Flow: Wenn der Körper dirigiert und der Geist ruht

Der rauschähnliche Zustand vollkommener Klarheit – erklärt von Freerider Jérémie Heitz.
Von Sebastian Brunner

Er steht oben auf der Bergspitze, 4000 Meter über Meer. Einzig das Rauschen des eisigen Windes ist zu hören. Vor ihm der freie Fall in unendlichen Schnee. Eine Situation, die sich der Schweizer Freerider Jérémie Heitz gewohnt ist. «Ich bin schon während der Vorbereitung in einem Zustand von Flow», sagt Heitz. «In diesen Momenten bin ich zu 100 Prozent absorbiert und in meinem Element. Diese Konzentration ermöglicht es mir, das Beste aus mir heraus zu holen. Fehler und Überraschungen kann ich mir nicht leisten.»

Jérémie Heitz | Freeride World Tour | 2. 4. 2016 | 10.30 Uhr | Live on Red Bull TV

Was Jérémie Heitz beschreibt, davon haben vor ihm bereits tausende Sportler, Musiker, Maler und Wissenschaftler in ähnlicher Form berichtet. Jogger nennen den «Flow»-Zustand «Runners High», einige Musiker wie Miles Davis sprachen von «Being in the Pocket», geläufig ist auch «Being in the Zone». Laut Wikipedia bezeichnet «Flow» das als beglückend erlebte Gefühl eines mentalen Zustandes völliger Konzentration und Vertiefung, die wie von selbst vor sich geht. Kurz: Höchstleistung gepaart mit scheinbarer Mühelosigkeit.

Hier in den Worten eines amerikanischen Komponisten: «Man ist in einem ekstatischen Zustand, bis hin zu dem Punkt, wo es sich so anfühlt, als würde man selber nicht existieren. Ich erlebe das immer wieder. Meine Hand scheint sich selbstständig zu machen. Mit dem, was dann geschieht, habe ich nichts mehr zu tun. Ich sitze einfach hier und schaue mit Bewunderung zu. Und die Musik fliesst aus mir heraus.» Warum man in einem «Flow»-Zustand alles um sich herum vergisst, ist laut Mihaly Csikszentmihaly, dem Begründer der modernen «Flow»-Theorie, einfach erklärt: Legt man seinen ganzen Fokus auf eine einzige Sache, hat das Hirn keine Kapazität mehr übrig, andere Dinge, inklusive Zeit und Ego, wahrzunehmen.

Ein eigentlich alltägliches Phänomen der völligen Vertiefung und Konzentration, das jeder in seinem Leben andauernd erlebt. Manchmal sogar bei trivialen Aktivitäten, wie beim Schauen der Lieblingsserie oder beim Xbox spielen. Und auch, wenn jede Erfahrung von Flow individuell ist, sind sie in gewissen Punkten deckungsgleich.
 

Und so fühlt es sich an

In seinem berühmten TED-Talk aus dem Jahre 2009 fasste der ungarische Glücksforscher Mihaly Csikszentmihaly die Charakteristiken von «Flow» wie folgt zusammen:

  • Man ist zu 100 Prozent bei der Sache – fokussiert und konzentriert.
     
  • Man hat das Gefühl von Ekstase – ein Erlebnis abseits des Alltäglichen.
     
  • Man hat innere Klarheit – man weiss, was man tut und wie gut, dass man es im Moment tut.
     
  • Man ist sich sicher, dass die Aktivität machbar ist – dass die eigenen Fähigkeiten der Aufgabe gewachsen sind.
     
  • Man ist gelassen – man macht sich keine Sorgen über sich selber und man hat das Gefühl über die Grenzen des eigenen Egos hinauswachsen.
     
  • Zeitlosigkeit – man ist nur auf das Jetzt fokussiert, Stunden scheinen in Minuten zu vergehen.
     
  • Intrinsische Motivation – was auch immer Flow hervorruft, wird selbst zur Belohnung.

Voraussetzung für den Flow-Zustand sei ein hoher Grad an Fähigkeiten (relativ zu den eigenen individuellen Fähigkeiten) gepaart mit einer starken Herausforderung (ebenfalls individuell und relativ zu den Fähigkeiten). Wobei das Gegenteil von Flow Apathie sei und man am einfachsten von einem Zustand der Erregung, oder der Kontrolle in «Flow» kommt. Zusammengefasst könnte man von einer Gratwanderung zwischen Unter- und Überforderung sprechen, bei der verschiedene Komponenten zusammenspielen. Und letztere sind bei Sportlern wie Jérémie überlebenswichtig. Heitz: «Wenn ich auf der Bergspitze stehe, bin ich konzentriert und aufgeregt. Auch Angst und Druck gehören dazu. Damit kann ich umgehen. Wenn ich aber nur ein klein wenig Unsicherheit fühle und an mir zweifle, breche ich die ganze Sache ab.»

Wie hacke ich «Flow»?

Was für Jérémie eine Notwendigkeit ist, entdeckt allmählich auch eine breitere Masse für sich. Und die fragt: Wie hacke ich «Flow»? Steven Kotler und Jamie Wheal haben das «Flow Genome Project» gegründet, um genau diese Frage zu beantworten. In Vorträgen preisen die beiden Amerikaner «Flow» als eine Art Wunderwaffe zur Effizienzsteigerung an. Man könne mit «Flow» glücklich werden, doppelt so schnell lernen, Dinge am Arbeitsplatz in Rekordzeiten erledigen und sich so einen Vorteil gegenüber den anderen verschaffen. Will man mehr dazu wissen, kommt man hier aber nicht um ein kostenpflichtiges Programm herum.

Ob man nun Sport treibt, Maler ist, Musik macht, Videospiele spielt, auf dem Meditationskissen sitzt, Viergangmenüs in der Küche zubereitet, seinen Kindern beim Spielen zusieht, ein klassisches Konzert besucht, am Strand den Sonnenaufgang beobachtet oder mit Freunden ein Gespräch führt: «Flow» ist nicht, was wir tun, sondern, wie wir etwas tun – und daher für jedermann zugänglich.

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