Dieser Toggenburger arbeitet für den 2Pac-Clan

Der Schweizer Soundengineer Claudio Cueni ist seit 25 Jahren in L.A. hinter den Reglern tätig.
2Pac und Claudio Cueni
Claudio Cueni
Von Thierry Kuhn

Während Anfang der 90er Jahre die glorreichen Zeiten des Hip-Hop eingeläutet wurden, tummelte sich ein Schweizer mitten im Geschehen: Claudio Cueni. Der 47-jährige Toggenburger wohnt seit 1991 in Los Angeles und konnte als Soundengineer früh in der Musikindustrie Fuss fassen – lange bevor es zu einer Maschinerie avanciert ist.

Doch der Reihe nach: Die Reise startet in Wattwil im Kanton St. Gallen, wo Cueni im Alter von 18 Jahren der Schweizer Rockband China als Keyboard-Player angehörte. Die Band war insgesamt über ein Jahr lang in New York, um eine Platte aufzunehmen. Zurück in der Schweiz, wurde prompt ihr Plattenvertrag aufgelöst und Cueni wusste nicht mehr so genau, was er in der Schweiz verloren hatte.

«Ich hatte damals eine amerikanische Freundin, also ging ich mit ihr nach L.A. Sie war zwar über alle Berge, sobald wir angekommen sind – aber ich blieb trotzdem, da ich per Zufall einen Job in einem Studio bekommen habe. Hauptsächlich, weil mein Englisch so schlecht war und wir aneinander vorbei geredet haben – was sich für mich als Vorteil herausstellte», erzählt Cueni im Interview mit Redbull.com. «Sie suchten einen Engineer und ich hatte schon einige Sachen als Keyboarder gemacht, aber noch nie als Engineer. Ausser den Job hatte ich ja nichts zu verlieren, falls doch etwas auffliegen sollte.»

Claudio Cueni
Claudio Cueni

Knarren auf dem Mischpult

Aber Cueni hatte viel Glück: Er konnte relativ schnell Aufträge annehmen und mit grossen Namen arbeiten. Er war im Paramount Recording Studio tätig, wo zu jener Zeit viele Hip-Hop-Künstler ihre Demos aufgenommen haben. «Doch weil damals aus Angst niemand mit Rappern arbeiten wollte und ich sowieso der Neue war, kamen diese Aufträge zu mir – beispielsweise für den «Menace II Society»-Soundtrack. Als diese dann während den Sessions ihre Pistolen auf das Mischpult legten, dachte ich einfach, das sei normal in L.A.», so Cueni weiter.

Viele weitere kuriose Momente sollte noch folgen – sowie auch das erste grosse Projekt, an dem er arbeiten konnte: Gut die Hälfte des zweiten Albums von Boyz II Men hatte Claudio Cueni abgemischt. Das war 1994 – und seither hat sich das Werk fast 20 Millionen Mal verkauft. Mit Immature folgte anschliessend eine der ersten R&B-Boybands überhaupt, die er mehrere Jahre produziert und auf Tour mitbegleitet hatte.

Ein weiterer Meilenstein setzte Cueni 1997, als er begann, für 2Pac zu arbeiten – leider nur kurze Zeit nach dessen Tod. «Ich hatte die Chance, ihn ein paar mal kennen zu lernen, als er noch lebte. Viele Künstler von Death Row Records waren im Studio A und ich arbeitete gleich nebenan im Studio B.»


Und dann kam das 2Pac-Hologramm

Cueni lernte schliesslich QD3 kennen, den Sohn von Quincy Jones, der mittlerweile ein guter Kollege von ihm ist. QD3 hatte bereits viel für 2Pac produziert und ihm dessen Mutter, Afeni Shakur, vorgestellt. Ab diesem Zeitpunkt hat Cueni dann fast zwölf Jahre lang für das 2Pac-Estate gearbeitet. Er konnte auf diverse postume Alben von 2Pac mitwirken – ob als Engineer, Mixer oder Produzent –, wie etwa «Still I Rise» (1999), «Until the End of Time» (2001) und «Better Dayz» (2002).

Schnellvorlauf, wir schreiben das Jahr 2011. Claudio Cueni bekommt ein Telefon und wird für ein geheimes Projekt an Board geholt – es sollte sich als Mammut-Projekt herausstellen und die Konzertwelt verblüffen: Das 2Pac-Hologramm am Coachella-Festival 2012. «Weil ich für alles, was mit dem 2Pac-Estate zu tun hat, verantwortlich bin, kam ich auch zu diesem Auftrag. Das war eine grossartige Erfahrung – aber es steckte harte Arbeit dahinter», kommentiert Cueni das Coachella-Erlebnis.

Es sollte sich denn auch als geniale Bühnenshow herausstellen, die nicht ganz einfach zu bewerkstelligen war. «Normalerweise macht man bei einer Computeranimation den Audioteil zuerst. Hier war es jedoch umgekehrt: Der Audioteil musste an die Animation adaptiert werden – und das macht das ganze einiges schwieriger. Zum Beispiel hat 2Pac ja nie zuvor das Wort «Coachella» gesagt, also mussten wir alles Stück für Stück zusammenschneiden, was relativ kompliziert war und lange dauerte.»

Auch zwei Jahrzehnte nach der ersten Zusammenarbeit mit dem 2Pac-Estate ist Cueni nach wie vor in sämtliche Projekte involviert. «Ich habe alles, was 2Pac jemals aufgenommen hat, auch seine Interviews, auf Festplatte in einem Safe bei mir zu Hause aufbewahrt. Falls wir irgendetwas brauchen, wird es wie im jüngsten Fall für eine Gatorade-Werbung oder für den Soundtrack zu «Django Unchained» verwendet.» Beim im Juni erscheinenden 2Pac-Biopic «All Eyez On Me» konnte Cueni ebenfalls mitwirken.

Von Lenny Kravitz bis LeAnn Rimes: Die Liste der Namen wurde über die Jahre länger und länger – die Kontinuität mache es eben aus. «Ich bin schon sehr lange in L.A. und die Industrie hier ist so vernetzt. Da kennt man fast jeden über die Jahre, da immer wieder dieselben Leute anzutreffen sind. Wenn du deinen Job gut machst, folgen automatisch wieder Aufträge.»

Vor ein paar Jahren gründete Cueni mit seiner Freundin eine Management-Agentur. Auch wenn es finanziell nicht sehr lukrativ sei, biete es eine angenehme Abwechslung – und schliesslich hätten etliche talentierte Künstler die Unterstützung verdient. «Zum Glück verdiene ich mit dem Mixing genug, so dass noch Raum für anderes bleibt. Mein Eigenmarketing ist eher passiv, ich habe nicht einmal eine eigene Webseite – aber dafür jeden Tag Arbeit.»


«Bin ja nur Soundengineer»

Obwohl er seit 25 Jahren in der Branche tätig ist, wird sein Name in der Schweiz eher diskret gehandelt. «Ich bin ja nur Soundengineer. Der Künstler steht jeweils im Rampenlicht und wir arbeiten alle für ihn. Jeden Morgen, wenn ich ins Studio gehe, bin ich glücklich. Mir ist es ja nie darum gegangen, bekannt zu werden. Ausserdem war die Distanz zu meinem Beruf für viele Schweizer Kollegen zu gross – gewisse Leuten wussten früher kaum, wer 2Pac ist», so Cueni.

Für seinen nicht alltäglichen Werdegang sieht Claudio Cueni vor allem auch das Timing als Erfolgsgrund. «Früher war ein solcher Einstieg bestimmt einfacher als heute. Das Geschäft stand noch in den Kinderschuhen und es gab noch nicht so viele Produzenten wie heute. Ich glaube nicht, dass man in der Schweiz ohne weiteres Beats basteln und dann hierher ziehen kann. Es braucht halt schon ein Netzwerk, das einen weiterbringt», meint Cueni weiter.

Claudio Cueni
Claudio Cueni © Visual Thought

Früher war nicht alles besser – im Gegenteil

Die Independent-Szene in L.A. hat seit 2009 mächtig aufgeholt. Vor allem seit dem Aufstieg von Kendrick Lamar erlebte die Westküste eine kleine Renaissance und ist derzeit sehr lebendig. Wenn es nach Claudio Cueni geht, dann sei die Musik heute sogar um einiges besser als früher – «mal abgesehen vom Mainstream», wie Cueni meint. «Es gibt viel spannende Musiker zu entdecken -darunter Künstler wie Thundercat, Kamasi Washington, die Jazzsängerin Lalah Hathaway oder die Soulband King, die für einen Grammy nominiert war. Oder natürlich auch Künstler wie Anderson Paak und Flying Lotus.»

Doch das Musikgeschäft ist nichts für Romantiker, sondern eine knallharte Industrie, darauf legt Cueni wert: «Jeder, der in der Musikbranche Geld verdienen kann, hat meinen Respekt. Aber es gibt viele neue Wege. Der positive Nebeneffekt ist, dass man mehr Konzerte geben muss, welche live auch funktionieren müssen. Folglich muss man auch ein besserer Musiker sein. Vor 15 Jahren war das ein wenig anders.»

Claudio Cueni hat quasi im stillen Kämmerlein eine steile Karriere hingelegt. Und der umtriebige Musiker hat noch lange nicht genug. Für mehr als einen Kurzbesuch wird er hierzulande wohl nicht mehr anzutreffen sein. Auch wenn er abschliessend meint: «Ich bin jetzt zwar 25 Jahre hier, aber irgendwie immer noch der Schweizer, der in Los Angeles arbeitet. Ich fühl mich sehr wohl, aber ich frage mich ab und zu schon: Was machst du hier eigentlich? Gaht’s eigentli no?»

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