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Die Kids von heute sind manchmal ziemlich ignorant. Auf der Straße sowieso, aber auch in puncto Skateboarding. „Juckt mich doch nicht, wer an dem Rail den ersten 50-50 gemacht hat – Nyjah hat Switchflip Backlip gemacht. Und jetzt zisch ab, ich will Street-League gucken und danach eine Handvoll Pros beim Flat-SKATE begaffen.“ Ok, kein Problem. Das Internet hat mit seiner täglichen Flut von leicht verdaulichen Kurzclips unsere Aufmerksamkeitsspanne auf die eines Goldfischs eingedampft. Ist halt so, aber darüber jammern sollen die anderen.

Wir versuchen es anders und präsentieren 10 Parts, die größtenteils älter sind als der durchschnittliche Skatepark-Bewohner. Wenig Flip-in-Flip-out-Stuff, eher keine 20-Stufen-Rails, dafür echtes Skateboarding – und tatsächlich eine Menge zu lernen. Film ab!


1. Natas Kaupas / Santa Cruz - Streets of Fire (1989)


Denken wir uns mal für eine Sekunde die Klamotten, das seltsame Fish-Board, die übertriebenen Slow-Mos, den Handgelenkschoner und die weißen Hi-Tops weg. Was bleibt, ist extrem kreatives Skateboarding, das so locker aussieht, als hätte Natas es nebenbei gefilmt, während er auf dem Weg zum Strand war, um noch ein paar Wellen zu catchen, der olle Surfer. Boardslide down 9, Flatgap Kickflip, der legendäre Hydranten-Spin – und da stand die Mauer noch! Ob Dyrdek so viel Spaß in seinem Skatepark hat wie Natas mit einer Bordsteinkante? Würde ich nicht drauf wetten.
 


2. Mark Gonzales / Blind - Video Days (1991)

Falls du noch nie so richtig geblickt hast, was alle an diesem merkwürdigen alten Mann mit dem Wuschelhaar finden, der hauptsächlich nur noch malt, vielleicht mal pusht oder mit seinem Circle-Board durch Paris eiert, dann weißt du es nach diesem Part. Wir schreiben 1991, Streetskaten steckt noch in den Kinderschuhen – und dann er. Falls du dachtest, lässig Cruisen wär was neues, Austyn Gillette hätte den 180 50-50 erfunden, fette Gaps gäb‘s nur von Jaws und man fährt entweder Vert oder Street: Schau dir den Gonz an, den einzigen Menschen mit mehr Flow als Rakim, Nas und Big Pun zusammen. Und finde raus, dass es das Schulhof-Rail aus Tony Hawk 2 wirklich gibt.
 

 
3. Brian Lotti / Planet Earth - Now and Later (1991)

„Lotti brought something to skating that‘s kind of golden“, sagt Marc Johnson, selbst eine Style-Ikone, über Brian Lotti. Der Mann, der dem Bigspin seinen Namen gab und nach dem Tron-Intro endlose Lines und harte Banger in kalifornisches Straßenpflaster meißelte, ist heute nur fast noch Skatern mit Bart und Geheimratsecken ein Begriff. Manche ältere Semester glauben noch heute, dass Lotti alles mit seinem Board machen konnte, was er nur wollte: Switch Kickflips und Treflips mit einem Zwei-Kilo-Fish-Board, Flaschen öffnen, zum Mond fliegen – alles. Mühelos.
 


4. Rick Howard / Plan B - Virtual Reality (1993)

Rick Howard ist nicht der lustige Kanadier mit den komischen Grimassen und Mit-Boss von Lakai, sondern auch einer der Skater, die am längsten oben mitspielen. Seinen ersten Part hatte der Namensgeber des Rickflips (Fakie Frontside Bigspin Heelflip) im Blockhead-Video „Splendid Eye Torture“ (1989), seinen bislang letzten ins Lakais „Fully Flared“ (2007). Das sind 18 Jahre, in denen andere Schule und Uni durchziehen und Kinder kriegen. Rick hat lieber Frontside Shoveits populär und nebenbei ein paar Millionen gemacht. Auch gut.
 


5. Jason Lee / Stereo - A Visual Sound (1994)

Die Skategemeinde kann unbarmherzig sein: TV-Shows, Scientology, Hollywood-Stardom, Schnauzbart? Mach eines davon und dir wird der Realness-Pass entzogen. Nicht so bei Jason Lee. Der macht alles gleichzeitig und hängt trotzdem in der coolen Ecke auf dem Schulhof ab. J-Lee hat auf Lebenszeit einen Platz an der Königstafel – wegen seiner Blind- und Stereo-Parts, seinen Backtails und Treflips und „No War for Heavy Metal“.
 


6. Jeremy Wray / Plan B - Second Hand Smoke (1994)

Einer von Chris Pfanners Lieblingsparts, von einem seiner Lieblingsskater – das kann nur gut werden. Tatsächlich ist Jeremy Wray einer der härtesten Gap-Bezwinger, dem wir je beim Fliegen zugucken durften. Hoch, schnell, weit ist das Wray-Prinzip und Jeremy hat allein mit seinen Lehrbuch-Backside 180s mehr Flugmeilen auf dem Konto als der durchschnittliche Lufthansa-Kunde. Kein Wunder, dass es Props von Pfanner Airlines gibt. Da ist selbst der Freestyler in der Eröffnungsline baff.
 


7. Tom Penny / 411VM - Flip Industry Section (1995)

Tom Penny ist noch so ein Kandidat aus der „Warum ist der noch Pro?“-Abteilung. Viele jüngere Skater werden sich höchstens noch an seinen Miniramp-Part in Flips „Sorry“ erinnern, der zwar gut ist, aber echt nicht off-top genug für eine eigene Kirche. Viele Legenden gibt es über Tom: Wie er eine Minirampe minutenlang bei totaler Finsternis geskatet ist. Wie ein paar seiner Cover First Try waren. Wie er in Wanderschuhen besser skatet als 90% der Restwelt. Doch nur eine dieser Legenden gibt es auf Video: In der Flip-Section in einem 411-Video von 1995, die eigentlich nur zwei Penny-Clips enthält. Einen unverschämten Switch Frontside Flip am Carlsbad-Gap – und die Earl-Warren-Line (bei 3:00). Switchflip, Switch Ollie, Switch 180, Kickflip, Backtail die 9er. Zähl mal, wie oft er dabei pusht.
 


8. Guy Mariano / Girl Skateboards - Mouse (1995)

Guys „Mouse“-Part wird oft als einer der besten Parts aller Zeiten bezeichnet. Tricks, Spots, Style – hier stimmt einfach alles. Guck dir den Part an und versuch rauszufinden, ob Guy switch oder regular fährt. Nicht vorher nachgucken! Danach fiel Mariano für ein paar Jahre ins Drogenloch. Sein Comeback-Part in Lakais „Fully Flared“ war für die Skateboard-Welt Weihnachten, Geburtstag, Opferfest und Chanukkah auf einmal.
 


9. Brian Anderson / Toy Machine - Welcome to Hell (1996)

Frontside Bluntslide, Hubba Hideout, Sechsundneunzig. Kein weiterer Kommentar nötig: BAs Part ist der Inbegriff von gnarly und 16 Jahre später immernoch zeitlos gut.
 


10. Gino Iannucci / World Industries - Trilogy (1996)

„Ich würde lieber Gino beim Pushen zugucken als Zero-Kid XY am El-Toro-Rail“ ist einer dieser Sätze, die alte Säcke gerne mal in der Wasserpause rauslassen. Gino hat seit acht Jahren keinen Part gedroppt und ist immer noch respektierter Pro auf Nike und Chocolate – und das ist allein seinem unglaublichen Style geschuldet sowie der Tatsache, dass er alles schon zehn Jahre vor allen anderen gemacht hat; 360 Pop-Shoveits zum Beispiel. Du kannst dich bei Gino und Koston bedanken, dass es ok ist, switch mongo zu pushen. Und vielleicht deinen Gott darum bitten, dass Gino einen Part im kommenden Chocolate-Video hat. Das wär nett.
 

 

Redakteur Philipp Schulte
 


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