Das ist Extremsport! Afghanistans Rennradlerinnen

Sie riskieren täglich ihr Leben beim Sport: Das afghanische Damen-Rad-Nationalteam!
Shannon Galpin
Shannon Galpin © Deni Bechard
Von Sissi Pärsch

Shannon Galpin ist eine ausgezeichnete 40-jährige aus Colorado: National Geographic kürte sie zum Adventurer of the Year, der IOC verlieh ihr soeben das Achievement Diploma. Für was? Für das: Shannon wurde als 18-jährige brutal vergewaltigt und kam dabei fast ums Leben. Jahre später ist sie glücklich schwanger, als auch ihre Schwester an der Uni vergewaltigt wird. Shannon beschließt ihr Leben radikal zu ändern – auch für ihre noch ungeborene Tochter. Sie kündigt ihren Job als Trainerin und gründet die Organisation Mountain2Mountain, mit der sie mit Sportprojekten gegen die Unterdrückung von Frauen kämpft. So landet sie in Afghanistan und trifft dort zufällig auf den Coach des Damen-Rennradteams. Frauen auf dem Rad sind eigentlich ein absolutes Tabu. Die Mädchen trainieren unter den härtesten Bedingungen, werden beschimpft und bedroht, fahren weiter – und werden immer mehr. Wir haben mit Shannon über ihre ‚Biker-Gang’ gesprochen.

Shannon mit Coach und Team
Shannon mit Coach und Team © Shannon Galpin

Shannon, Du bist einst nach Afghanistan, weil das Land als einer der schlimmsten Orte für Frauen gelistet wird...

Genau. Ich bin damals als erste Frau durch Afghanistan gebikt. Es ist einer der schrecklichsten Orte für Frauen – und gleichzeitig ein so unglaublich schönes Land voller wunderbarer Menschen.

Einer von ihnen ist der Coach des Damen-Teams, den Du zufällig getroffen hast. Wie war das, als Du sie das erste Mal fahren gesehen hast?

Es war mir sofort klar, dass die Mädchen hier Geschichte schreiben. Was sie tun ist sowas von radikal. Sie riskieren ihr Leben und verändern dadurch den Blick auf die Frauen in ihrem Land. Genau daran glaub ich: Durch Sport lassen sich fest gefahrene Konstrukte aufbrechen, Dinge wortwörtlich bewegen, so viel Selbstbewusstsein gewinnen – und Spaß haben die Mädchen schon auch.

Das Team genießt die "friedlichen" Straßen
Das Team genießt die "friedlichen" Straßen © Deni Bechard

Wie läuft das Training ab?

Jedes Training bedeutet grundsätzlich mal, das eigene Leben aufs Spiel zu setzen. Sie werden beschimpft oder mit Steinen beworfen, weil viele Männer es natürlich als absolute Provokation sehen. Gleichzeitig gibt es recht wenig asphaltierte Straßen und auf denen herrscht entsprechend brutaler Verkehr. Die Mädels sind extrem mutig, aber eben auch hochgradig motiviert, weil es für sie Lebensqualität und Lebensfreude ist – und es ihr Leben komplett verändert hat. Dieses Jahr waren wir doch tatsächlich im Trainingslager...

Wo ging’s hin?

Nach Bamiyan – eine der sichersten Gegenden in Afghanistan. Frisch asphaltierte Straßen und wenig Verkehr, weil es sehr einsam liegt. Dazu diese epische Landschaft, es war unfassbar. Wir konnten dort alles machen. Wandern, Biken, sogar Skifahren. Einfach generell alles erkunden und entdecken – gleichzeitig ging es in Kabul wegen der Wahlen richtig zur Sache...

Wie sieht es eigentlich mit dem Material aus?

In der Anfangszeit fuhr das Team auf irgendwas mit zwei Rädern. Wenn man so möchte unfreiwilliges Single-Speed-Pedalieren. Keine von ihnen hatte eine Ahnung vom Schalten oder von der Technik generell. Inzwischen haben wir zig gute Räder nach Afghanistan gebracht und einiges an Ausrüstung. In diesem Jahr waren es allein 55 Rennräder. Das Team ist ehrgeizig, trainiert entsprechend und wächst. Das Material motiviert zusätzlich. Außerdem breitet sich der Sport unter den Frauen im Land aus...

Es sitzen immer mehr Frauen auf dem Sattel?

Ja, absolut. Ich fahre mindestens zweimal im Jahr nach Afghanistan und jedes Mal freue ich mich, mehr und mehr radelnde Frauen zu sehen. Mädchen bringen anderen Mädchen das Radfahren bei. Es gibt tatsächlich so etwas wie eine „Revolution auf zwei Rädern“. Nicht nur in der Gegend von Kabul, sondern auch in anderen Regionen. In Bamiyan habe ich mich mit zwei Frauen getroffen, die ihren eigenen Bike Club aufziehen wollen.

Mädchen, die alles auf den Kopf stellen...

Genau! Sie machen das soziale Tabu nichtig. Auch im Alltag. Radfahren bedeutet für Frauen eine komplett neu gewonnene Freiheit. Als Transportmittel, als Sport oder im Alltag einfach weil es Spaß macht. Sie gewinnen immens viel Selbstbewusstsein daraus. Gerade eben haben wir zehn Straßenräder verteilt, die sogar vor Ort produziert wurden. Ein weiterer Punkt, den wir anschieben wollen.

© Hatherleigh Press

Wir hören so viele negative Sachen aus Afghanistan, was packt Dich an dem Land?

Es ist wild und unglaublich schön. Es schreit danach, erkundet zu werden. Das Land ist voller wahnsinnig netter Menschen, die auf eine friedliche Zukunft hoffen. Viele riskieren ihr Leben wie meine Biker Gang, die Politikerinnen oder auch die Studenten, die auf die Straße gehen und demonstrieren. Sie haben jegliche Unterstützung verdient.

Du hast Deine Autobiografie herausgebracht, baust den Radsport in Afghanistan aus – was kommt als nächstes?

Oh, sehr vieles. Gerade haben wir mit einem amerikanischen Filmteam den finalen Teil einer Doku über das Team gedreht. Und wir wollen das, was wir ins Rollen gebracht haben weiter anschieben. Da gibt’s genug zu tun...


Wer mehr über die Projekte erfahren oder spenden will:

Shannons Geschichte über Afghanistan
Shannons Geschichte über Afghanistan © Shannon Galpin
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