Snowboardfilme-Guide Teil 1: wie die Musik spielt

Ob Punk, Synthie oder Hip Hop: So beeinflusst Musik die Snowboardfilme.
Terje Haakonsen, Snowboardgeschichte in Person.
Terje Haakonsen, Snowboardgeschichte in Person. © Scott Servas, Red Bull Content Pool
Von Philipp Ernst via duckstance.com

Die Geschichte des Freestyle Snowboardens ist jung. Als das Schweizer Fernsehen 1981 die Sportart in einem aus heutiger Sicht fast schon unanständig amüsanten Beitrag entdeckt, ist die weltweite Szene noch überschaubar.

Das SRF über Snowboarden (1981)

In den darauffolgenden gut 35 Jahren verändert sich viel. Die Veränderung mit den wohl grössten Auswirkungen folgt 1998. Die Randsportart Snowboarden wird olympisch, womit sich eine Szene öffnet, die sich zuvor lieber abgrenzte, sich von den Pisten distanzierte, für sich sein wollte und einen eigenen Lifestyle zelebrierte.

Glücklicherweise tendierten Snowboarder schon immer dazu, ihre Talente zu filmen. Die Entwicklung des Lifestyles und das Öffnen der Szene ist also zumindest audiovisuell festgehalten. Wir haben entscheidende Video-Perlen herausgesucht, die das dokumentieren. In Teil 2 befassen wir uns mit den 2000er und 2010er-Jahren, zuerst geht’s aber nochmals back to the 80’s.

Die 1980er: Der neue fesche Pisten-Untersatz

Snowboardfilme sind in den 80ern noch rar. Drehtage sind teuer, eine ganze Movie-Produktion kaum finanzierbar. Abgesehen natürlich von der bereits dazumal grössten Institution der Szene: Burton Snowboards. Mit «Winter Waves» veröffentlicht der bis heute wichtigste Snowboard Brand 1985 den wohl ersten richtigen Snowboardfilm. Bis dato hat Burton, obwohl seit Ende der 70er existierend, nicht viele Snowboards verkauft. Es gilt also Werbung zu machen fürs neue Wundergerät. Die Musik schwankt zwischen dramatischen Wir-Haben-Gerade-Das-Weltall-Entdeckt-Synthesizern und Hurra-Rhythmen, die ein neues Zeitalter der Spasskultur prophezeien.

«Winter Waves» von Burton Snowboards (1985)

Vier Jahre später ist Snowboarden bereits populärer, mehr und mehr Skigebiete erlauben den neuen Pistenfeger. Mit «Chill» veröffentlicht Burton einen weiteren Film und dokumentiert die Fortschritte seit «Winter Waves». Halfpipes (natürlich von Hand geshapet) und Contests mit Zuschauern werden häufiger. Die Overalls leuchten, Sonnenbrillen werden gegenüber Goggles meistens bevorzugt und auch Mützen sind noch eine Seltenheit. Stattdessen wird lieber die Haarpracht präsentiert, entweder ohne Bedeckung oder dann mit Stirnband. Burton unterscheidet zu diesem Zeitpunkt bereits stark zwischen Freestyle, Freeride und Alpin. Auch «Chill» ist durch und durch ein Werbefilm, der zeigen soll, was das Snowboard alles kann. Die Musik ist dementsprechend auch hier locker-luftig, Anecken klingt anders. Es wird ein Lifestyle präsentiert, der eine neue Freiheit behauptet – alles möglich dank diesem neuen Stück Holz unter den Füssen.

«Chill» von Burton Snowboards (1989)

Die 1990er: Grunge, Party & Olympia

Zu Beginn der 90er beginnt sich das Snowboard zu etablieren. Skifahrer, Eventveranstalter und auch Werbemacher horchen langsam aber sicher auf. Hier wächst eine neue Jugend heran, die es im Auge zu behalten gilt. Die Boards werden besser und besser, die Tricks spektakulärer, die Freeride Lines gewagter. Gleichzeitig werden mit Standard Films und Mack Dawg zwei grosse Player in der amerikanischen Filmproduktions-Szene gegründet, die es schaffen, das Freestyle und Freeride Snowboarden auf ein neues Level zu pushen. Das gelingt ihnen nicht zuletzt auch deshalb, weil ihre Fahrer immer besser vom Snowboarden leben können und auf keine Nebenjobs mehr angewiesen sind.

Das Alpine hat hier nun keinen Platz mehr. Das erinnert zu sehr an die Skifahrer, von denen man sich abgrenzen will. Standard und Mack Dawg dürfen das. Bei ihnen geht es nicht mehr darum, ein Produkt zu verkaufen, sondern um die Ästhetik, die Kreativität und die Einzigartigkeit der Sportart. Und die Härte der Tricks, das Partymachen, das Rumalbern, die Kleidung, den Musikgeschmack und darum, neue Faces, beispielsweise in Alaska, zu entdecken.

«TB 2 - A New Way of Thinking» von Standard Films (1992)

Die Musik in Snowboardfilmen der 90er ist einseitig. Fast immer dröhnt Punkrock oder Grunge aus den Boxen. Gitarre, Bass, Schlagzeug und Motorsägen-Gesang dominieren. Wer dabei sein will, hört nichts anderes. Die Proszene Amerikas ist eingeschweisst, (noch) überschaubar, trifft sich regelmässig und feiert an denselben Partys mit derselben Musik. Es sind auch diese zwei Produktionen, die für die ersten Heroes der Snowboard Freestyle Szene verantwortlich sind. Die pubertierenden Jungs in den verwaschenen Hoodies (heute «Normcore») sind nämlich keine Geringeren als Terje Haakonsen, Jamie Lynn, Ingemar Backman, Peter Line, Bryan Iguchi, Kevin Jones oder Dave Downing. Keine Frage: Ihren heutigen Legendenstatus haben sie zu einem grossen Teil Mike Hatchett und Mike McEntire aka Mack Dawg, den beiden Machern der Streifen, zu verdanken.

«Meltdown» von Mack Dawg (1995)

Der Output von Standard Films und Mack Dawg ist gross und stösst auf noch grössere Resonanz. In Europa beginnen sich ebenfalls Filmcrews zu formieren, die Ende der 90er und Anfang der Nullerjahre wie Pilze aus dem Boden schiessen werden.

1998 wird Freestyle Snowboarden zudem olympisch – ein riesiger Schritt hin zu einer breiteren Öffentlichkeit. Und auch ein Schritt in Richtung Ski-Zirkus. Die Qualifikation für Olympia wird bis heute von der FIS abgewickelt. Für viele der dazumal besten Halfpipefahrer ein No-Go, weshalb sie Nagano 98 boykottieren. Der berühmteste unter ihnen: Terje Haakonsen. 2014 bereut er nichts und schreibt für Whitelines: «Yet People still support it. Why? Because they think it’s what they need to do for money and fast fame. (…) And let’s not forget: they [IOC] stole snowboarding from us. (…) They gave FIS, a ski federation, control of snowboarding.» Auch wieder ein Zeichen der Abgrenzung zwischen Snowboardern und Skifahrern. Drei Jahre später sieht die Welt etwas versöhnlicher aus. Skifahrer und Snowboarder ziehen im Gleichtakt ihre Linien durch den Schnee.

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