Ausflug in die Snowboard-Geschichtsbücher (Teil 2)

Der Lifestyle «Snowboarden» dokumentiert in Videomaterial seit den 1980er-Jahren bis heute
Kein Filmteam? Do it yourself!
Kein Filmteam? Do it yourself! © Alfredo Escobar / Red Bull Content Pool
Von Philipp Ernst via duckstance.com

Teil 1 unseres Ausflugs in die Geschichtsbücher des Snowboards verbrachten wir zwischen Neongrünen-Overalls der 80er und Grunge-Partys in den 90ern. In Teil 2 beschäftigen wir uns mit Videomaterial aus den 00ern und 10ern. Zuerst aber noch eines der wichtigsten Ereignisse der Snowboardgeschichte: die olympischen Spiele 1998.

In Nagano, Japan dürfen die Snowboarder in der Halfpipe-Disziplin das erste Mal teilnehmen. Bei den Frauen räumt Nicola Thost ab, bei den Männern Gian Simmen. Sein Run (Backside Air, Tailgrab, Frontside Air, FS 360, Cab 7, Alley Oop und BS 540) ist zu dieser Zeit solide, heute würde es knapp für die Finalqualifikation bei den u10-Kids reichen. Die Halfpipe ist im Vergleich zu 20 Jahren danach aber auch nichts mehr als eine Minipipe. Die Transition gleicht einem Acker, die Walls sind mal vert, mal nicht so vert und ein bisschen Flutlicht wäre bei dem Wetter auch angebracht gewesen. Bedingungen also, unter welchen der Contest-Snowboarder von heute nicht einmal mehr anreisen würde.

Gian Simmen an den Olympischen Spielen in Nagano (1998)

Die 2000er: Aus dem Lifestyle werden Lifestyles

Olympia ist einer von vielen entscheidenden Schüben, die das Snowboarden nun endgültig populär machen. Böse Zungen sprechen sogar von Mainstream. Die Contests kommen inzwischen in die Städte, um noch mehr Leute zu begeistern. Die Pros haben erstmals Sponsoren, die über die übliche Ausrüstung hinausgehen. Und die Ausrüstung selbst ist auch weit von den Ski-Resorts entfernt erhältlich.

Olympia hat den Graben zwischen Contest- und Movie-Snowboardern zusätzlich vergrössert und gerne wird darüber gestritten, wo denn nun die beste Action zu sehen ist. Zumindest die Core-Szene ist sich darüber einig, dass Anfang der Nullerjahre die härtesten Gangster in Übersee shredden und nur auf Video zu sehen sind. Sie fahren für Forum Snowboards (r.i.p.) und sind in den Filmen «The Resistance» und «True Life» zu sehen. Unter der Regie von Mack Dawg formiert sich um Captain Peter Line ein Team, das in Sachen Style und Technik alle stehen lässt. Mit dabei sind u.a. Devun Walsh, JP Walker, Jeremy Jones und Joni Malmi.

The Resistance von Mack Dawg (2000)

Grunge und Punkrock waren einmal. Jetzt ist Hip Hop der heisse Scheiss. Das sieht man auch an der Kleidung. Die Hosen sind so baggy, dass sich die Anfahrt beim Kickerfahren wegen des Luftwiderstands zwangsläufig verdoppelt. Doch das spielt nicht so eine grosse Rolle, das Forum-Team bevorzugt ohnehin lieber die Streetrails in den Städten. Wenn schon Urban Hip Hop, dann richtig. Tageskarten sind plötzlich nicht mehr unbedingt nötig, um snowboarden zu gehen. Das Forum-Eight-Team inspiriert damit bis heute Generationen junger Snowboarder. Vor allem auch an Orten, an denen es zwar schneit, die Skigebiete aber zu weit weg liegen. In der Folge ist es keiner Snowboardmarke mehr gelungen, mit einem Team so hohe Wellen zu schlagen.

Der Beginn der Nullerjahre ist aber auch Startschuss für zahlreiche neue Snowboardfilme. Gute Produktionen machen nicht nur Werbung für die gesamte Branche, sondern verdienen auch Geld damit. Youtube ist noch weit weg, die DVD- und Videokassetten-Verkaufszahlen stimmen und ist der Streifen einmal veröffentlicht, kann gleich noch eine Premierentour angehängt werden. In der Szene ist es natürlich angesehen, für eine Filmproduktion zu arbeiten und für einen Pro gibt es nichts Besseres als einen Part in einer angesehenen Produktion auf sicher zu haben.

Auch in Europa schiessen pilzartig Produktionen aus dem Boden. Absinthe Films aus der Schweiz setzt grösstenteils auf Backcountry-Action, spielt dazu gerne Radiohead oder Modest Mouse und darf sich Förderin vieler junger Talente nennen. Unter ihnen Nicolas Müller, Fredi Kalbermatten, Romain de Marchi oder Travis Rice.

Transcendence von Absinthe Films (2001)

Auch die Pirate Movie Production aus Österreich fördert Talente. 2003 veröffentlicht sie ihren ersten Film. Mit dabei sind Fahrer wie Gigi Rüf, Marco Feichtner, Sani Alibabic, Marko Grilc oder Hans Ahlund.

Hans Ahlund in Walk The Plank von Pirate Movie Production (2007)

Isenseven aus Deutschland setzt ein bisschen weniger auf Wow, dafür umso mehr auf Spass. Für die grossen Reisen nach Alaska reicht das Geld nicht, die Parkaction macht dafür umso mehr Lust, snowboarden zu gehen.

Prediculous von «Isenseven» (2006)

Die zahlreichen Filmproduktionen sind die Motoren der lokalen Szenen. Im Vergleich zu den 90ern haben sie sich längst vervielfacht. Es gibt nicht mehr eine Haltung, einen Musikgeschmack oder einen Kleidungsstil. Aus dem Lifestyle der 90er wurden längst mehrere Lifestyles. In jedem Snowboardfilm findet sich zumindest ein Punk mit skinny Pants, ein Gangster mit Goldkette und einer zwischen den Fronten, der es wagt einen Dance Beat (in den 90ern wäre das die Kapitulation vor der Mainstream-Scooter-Clubszene gewesen) unter seinen Part zu legen.

Die 2010er: Trickhärte vs. Ästhetik

Für was die 10er-Jahre schlussendlich stehen werden, kann man zu diesem Zeitpunkt nur erahnen. Fakt ist aber: Heute kann man beinahe jeder und jedem beim Snowboarden zuschauen – egal ob Pro oder Anfängerin. Die technischen Möglichkeiten erlauben es nicht nur, sich selbst zu filmen, die Aufnahmen können auch gleich selbst verbreitet werden. Das natürlich alles Low Budget. Nach dem Motto «Die GoPro ist erschwinglich, Youtube erledigt den Rest» kann jeder Snowboarder sein eigener Filmproduzent sein. Was natürlich nicht heisst, dass man sich nicht in Gruppen zusammentut. Waren zu Beginn der Nullerjahre die Anzahl Filmcrews noch einigermassen übersichtlich, ist heute alles zerstreut. Mehr denn je ist man auf Blogs, Onlinemagazine oder Drittpersonen angewiesen, die vorselektionieren.

Marcus Kleveland (2016)

Was dabei auffällt: Der Grossteil der im Netz rumschwirrenden Flicks ist Teil eines internationalen Trickbattles. Die meisten Parts sind kurz und heftig, jeder zeigt, was er kann. Der Film als Gesamtkomposition, gespickt mit Lifestyle-Sequenzen und einem ganzheitlichen Musikkonzept, ist seltener geworden. Die «kunstvolle» Inszenierung des Snowboardens, wie zum Beispiel in «Glue» von Christian Haller, geht fast schon als Gegenbewegung durch.

Christian Haller’s «Glue» (2016)

Und doch gibt es eine Fraktion «Glue». Snowboarder, die sich an die Anfänge zurückerinnern. Sie setzen auf Entschleunigung, langsamere Bewegungen, Style und Ästhetik. Sie verzichten auf technikorientierte Contests und gehen dafür hin und wieder zusammen carven. Sie kehren dem Höher, Weiter, Krasser den Rücken und leben einen anderen Lifestyle. Damit bilden sie den Gegenpol zu den Contest-Snowboardern, die im Vergleich zu den 90ern so professionell wurden, dass kaum jemand mithalten kann, der sich dem Wettbewerb nicht zu hundert Prozent hingibt. Ernährungsberater, Kraftraum, Theorie, Mentaltraining und akribisches Sommertraining sind je länger je mehr Standard. Ein solcher Lifestyle ist zwangsläufig durchstrukturiert und unterscheidet sich nicht mehr gross von jenem eines professionellen Skirennfahrers. Diese Professionalität kam erst zwischen Mitte und Ende der Nullerjahre auf und hat sich inzwischen etabliert.

Zwar gab es den Graben zwischen Contestsnowboardern und Ästhetikern schon immer. In den 90ern und Anfang der 00er konnte man ihn aber noch locker überspringen – für Pros war das eine Frage des Wollens. Das ist heute anders. Heute muss man sich für eine Disziplin entscheiden und Kopf und Kragen riskieren, wenn man darin gut werden will. Mal ein bisschen Contests fahren, dann wieder lange Zeit powdern reicht nicht, wenn man zur Spitze gehören möchte. Das können höchstens ein paar wenige, wirklich talentierte Snowboarder wie Danny Davis oder Christian Haller.

Gehört heute dazu: Wojtek Pawlusiak spielt Ball.
Gehört heute dazu: Wojtek Pawlusiak spielt Ball. © Lukasz Nazdraczew / Red Bull Content Pool
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