmal ist es sogar ein besonderer Baum, den man nur nachts bemerkt. Es ist sehr wichtig, dass im Aufschrieb keine überflüssigen Anmerkungen stehen, denn die können falsch gelesen werden oder dazu führen, dass man eine Kurve verpasst.“

WRC Griechenland 2013 Pace Notes
Nachts müssen die Pace Notes absolut exakt sein © McKlein Image Database

Jarmo Lehtinen, der neben dem Citroen-As Mikko Hirvonen sitzt, fügt hinzu: „Natürlich sieht die Landschaft nachts anders aus, aber du lieferst die Aufzeichnungen in der gleichen Zeit ab. Vielleicht fügst du noch ein paar Berggipfel ein, falls es nebelig oder staubig ist, denn dann kann es nachts wirklich schwierig werden.“

Auto-Innenbeleuchtung
Die Autos verfügen über zwei LED-„Kartenlichter“, direkt über der Schulter des Co-Piloten. Sie werfen einen Lichtstrahl auf die Aufzeichnungen in seinem oder ihrem Schoß. Die Lampen sehen aus wie ein Paar Tentakeln, und sind biegsam, sodass sie auch nach einer harten Landung wieder leicht in Position gerückt werden können.

Massive Scheinwerfer
Die Zusatzscheinwerfer, die von den Teams vor ihrer nächtlichen Fahrt oben an der Front des Wagens befestigt werden, sind extrem leistungsfähig. Sie bestehen aus sechs hochintensiven Entladungslampen. Vier sind mittig platziert, und je eine an den Seiten. Jede Lampe verfügt über eine 100 Watt Glühbirne – doppelt so viel Leistung wie bei einem normalen Fahrzeug. Die Fahrscheinwerfer (zentrale Lampe) beleuchten die Straße unmittelbar vor dem Wagen, während die Nebelscheinwerfer (an den Seiten) einen weiteren Winkel der Straße erhellen.

WRC Rallye Schweden Juho Hanninen
Rallye Schweden 2013: Juho Hanninens Scheinwerfer © McKlein Image Database

Jeder Scheinwerferhalter wiegt 7 Kilogramm, was das Gewicht des Wagens deutlich verlagert. Wie M-Sport Fahrer Richard Millener anmerkt: „Wir steuern dem mit Änderungen an der Aufhängung entgegen. Da die Scheinwerfer wie Ballast sind, versuchen wir, den restlichen Ballast im Auto anders zu verteilen. Auf jeden Fall verändern sich die Eigenschaften des Wagens, und der Fahrer muss sich darauf einstellen.“

Eine wichtige technische Einstellung gibt es zudem: „Man muss darauf achten, dass die Scheinwerfer im richtigen Winkel montiert sind. Nachts verliert man schneller Zeit als am Tage“, sagt der Sieger von Griechenland, Jari-Matti Latvala.

Schatten des Zweifels
Und schließlich: Nachts kann es leicht zu Sinnestäuschungen kommen. Killian Duffy, Co-Pilot des Punkteführenden in der WRC2-Klasse Abdulaziz Al Kuwari erklärt: „Wir fahren nach den WRC-Autos. Wenn wir losfahren, wurden also schon ein paar Felsen auf die Straße geschleudert. Wenn der Scheinwerferkegel auf die Felsen fällt, kann dies Schatten auf die Straße werfen, sodass es aussieht, als würde dort ein Hindernis oder eine Spurrinne sein.“

WRC Griechenland 2013 Nasser Al-Attiyah M-Sport Ford Nachtetappe
Lass dich nicht von den Lichtspielen verwirren © McKlein Image Database

„Was man auf keinen Fall will, ist Staub. Aber auch dafür gibt es Tricks. Zum Beispiel kann man sich an den reflektierenden Sicherheitswesten der Streckenposten orientieren, um den Straßenverlauf zu erkennen.“

Und natürlich sind einige Fahrer bei Nacht einfach mutiger als andere. Doch glaube nicht, dass es immer so einfach ist!

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