Jochen_Rindt_1969_German_GP © Lothar Spurzem - Wikimedia Commons


Er ist der Erfinder des modernen Sportfernsehens. Und ein Formel-1-Lexikon auf zwei Beinen. ORF-Legende Lucky Schmidleitner wühlt anlässlich der Eröffnung des neuen Red Bull Rings im spielbergerischen Anekdotensackerl.

Und findet zum Beispiel: Niki Laudas Gemüse-Gemeinheit, Jackie Stewards Schnauzer-Schnurre, Heinz Prüllers Rückwärts-Raserei. Und eine mystisch-sentimentale Erinnerung an Jochen Rindt. Spielberg – das ist auch und vor allem ein emotionales Konglomerat aus Geschichte und G’schichterln, eine kunterbunte Bühne rasender Verrücktheiten.

Lucky Schmidleiter, enger Vertrauter von Formel-1-Zampano Bernie Ecclestone, einer der kreativsten Sport-TV-Macher der Welt, Erfinder der On-Board-Kamera, Romy-Preisträger, dieser Lucky Schmidleitner war vom Anfang bis zum Schluss dabei. Als genialer Regisseur der Formel-1- Übertragungen; und mitunter als ebenso genialer Regisseur eben dieser Verrücktheiten abseits der Strecke.

Da ist die Geschichte mit dem dreifachen Weltmeister Jackie Stewart, damals bei der Eröffnung des alten Österreichrings. Die Journalisten werden in einen Bus gepfercht, man will ihnen die Strecke vorführen. Als Ehrengast ist Jackie angesagt. Aber der kommt und kommt nicht. Die Journalisten, für ihre konfuzianische Geduldsamkeit weltberühmt, werden unruhig. Also bittet Lucky den seltsam dreinschauenden Buschauffeur (Kapperl, dunkle Brille, Jason-King-Schnauzbart), einfach ohne Jackie loszufahren. Das tut er auch – und wie er das tut: Vollgas. Weil dieser Buschauffeur niemand anderer als Jackie höchstselbst ist, verkleidet vom Lucky höchstselbst. Riesenremidemi nach der Enttarnung, die Journalisten biegen sich vor Lachen. Und Lucky tut’s bis heute.

Da ist die Geschichte mit dem Formel-Ford-Rennen für Journalisten. Kollege Heinzi Prüller, ein Ehrgeizler vor dem Herrn, hat sich selbstverständlich den schnellsten Boliden unter den Nagel gerissen. Heinzi startet standesgemäß aus der Pole Position, voll aufmunitioniert, sein Berater heißt Niki Lauda. Der gibt ihm vorm Start noch massenhaft Ezzes: „Du musst auf 9.000 Touren raufdrehen, dann die Kupplung schnalzen lassen...“ Das macht der Heinzi auch – er rast los, freilich im Retourgang, den er versehentlich reingeschrumpelt hat. 50 Meter Geisterfahrt. Zum Glück ist nix passiert – außer, dass der ersehnte Sieg des größten Favoriten unter der Spielberger Sonne Geschichte ist.

Da ist natürlich Niki Lauda – nicht nur als Berater, sondern auch als Hauptdarsteller. Zum Beispiel 1978, als er urplötzlich von der Strecke rutscht. Heinzi fabuliert live im TV von einem Ölfleck, auf dem er ausgerutscht sei – obwohl jeder Mensch mit Augen im Kopf gesehen hat, dass es sich um einen stinknormalen Fahrfehler handelte. Als dies nach der xten Wiederholung auch die Augen vom Heinzi sehen und als Lauda selbst über Funk sein Missgeschick schildert, ist der Heinzi stumm. Ganze zwei Minuten lang. Das hat außer Lauda noch keiner geschafft. Die wahren Hintergründe des Ausrutschers beichtet Niki Nationale übrigens erst viel später. Mitten im Rennen ist ihm das charmante Date vom Vortag in den Sinn gekommen. Und zwar so bildhaft, dass die Rennfahrerhose langsam eng und Nikis Sitzposition im Boliden ein wenig unbequem wurde. Also ist er auf seinem Sattel halt ein bisserl hin und her gerutscht – und weg war er.

Noch mal Niki, diesmal mit Lucky im Fahrerlager. Kommt der legendäre Willi Dungl daher, Nikis damaliger Doktor für alle Lebenslagen; in der Hand einen Plastikteller mit allerlei ultragesunden Grauslichkeiten für den ultimativen Energiekick. Willi sagt: „Niki, du musst das in einer Stunde essen, weil in zwei Stunden ist Start und du brauchst das.“ Niki sagt: „Ja Willi, mach ich“; und geht mit Lucky weiter. Lucky sagt: „Hau weg den Dreck, wir holen uns von den Streckenposten was. Die grillen immer so geniale Koteletts.“ Niki sagt: „Gute Idee“; und haut Willis Futter in den Mistkübel. Lucky kriegt da so eine schauderhafte Ahnung, dreht sich um, erblickt Willi, fuchsteufelswild, weil der alles mitbekommen und sich in diesem Augenblick so gar nicht verstanden fühlt. Die Koteletts haben trotzdem geschmeckt. Da ist die Geschichte mit Nigel Mansell, 1987 der letzte Sieger des alten Spielberg. Bei der Ehrenrunde auf einem offenen Lkw haut er sich an einer Eisentraverse den Schädel aber sowas von an. Später gesteht dem Heinzi Prüller: „Den Tippel hab ich bis heute. Ich war ja nie sehr gscheit. Aber seither bin ich noch ein bisserl depperter.“

Da war ein gewisser Innes Ireland, 1961 der erste Sieger, als noch auf dem Zeltweger Militärflugplatz gefahren wurde. Gefeiert hat der Schotte am Judenburger Kirchturm – mitten in der Nacht ist er raufgekraxelt vor lauter Freude. Runter gekommen ist er auch wieder – schließlich war der wagemutige Schotte vor seiner Formel-1-Karriere Fallschirmjäger. Und da war natürlich Jochen Rindt, für Lucky der ewige König von Spielberg, wahrscheinlich das größte Naturtalent aller Zeiten, vor allem aber ein Freund, mit dem man eine Riesenhetz haben konnte.

Zum Beispiel im italienischen Städtchen Ballocco. Dort ist das Entwicklungszentrum von Alfa, der junge Rindt hatte gerade seinen ersten Tourenwagen-Vertrag unterschrieben und fräst schon nach fünf Runden eine Rekordzeit in den Asphalt der Teststrecke. Am Abend gehen Rindt und Lucky zu einem kleinen Italiener Essen. Und weil der junge Rennfahrer so gar nicht Italienisch kann, fragt er kurz vorm Aufbrechen: „Du Lucky, was heißt hier eigentlich Bitte zahlen”? Lucky antwortet trocken: „Brennatore, Gondoliere.” Rindt ruft zum Kellner: „Brennatore...”, stockt, versteht und brüllt lachend Lucky an: „Du Trottel...”
Und da ist da diese Gänsehaut-Erinnerung. Spielberg 1970. Rindt kommt als überlegener WM-Leader, fällt schon nach fünf Runden mit Motorschaden aus. Am Tag zuvor, beim Training, geschieht etwas, das Lucky nie vergessen wird. Er steht neben Rindts Boliden in der Boxenstraße. Rindt sitzt im Wagen, fragt Lucky: „Schau mal, die Flecken da am Boden: Ist das Benzin oder Kühlwasser?” Lucky fährt mit dem Finger drüber, kostet vorsichtig: „Eindeutig Kühlwasser.“ Rindt sagt: „Weißt, ich will nämlich nicht verbrennen.” Ein paar Wochen später, beim Training in Monza. Wieder steht Lucky mit Rindt in der Boxenstraße. Sie machen ein Interview. Lucky gibt ihm das Mikro: „Jochen, erklär uns bitte die Strecke hier.” Rindt spricht – und bricht dann wegen des höllischen Motorenlärms rundherum ab: „Lucky, es ist zu laut hier. Ich fahr schnell drei Runden und komm dann wieder.” Er kam nicht wieder.
 


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