What’s on your mind, Clueso?

Der deutsche Liedermacher über beflügelnde Unabhängigkeit.
© Lukas Maeder
Von Adrian Schräder und Lukas Maeder

Das Handy klingelt. «Grüss dich, hallo, hier ist der Clüsn», sagt eine Stimme am anderen Ende der Leitung. Sie klingt herzlich und ungekünstelt, bald auch interessiert. Immer wieder stellt ihr Besitzer, Thomas Hübner alias Clueso, 36, Erfurter, Erfolgsmusiker, Neuanfänger, Rückfragen an den Journalisten. So entwickelt sich das, was eigentlich als klassisches Interview ausgelegt war, mehr zum ungezwungenen Gespräch. Dass dieses per Telefon geführt wird, steht dem Gesprächsfluss in keinem Augenblick im Weg.

Wie geht’s dir?

Gut. Wir spielen heute das dritte Konzert in Folge. Heute Abend sind wir in Basel. Ich versuche gerade, meine Stimme wiederzufinden. Aber ansonsten geht’s mir gut. Die Tour macht unglaublich Spass.

Denkt man da abseits der Bühne auch an die Musik oder eher an was anderes?

Nee, schon an Musik. Mein Kopf ist da eh immer voll drin. Gerade sortiere ich Songskizzen, die im Moment nur aus Gitarre und Duschenglisch bestehen.

Was ist «Duschenglisch»?

Dieses Kauderwelsch, was man beim Singen unter der Dusche pflegt. Ich singe oft Fantasietexte in Duschenglisch ein. Gerade hatte ich die Hoffnung, dass mir zu einem dieser Songs ein richtiger Text einfällt.

Bist du jemand, der konstant Output produziert?

Ja, das fliesst eigentlich die ganze Zeit. Das ist wie beim Fussball: Nach dem Spiel ist vor dem Spiel. Ich höre immer irgendwas, was mich inspiriert. Ich baue nebenbei auch immer Beats oder freestyle ein bisschen. An Ideen mangelt’s mir nie.

Dein aktuelles Album heisst «Neuanfang». Musstest du dich zwingen, eine Zäsur zu setzen?

Es gibt Situationen im Leben, die fühlen sich an, wie wenn man mit Mutti einkaufen geht. Man hat das Gefühl: Ich leg mich jetzt hier auf den Boden und bleib einfach liegen. Bei mir generiert sich fast alles aus dem Lust-und-Laune-Prinzip. Ich kann das nicht steuern. Das ist einfach so. Ich hatte das Bedürfnis, alle Beziehungen zu kappen, denen eine Abhängigkeit zugrunde liegt. Ich bin zu meiner Band und meinem beruflichen Umfeld hin und hab gesagt: «Wie sieht denn euer System, euer Plan ohne mich aus?» – Das ist etwas, was ich gerade an allen Seiten anstrebe.

Diesen Vogel hat uns Clueso geschickt.
Diesen Vogel hat uns Clueso geschickt. © Lukas Maeder

Wie vermeidet man dabei, gleich in neue Abhängigkeiten zu geraten?

Indem man vorab klärt, worauf man sich einlässt und was die Erwartungen sind. Ich frage jetzt bei neuen Kollaborateuren immer sehr genau nach, wo sie stehen und wo sie hinwollen.
Früher war es so, dass sich sehr viel um mein System gedreht hat. Heute sage ich: «Ey, checkt mal selber rum und ich komm dann schon.» Und wenn dann jemand keine Zeit und keine Lust hat, dann ist das völlig okay. Das macht es interessanter.

Dein Song «Achterbahn» ist eine Ode an die Planlosigkeit. Sehnt man sich als Künstler nicht gerade nach dem Gegenteil, nach Planung und Struktur?

Ich hab auch grosse Sehnsucht nach Struktur. In meinem Leben gibt es beides: Sehr strukturierte und sehr unstrukturierte Zeiten. Ich merke zuweilen, dass ich sehr gut loslassen und weit hinausschwimmen kann. Das ist fast schon gefährlich. Dann wünsch ich mir auch wieder Struktur. Lustigerweise bin ich am fittesten in Zeiten, in denen ich gezwungen bin, mich in ein Korsett zu begeben. Trotzdem ist da dann sofort wieder die Sehnsucht, was ganz Verrücktes zu machen.

Zum Beispiel?

Ich treffe irgendjemanden in der Stadt und merke, dass ich überhaupt keinen Bock auf den habe. Trotzdem sage ich dann: «Lass mal einen Kaffee trinken gehen!» Einfach, um mich selber aus der Reserve zu locken. Am Ende merke ich: geht ja. Ich probiere dann halt Dinge aus, entdecke Sachen.

Ist es nicht manchmal müssig, alles zu hinterfragen? Kennst du dich nicht inzwischen recht gut?

Doch, das ist schon so. Aber dieses Ausloten inspiriert mich halt trotzdem. Ich bin Künstler. Da ist man pausenlos auf der Suche nach etwas. Es gibt auch keine verschwendete Zeit. Ich lasse mich sogar von einer Fernsehserie beeinflussen. Egal, wie bescheuert die ist. Das kann nur eine Szene sein. Oder ein Song, der im Hintergrund läuft.

Manche würden sagen: «Lies doch ein Buch. Ist doch viel ergiebiger.»

Dann sag ich: «Nö, will ich nicht.» Ich denk den ganzen Tag nach, ich hab die ganze Zeit mit Kreativität zu tun, ich will auch mal berieselt werden. Das darf dann nicht zu niveauvoll sein. Und es inspiriert mich eben. Komplettes Nichtstun würde ich nicht aushalten. Da ticke ich als Typ einfach nicht so. Ich bin schon ein Macher.

Könntest du drei Wochen Strandurlaub machen?

Ja, das könnte ich wahrscheinlich schon. Vielleicht aber auch nicht. Irgendwann kommt der Punkt, an dem ich das dann nicht mehr aushalte. Der Punkt, an dem ich merke: Ich muss wieder was Erschaffen, um zu wissen, wer ich bin. Vielleicht ist die Musik auch eine Flucht. Aber ich flüchte da gerne hin.

Flüchtest du dich auch oft in den Reim?

Das ist keine Flucht, das ist ein Vehikel. Der Reim bringt mich sehr oft zum Song. Bei «Achterbahn» zum Beispiel. Im Prinzip ist es so, dass ich über Reimen spazieren gehe und am Ende hab ich einen Text und merke plötzlich, worum es in dem Lied überhaupt geht.

© Lukas Maeder

Der Reim als Krücke, als Hilfestellung?

Nee. Der Reim versperrt einem den Weg, eröffnet aber einen neuen. Und am Ende hat man etwas, was man nicht forciert hat. Etwas, das einem sagt, was einen beschäftigt.
Man will mit dem Verstand alles steuern. Der Reim macht einem da einen Strich durch die Rechnung.

Hast du einen aktuellen Lieblingsreim?

Ja: «Wenn ich meine Wohnung, mein Schmuckstück, mit Stuck schmück.» Find ich super. Aber ich wüsste nicht, wo ich den einbauen könnte.

Begeistern dich die aktuellen deutschen Rapkönige wie Gzuz, Kollegah, Shindy, Haftbefehl und Konsorten?

Weniger. Obwohl ich bei Kollegah schon auch mal schmunzeln muss. Zum Beispiel wenn er rappt: «Ich renn mit ’nem Dicken rum – wie Asterix.» Aber eigentlich ist das alles eine Wiederholung der Wiederholung. Sie sind gefangen im Klischee. Wörter wie «Hurensohn» sind doch heute nicht mehr provokant. Da finde ich so einen Typen wie Maeckes viel interessanter.

Welches war der wichtigste Ratschlag, den du von deinen Eltern mit auf den Weg bekommen hast?

Wenn ich jemanden nicht leiden konnte, hat meine Mutter gesagt: «Lass ihn laufen, der rennt sich von alleine tot.» Find ich ganz gut. Ich dachte immer, ich müsste in jeder Disziplin der Beste sein. Bin ich aber nicht. Da muss man sich dann auch mal sagen: Ist ok. Und viele von denen, die an mir vorbeigelaufen sind, haben sich tatsächlich totgerannt.

Ist es nicht gefährlich, wenn man Musik als Wettkampf begreift?

Musik ist doch Geschmackssache.
Es ist nicht Sport, aber man ärgert sich trotzdem, dass die Mehrheit oft auf einfache Tricks reinfällt. Viele Songs klingen wie eine Whatsapp-Gruppe von Leuten, die sich überlegen, was eine Gesellschaft Lustiges gebrauchen könnte. Das wurmt mich, weil es einige Leute da draussen gibt, die sich den Brustkorb aufreissen und ihre Seele präsentieren.

Weisst du noch, wann dich Musik zum ersten Mal richtig berührt hat?

Das fing ganz früh an. Mit einem Song von Tanita Tikaram namens «Twist In My Sobriety». Dazu bin ich als Kind immer auf einen super wackligen Hocker in der Küche gestiegen, um das Radio lauter zu drehen. Ich hätte den tausend Mal hören können. Ich glaube, ich war damals in der ersten oder zweiten Klasse.

Welches ist deine erste Erinnerung ans Musikmachen?

Ich war als Kind relativ verhaltensauffällig. Ich hab immer irgendwas gemacht. Wir haben Hörspiele aufgenommen, rumgelärmt, alles Mögliche. Einmal waren wir auf einem Country-Festival. Meine Eltern haben mich überall gesucht. Ich stand auf der Bühne, habe mir das Mikrofon geschnappt und gesagt: «Hallo, ich bin Thomas. Ich habe heute einen Song geschrieben und den möchte ich jetzt gerne singen.» Heute kann ich mir gar nicht mehr vorstellen, dass ich je sowas gemacht habe.

Welches war der glamouröseste Moment deiner bisherigen Karriere?

Das wäre schon «Cello» im Zusammenspiel mit Udo. Der hat so eine Gabe, bei «Wetten, dass..?» rumzulaufen und die Mutter aller Samstagabendsendungen komplett in seine Show zu verwandeln. Wenn er da am Drücker ist, dann spielt Zeit keine Rolle. Gottschalk sagte nur: «Schön, dass ihr da seid.»

Und der unglamouröseste Moment?

Da gibt es natürlich unendlich viele. Momente, die man künstlich überhöht, Momente, die man völlig falsch einschätzt. Manchmal kommen Leute und fragen, ob sie ein Foto haben können. Ich stelle mich dann ganz brav mit ihnen hin und posiere und merke dann, dass sie mich nur darum bitten wollten, ein Foto von ihnen zu machen. Das ist schon ziemlich peinlich.

© Lukas Maeder

Hast du einen Fetisch?

Eigentlich nicht. Ausser in den unmöglichsten Momenten Musik zu machen. Manchmal muss ich mir während dem Essen eine Serviette schnappen und irgendwas notieren.

Sonst nichts?

Hm. Doch: Espresso. Es muss schon richtig guter Kaffee sein für mich. Da bin ich schon ein ziemlicher Nerd.

Was war deine letzte musikalische Entdeckung?

Das neue Album von Michael Kiwanuka. Eine sehr schöne Platte, produziert von Danger Mouse. Von dem bin ich sowieso ein grosser Fan. Das hört man auch auf meinem neuen Album. Ich mag diese Vintage-Sounds, die dann aber doch nicht klingen wie damals. Und Danger Mouse hat das raus wie kein Zweiter: Er schafft es, verstaubte Sachen zu machen, die super modern sind.

Clueso tritt mit seinem aktuellen Album «Neuanfang» (Universal) am 12. Februar im Kaufleuten in Zürich auf.

read more about
Zur nächsten Story