Flying Frenchies: Surfen in 600 Metern Höhe!

Ein Surfbrett, eine Highline und jede Menge Fun – die wahnsinnigen Franzosen sind zurück!
Von Dom Granger

Die Flying Frenchies denken anders als andere. Das liegt wahrscheinlich daran, dass sie schlicht und einfach anders sind – im positiven Sinne, wohlgemerkt. Denn mit seinem neuen Video hat das talentierte Kollektiv ein weiteres Mal bewiesen, dass es jede Menge Spaß bringen kann, wenn man es einmal wagt, um die Ecke zu denken.

Spaß ist im neuen Werk der Flying Frenchies in jedem Fall garantiert und der liegt meist näher, als man zunächst meint. Das wissen auch die verrückten Franzosen, weshalb sie nicht lange herumfackelten und dem Vercors, einem Gebirgsstock im Westen ihres Heimatlandes, einen Besuch abstatteten, um ebendort in 600 Metern Höhe eine Highline zu spannen. Und was macht man auf einer solchen Konstruktion? Man surft darauf mit fast 75 km/h, nur um inmitten der Hochgeschwindigkeitsfahrt mit Anmut und Stil abzuspringen und seine BASE-Jumping-Skills unter Beweis zu stellen.

Im Grunde ist das genau die Art von Wahnsinn, bei dem man sich die Frage stellt, wie zum Teufel man auf solche Ideen kommen kann. Um das herauszufinden, haben wir mit Anicet Leone gesprochen. Er ist der technische Experte und der Kopf hinter dem Projekt.

Portrait of Anicet Leone in his clown costume before Surfing the line
Anicet Leone - Die treibende Kraft des Projekts © Frederic Marie

Hallo Anicet! Gleich zu Beginn folgende Frage: Wer oder was sind die Flying Frenchies und was ist ihr Ziel?

Die Flying Frenchies sind eine Gruppe von Menschen, die gerne hoch oben in der Luft sind und dort alle nur denkbar möglichen Aktivitäten anstellen. Der Kern besteht aus fünf, sechs Leuten, die im Grunde alles machen, was mit Fliegen, Bergen und Klettern zu tun hat. Darunter fallen BASE-Jumping, Bergsteigen, Speed-Riding, zugleich sind wir aber auch Künstler, Comedians, Clowns, Akrobaten und Musiker – ein großer, bunter Mix aus allem also.

Unser Ziel ist es, die Werte der profit-getriebenen Gesellschaft auf den Kopf zu stellen und sie mit der Schönheit von unnützen Aktivitäten zu ersetzen. Wir wollen dem Leben einen Sinn geben, der über dem liegt, was erwartet wird. Wir wollen offen für das Unbekannte sein und die Welt entdecken, sowohl draußen, als auch in uns selbst. Wir sind liebevolle Idioten, die sich in den leeren Raum werfen und durch die Luft surfen, um zu provozieren, um gesehen zu werden. Wir sind Repräsentanten der Träume, die nicht in das 08/15-Konzept passen.

In der Luft ist der Wind sanft und die Seele frei.

Anicet Leone

Das Leben ist es wert, auch einmal ein Risiko einzugehen und dass wir damit eine wichtige, intensive Message vermitteln, macht unsere Existenz nur umso schöner. Die Angst wird langsam unser Freund: Es geht nicht darum, sie zu verleugnen, sondern vielmehr darum, zu verstehen, was sie zu sagen hat.

Für einen Außenstehenden sieht es so aus, als wäre es genau dieser Spieltrieb, der euch von den anderen, die dieselben Sportarten betreiben, abgrenzt. Ist das etwas, was in eurer Natur liegt?

Ich glaube, dass das in unserer Gruppe ganz von selbst kommt. Wir alle haben diese Unbeschwertheit, diese Lust darauf, all die lustigen Ideen einfach zu machen und zu genießen. Es hat ein bisschen was von einem Cartoon-Universum. Dieser Moment, in dem du vor dich hinlächelst, weil du daran denkst, wie unterhaltsam es wäre, wenn eine bestimmte Situation tatsächlich passieren würde – genau dort setzen wir an und überlegen uns, wie wir sie umsetzen können. Von da an wird es dann wieder etwas ernster, da wir uns mit Kalkulationen, technischen Recherchen und Autorisierungen herumschlagen müssen. Es steckt sehr viel Arbeit darin, etwas zu realisieren, das lustig, schön und unterhaltsam ist.

Ist genau so die Idee dazu entstanden, auf einer Highline zu surfen?

Ja. Für mich begann es an dem Moment so richtig, als ich auf Tancrède Melet [Anm.: französischer Highliner und BASE-Jumper, der im Januar 2016 bei den Vorbereitungen auf eine Show ums Leben kam] traf. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich gerade damit angefangen, BASE-Jumping zu lernen. Er ging zwar ernsthafter an den Sport heran, aber dieser Ansporn, mehrere Sportarten zu kombinieren, erinnerte mich ein bisschen an mich selbst. Als ich also zu dieser Gruppe gestoßen bin, brachte ich dieses Cartoon-hafte, die Kreativität und den Willen, nicht nur die Sportarten zu machen, die bereits existieren, sondern Neues auszuprobieren und dabei Spaß zu haben, ein. Ideen wie das Katapult oder wie diese hier entstanden meist unter höchster Ekstase.

Hier der Film über das Katpult-Projekt der Flying Frenchies

Daraus sind Träume gemacht

The Flying Frenchies right in the middle of Surfing The Line
Das einzige, das zählt: Spaß haben! © Frederic Marie

Wie funktioniert die Arbeitsaufteilung, wenn alle Flying Frenchies gemeinsam an einer solchen Idee arbeiten?

Bis jetzt waren es immer Ideen von Einzelpersonen, die dann mit der Gruppe geteilt wurden. Bei dieser hier war aber ich derjenige, der das gesamte Projekt von A bis Z, vom Konzept bis zu allen Autorisierungen usw. gestemmt hat. Erst, als dann alle zusammenkamen, als es also ernst wurde, teilten wir uns die Arbeit auf. Es gibt bei uns aber immer eine Person, die ein Projekt leitet. Das ist auch der Grund, warum unsere Projekte unterschiedliche Farben haben.

Ist das die individuelle Handschrift eines jeden Mitglieds?

Ja, genau. Es gehört alles zu den Flying Frenchies, weil wir es einfach lieben, gemeinsam in der Gruppe etwas zumachen. Ich kann mir aber vorstellen, dass die Leute die Arbeiten und den Stil einzelner Personen wiedererkennen. Das Schöne ist, dass die Motivation innerhalb der Gruppe immer voll da ist, auch, wenn es die Projekte von Einzelpersonen mit unterschiedlichen Stilrichtungen sind.

Wenn ein Traum Realität wird

The Flying Frenchies right in the middle of Surfing the Line
Surfen war nie schöner! © Frederic Marie

War es wichtig für dich, nach dem Tod von Tancrède am Projekt weiterzuarbeiten?

Ja, das war mir sogar sehr wichtig – mir und ich glaube auch ihm. Als er noch bei uns war, hat er mich immer unterstützt. Er war ein sehr zielstrebiger Mensch, arbeitete effizient und gab mir immer wieder die Motivation weiterzumachen. Er war die treibende Kraft, die mich durch all die Schritte begleitet hat, die zur Umsetzung einer solchen Idee gehören. Das hat natürlich auch Auswirkungen auf die nächsten Projekte, da ich jetzt weiß, wie ich am besten an ein solches herangehe. Dazu kommt auch noch, dass du es irgendwie schaffen musst, dass dir die Leute, die dir folgen, Vertrauen entgegenbringen, was nicht immer einfach ist. Dieses Mal konnte ich aber zeigen, dass ich Träume, wie diesen hier, auch wirklich verwirklichen kann. Darauf bin ich stolz.

Die Angst wird langsam unser Freund: Es geht nicht darum, sie zu verleugnen, sondern vielmehr darum, zu verstehen, was sie zu sagen hat.

Anicet Leone

Was war das Schönste, das du an diesem Projekt erleben durftest?

Das war der Moment, an dem mir meine Freunde dankten und zugaben, dass sie zuerst nicht zu hundert Prozent daran glaubten, dann aber jede Menge Spaß daran hatten. Andere wiederum dankten mir für das, was ich in das Projekt investiert habe und dafür, dass ich es mit jedermann teile. Natürlich war auch das Projekt selbst eine schöne Sache: Es war einfach so verrückt, auf der Line mit einem Bord in 600 Metern Höhe zu surfen – nach zwei langen Jahren, in denen dir die Idee immer wieder im Kopf herumspukt. Und dann darfst du diese Erfahrung und all die Emotionen gemeinsam mit deinen Freunden erleben. Es war wirklich großartig! Daneben habe ich auch viel über mich selbst gelernt, darüber, wie viel eigentlich in mir steckt. All diese technischen und logistischen Herausforderungen konnte ich meistern und das gibt mir viel Selbstvertrauen für zukünftige Ideen – Ich weiß, dass ich Träume verwirklichen kann.

Es ist nicht vorbei, solange es nicht vorbei ist

Anicet Leone making a few last verifications on the zipline surfboard, dressed in costume
Doppelte Kontrolle ist immer eine gute Idee! © Frederic Marie

Wie fühlt man sich, wenn man so ein großes Projekt dann endlich zu einem Ende gebracht hat?

Zuerst war ich einfach erleichtert: In dem ganzen Ding steckt so viel Arbeit! Als ich dann sah, dass alles funktionierte, fielen mir unzählige Steine von meinem Herzen. Als wir dann wirklich an Ort und Stelle waren und das Projekt umsetzten, lag das ganz große Ziel darin, das Ganze ohne Unfall über die Bühne zu bringen. Natürlich ist das, was wir machen, auch ein bisschen riskant, aber das ist normal, wenn man mit dem Fallschirm irgendwo runterspringt. Man darf es aber trotzdem nicht übertreiben und man sollte die Grenzen kennen. Ich will neue, außergewöhnliche Projekte umsetzen und jede Menge Spaß kreieren, dabei sollten die Risiken aber auf einem Minimum bleiben.

Gibt es noch irgendetwas, was du sagen möchtest?

Wir arbeiten gerade an einer längeren filmischen Dokumentation über das ganze Ding. Höchstwahrscheinlich wird sie dann auf Film-Festivals und online zu sehen sein. Wir peilen einen Release um Weihnachten an.

Die grundlegende Idee für das ganze Projekt hatten Anicet Leone und Tancrède Melet. Für die filmische Umsetzung erklärte sich Jérémy Frey verantwortlich.

Du willst mehr über die Flying Frenchies erfahren? Dann besuche ihre Website und folge ihnen auf Facebook.

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